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Christoph Schlingensief:
Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine
Der Gropius Bau zeigt ab dem 9. Oktober die umfangreichste Schlingensief-Werkschau in Deutschland seit über zehn Jahren. Sie ist keine Retrospektive – sie stellt Arbeiten gegeneinander, die einander nie beruhigen.
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Christoph Schlingensief (1960–2010) hat mit Theater, Oper, Film und bildender Kunst nicht vier Disziplinen bedient, sondern die Grenzen zwischen ihnen aufgelöst. „Es ist nicht mehr mein Problem, macht eure Scheiße alleine“ heißt die Ausstellung, die vom 9. Oktober 2026 bis zum 17. Januar 2027 im Gropius Bau zu sehen ist: acht Räume und der Lichthof, rund neun Werkkomplexe vom Ende der 1990er bis zum Ende der 2000er Jahre, Installationen und Videoarbeiten, eingeordnet durch dokumentarisches Film- und Archivmaterial.
Kaprow City im Lichthof
Den Auftakt bildet im kostenfrei zugänglichen Lichthof „Kaprow City“ (2006/07). Die begehbare Drehbühne entstand 2006 für Schlingensiefs letztes Theaterstück an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, das über die letzten Stunden von Lady Diana vor ihrem Unfalltod 1997 spekulierte. 2007 baute er das Bühnenbild für das Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich zu einer eigenständigen Arbeit um: Inszenierungsaufnahmen, Fragmente älterer Projekte und private Super-8-Filme aus seiner Kindheit überlagern sich in Kinokammern zu einem Bildraum, den niemand vollständig erfassen soll. Es ist eine der wenigen erhaltenen installativen Arbeiten Schlingensiefs.
© Courtesy Nachlass Christoph Schlingensief, Foto: Edzard Piltz
Der Glaube an die Angst
Im ersten Ausstellungsraum steht „Church of Fear“, 2003 auf der 50. Biennale von Venedig gezeigt. Schlingensief gründete die parodistische Glaubensgemeinschaft am Tag der US-amerikanischen Invasion des Irak; ihr einziges Dogma war der „Glaube an die Angst“. Das Projekt zielte auf die Instrumentalisierung von Furcht, die politische Konstruktion von Bedrohung und die Ausweitung staatlicher Kontrolle nach dem 11. September 2001. Wer das heute liest, muss nicht lange nach Anschlussstellen suchen.
Wähle dich selbst!
Von dort läuft die Ausstellung in zwei Richtungen. Zurück in die späten 1990er und frühen 2000er: „Chance 2000“ (1998–1999), die Parteigründung vor der Bundestagswahl, die das Scheitern zum Prinzip erklärte und sich als Plattform für Menschen verstand, die im politischen System kaum vorkommen – Menschen mit Behinderungen, erwerbs- und wohnungslose Personen. Der Wahlspruch: „Wähle dich selbst!“
© Aino Laberenz, Foto: kunst-dokumentation.com/MAK
„Hamlet – This Is Your Family“ (2001) am Schauspielhaus Zürich besetzte Shakespeare mit vermeintlich ausstiegswilligen Neonazis und stellte Publikum wie Beteiligten die Frage, ob ein glaubwürdiger Bruch mit rechter Ideologie überhaupt möglich ist. Für „Freakstars 3000“ (2002) produzierte Schlingensief mit Bewohner*innen des Tiele-Winckler-Hauses in Berlin-Lichtenrade eine sechsteilige Serie für Viva Plus, die sich die Ästhetik von Castingshows aneignete – und die Bezüge zu historischen „Freakshows“ nicht kaschierte, sondern ausstellte. Verhandelt wurde damit, wer sich selbst repräsentieren darf.
Wagner in Namibia
Vorwärts führt die zweite Linie zu Film und Oper. „The African Twin Towers“ (2005/07) war als Erzählung über ein von Wagner-Nachfahr*innen in Namibia organisiertes Musikfestival geplant; bei den Dreharbeiten im namibischen Lüderitz entstand mit Schauspieler*innen und Bewohner*innen ein improvisiertes Nachstellen nordischer Heldensagen, westlicher Filmklassiker und kolonialer Szenen. Übrig blieb eine 18-Kanal-Videoinstallation aus ungeschnittenem Rohmaterial.
© Aino Laberenz
„Ohne Titel (,Der Fliegende Holländer‘, Manaus)“ (2007) ging aus Schlingensiefs Inszenierung am Teatro Amazonas hervor, für die er lokale Tänze und Musik einbezog, um den eurozentrischen Charakter der Gattung aufzubrechen – und dabei koloniale Motive selbst aufgriff, um seine eigene Rolle als europäischer Künstler im Amazonasgebiet zu kommentieren. Die vierteilige Installation „Ohne Titel (Hasenverwesung; Drosophila Melanogaster; Holländer 2c; Fremdverstümmelung)“ (2007) bündelt Filme aus seinen Opernprojekten.
Was der Rahmen leistet
Die Schau steht im Haus neben Gabriele Stötzers Einzelausstellung und der Gruppenausstellung „Kreuzberg: Kunst und Migration seit 1960“. Direktorin Jenny Schlenzka kündigt für das Frühjahr 2027 eine große Gruppenausstellung zum Themenkomplex Deutschland an, die diese Linie fortsetzt.
Kuratiert hat Raphael Gygax mit Dalwin Kryeziu und Christopher Wierling, in Zusammenarbeit mit Aino Laberenz vom Nachlass Christoph Schlingensief. Die Ausstellung ist ein gemeinsames Projekt von Gropius Bau / Berliner Festspiele, Wiener Festwochen | Freie Republik Wien und MAK – Museum für Angewandte Kunst.
Zum Programm gehören Performances, ein Konzert und Screenings. Am 19. November läuft eine kostenfreie Ausgabe der Reihe „Spätschicht“, kuratiert mit der Regisseurin und Künstlerin Anta Recke. Am 20. und 21. November richtet die Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz gemeinsam mit dem Gropius Bau ein Sonderprogramm aus.
Acht Räume, neun Werkkomplexe, ein Lichthof ohne Eintritt. Drei Monate Zeit. Hingehen.
Mehr Infos und Tickets unter berlinerfestspiele.de/gropius-bau