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TURKEY-PRIDE-RIGHTS
Archivbild aus 2022: Seit 11 Jahren zeigen Mutige Gesicht gegen das Pride-Verbot
Die türkische Polizei hat den Istanbuler Pride erneut mit Eisenzäunen, gesperrten Plätzen und Massenfestnahmen überzogen. Unter den Festgenommenen ist auch eine Journalistin. Was nach einer Eskalation aussieht, hat System: Seit elf Jahren in Folge wird der Marsch verboten – und jedes Jahr gehen die Menschen trotzdem auf die Straße.
Es ist ein Ritual geworden, das sich mit beklemmender Regelmäßigkeit wiederholt. Am Sonntag hat die türkische Polizei bei der Pride-Parade in Istanbul mindestens 50 Menschen festgenommen, wie die Organisator*innen mitteilten. Die Behörden hatten den Marsch im Vorfeld verboten, den zentralen Taksim-Platz mit Eisenzäunen abgeriegelt und auch andere Versammlungsorte gesperrt – darunter den Stadtteil Kadıköy auf der asiatischen Seite. Teilweise wurde sogar der Nahverkehr eingeschränkt, um Menschen am Zusammenkommen zu hindern.
Unter den Festgenommenen war auch die Journalistin Müberra Ünsal. Obwohl sie sich mehrfach mit gültigem Presseausweis auswies, nahm die Polizei sie in Gewahrsam, wie die türkische Journalist*innengewerkschaft auf X mitteilte: „Journalisten, die über die Istanbuler Pride Parade berichteten, sahen sich auch in diesem Jahr wieder unrechtmäßigen Eingriffen ausgesetzt." Das „auch in diesem Jahr wieder" ist dabei der entscheidende Halbsatz.
Ein Verbot mit Methode – seit 2015
Wer das Geschehen in Istanbul nur als Einzelfall liest, verkennt die Dimension. Der Istanbul Pride fand erstmals 2003 statt – mit einer Handvoll mutiger Menschen auf der İstiklal Caddesi. Die Türkei war damit das erste mehrheitlich muslimische Land mit einer offenen Pride-Parade. In den Folgejahren wuchs der Marsch rasant: 2013, im Jahr der Gezi-Proteste, zogen rund 100.000 Menschen durch die Innenstadt, der größte queere Aufmarsch Südosteuropas.
Foto: Diego Cupolo / NurPhoto / AFP
2023
Dann kam 2015. Seither verbietet die der Zentralregierung unterstellte Gouverneursverwaltung den Marsch Jahr für Jahr – mal mit Verweis auf die „öffentliche Sicherheit", mal auf „gesellschaftliche Werte". 2026 ist damit das elfte Verbot in Folge. In all diesen Jahren reagierte der Staat mit Tränengas, Gummigeschossen, Wasserwerfern und Festnahmen; 2022 nahm die Polizei über 200 Menschen fest. Wer also sagt, das gehe „schon seit Jahren so", untertreibt eher: Es geht seit über einem Jahrzehnt so – systematisch, geplant, mit dem vollen Apparat des Staates.
Repression im Vorfeld: gesperrte Accounts, geschlossene Bar, verhafteter Journalist
Auch in diesem Jahr ging dem Marsch eine Eskalationswelle voraus. In den Wochen davor ließen die Behörden dutzende X-Accounts türkischer LGBTIQ*-Organisationen sperren. Festgenommen wurde Yıldız Tar, Chefredakteur*in der ältesten queeren Nachrichtenplattform des Landes, KaosGL – ein weiterer Name auf einer langen Liste verfolgter Aktivist*innen und Journalist*innen.
Foto: Bülent Kilic / AFP
2021
Am Samstag ordneten die Behörden zudem die Schließung einer queeren Bar in Istanbul an – offiziell wegen nicht näher bezeichneter „Verstöße". Zuvor hatten islamistische Gruppen den Betreiber ins Visier genommen, der laut Medienberichten den Istanbul-Stopp einer internationalen LGBTIQ*-Kreuzfahrt organisiert haben soll. Das Schiff sollte am 8. Juli in Istanbul anlegen; der Veranstalter sagte den Halt nach den Kampagnen ab. Ein Muster, das man kennt: erst die Hetze von rechts und religiös-konservativer Seite, dann das behördliche Durchgreifen.
„Ihr könnt uns nicht zum Schweigen bringen"
Erdoğan stellt die queere Community regelmäßig an den Pranger und macht sie unter anderem für den Geburtenrückgang im Land verantwortlich. Seine Regierung hat 2025 zum „Jahr der Familie" erklärt – inzwischen ist von einer „Dekade der Familie" die Rede. Im Hintergrund droht ein Gesetzespaket, das „Propaganda" mit bis zu drei Jahren Haft bestrafen und die Gesundheitsversorgung von trans Personen massiv einschränken könnte. Die Repression ist also keine Frage der Vergangenheit, sondern eine angekündigte Verschärfung.
Und doch: Aufgeben kommt nicht infrage. Die Teilnehmer*innen demonstrierten am Sonntag in mehreren Stadtvierteln, liefen pfeifend durch die Straßen, wurden von Zivilpolizist*innen gestoppt – und machten weiter. „Der Tag ist noch nicht vorbei. Tatsächlich fangen wir gerade erst an. Wir geben nicht auf", skandierten sie. Die Istanbuler Anwaltskammer entrollte an ihrem Sitz an der İstiklal-Straße ein Transparent mit der Aufschrift „LGBT ist ein Menschenrecht".
Die Organisator*innen warfen der Regierung vor, Lesben, Schwule, Trans- und Bisexuelle ins Visier zu nehmen, statt gegen Femizide und Vergewaltigungen vorzugehen. „Ihr könnt unsere Stimmen nicht durch Repression, unsere Slogans nicht mit Verboten zum Schweigen bringen", erklärten sie.
Elf Jahre Verbot, elf Jahre Polizeigewalt – und elf Jahre Widerstand, der sich nicht brechen lässt. Das ist die eigentliche Nachricht aus Istanbul. *ck
Quellen: AFP, dpa, France 24, queer.de, KaosGL, Wikipedia. Stand: 29. Juni 2026.