Dieser Tage erreichte unsere Redaktion eine freundlich gemeinte Leser*innen-Mail. Ob man nicht, so die Frage, „vom Labor-Ursprung des Corona-Virus zum Labor-Ursprung des HIV-Virus" übergehen könne – oder ob man damit „in Teufelsküche" gerate. Im Anhang: ein Dokument, das sich auf einen Beitrag des Portals NIUS stützt. Die These: Was bei Corona angeblich vertuscht wurde, sei bei HIV schon 1982 passiert. Ein im Labor scharf gemachtes Virus, getarnt als natürlicher Sprung vom Tier zum Menschen.
Die ehrliche Antwort lautet: In die Teufelsküche kommt, wer NIUS – das Kulturkampf-Portal des früheren „Bild"-Chefs Julian Reichelt – für eine virologische Quelle hält. Aber die Sache lohnt eine genauere Betrachtung, denn sie zeigt mustergültig, wie aus einer berechtigten Frage eine Verschwörungserzählung gebastelt wird.
Der Trick mit dem Trojaner
Das Manöver funktioniert über eine Brücke. Auf der einen Seite steht eine echte, offene Debatte: Wo SARS-CoV-2 herkommt, ist wissenschaftlich bis heute nicht abschließend geklärt. Die US-Geheimdienste sind sich uneins – das FBI und das Energieministerium tendieren zu einem laborbezogenen Vorfall, die CIA stufte 2025 einen forschungsbezogenen Ursprung mit geringer Sicherheit als wahrscheinlicher ein, andere Dienste halten den natürlichen Übersprung für plausibler. Die Mitte Juni 2026 von der scheidenden Geheimdienstkoordinatorin Tulsi Gabbard veröffentlichten Dokumente, an denen sich auch der NIUS-Text entzündet, haben diese Debatte erneut befeuert – ohne sie zu entscheiden. Eine legitime, unentschiedene Frage also.
Auf der anderen Seite steht eine längst beantwortete Frage: die Herkunft von HIV. Und der Trick besteht darin, die Unsicherheit der ersten auf die zweite zu übertragen. „Wenn Corona aus dem Labor sein könnte – warum dann nicht HIV?" Der Analogieschluss klingt aufgeklärt-kritisch. Er funktioniert aber nur, solange man die Fakten nicht kennt.
Warum HIV nicht aus dem Labor stammen kann
Illustration: KI erstellt
Das eingereichte Dokument liefert seine eigene Widerlegung gleich mit. Seine – im Kern sogar korrekte – Geschichte der Gain-of-Function-Forschung beginnt 1972: Damals gelang dem US-Biochemiker Paul Berg an der Stanford University erstmals, DNA künstlich zu rekombinieren. Vorher gab es schlicht keine Technik, mit der sich ein Virus gezielt „bauen" ließe.
Das Problem für die Laborthese: HIV war zu diesem Zeitpunkt längst da. In einer erhaltenen menschlichen Gewebeprobe aus dem damaligen Léopoldville, dem heutigen Kinshasa, ist HIV bereits für das Jahr 1959 nachgewiesen – dreizehn Jahre, bevor die Gentechnik überhaupt existierte. Eine zweite Probe von 1960 zeigt das Virus schon in mehrere Unterlinien aufgefächert. Es war also nicht nur da, es zirkulierte und veränderte sich bereits seit geraumer Zeit.
Molekulargenetische Stammbaum-Analysen datieren den Übersprung vom Tier auf den Menschen entsprechend auf das frühe 20. Jahrhundert, grob um 1920, in West- und Zentralafrika. Der Erreger sprang dabei von Schimpansen über (vom Affenvirus SIVcpz) – nicht, wie das Dokument an einer Stelle behauptet, von einer Fledermaus. An diesem Detail merkt man, wie achtlos hier Versatzstücke der Corona-Erzählung auf HIV montiert wurden:
Die Fledermaus gehört in die Wuhan-Geschichte, nicht in die von Kinshasa.
Und die ominöse Jahreszahl 1982? Das ist das Jahr, in dem der Begriff Aids geprägt wurde – der Moment, in dem die Krankheit in den USA einen Namen bekam, nachdem im Sommer 1981 erste Fälle unter schwulen Männern aufgefallen waren. 1982 markiert also die Entdeckung der Krankheit, nicht die Entstehung des Virus. Diese Verwechslung von Erkennen und Entstehen ist der ganze Denkfehler – ein Virus, das seit rund vier Jahrzehnten unbemerkt in Menschen kreiste, wird zur Laborschöpfung von gestern umgedeutet.
Eine Lüge mit Geschichte
Das eigentlich Bemerkenswerte ist: An der Behauptung „HIV stammt aus einem US-Labor" ist nichts neu. Sie ist keine kühne Hypothese, sondern eine der erfolgreichsten Desinformationskampagnen des Kalten Krieges.
In den 1980er Jahren streute der sowjetische Geheimdienst KGB – mit Unterstützung der DDR-Staatssicherheit – gezielt die Erzählung, das HI-Virus sei als Biowaffe im US-Militärlabor Fort Detrick in Maryland gezüchtet worden. Die Operation lief unter dem Stasi-Decknamen „Denver", bekannt wurde sie als „Operation INFEKTION". Lanciert über eine sowjetisch finanzierte Zeitung in Neu-Delhi im Sommer 1983, fand die Geschichte über Jahre ihren Weg in Medien rund um den Globus. Besonders perfide:
Die Kampagne zielte bewusst auch auf Schwarze und schwule Communities, weil das Misstrauen gegenüber Staat und Behörden dort fruchtbaren Boden fand.
Erst die Entspannungspolitik unter Gorbatschow beendete den Spuk. Ende der 1980er distanzierte sich die sowjetische Wissenschaftsakademie öffentlich, 1992 räumte der Auslandsgeheimdienst-Chef Jewgeni Primakow ein, dass der KGB hinter den Artikeln gesteckt hatte. Wer die These heute wieder aufkocht, wiederholt – ob bewusst oder nicht – ein Stück sowjetischer Propaganda.
Warum uns das nicht egal sein darf
Man könnte das alles als kuriose Fußnote abtun. Das wäre ein Fehler. HIV-Verschwörungserzählungen haben eine Bilanz, und sie ist tödlich. Die Aids-Leugnung der südafrikanischen Regierung unter Thabo Mbeki, die antiretrovirale Medikamente jahrelang verweigerte, hat nach wissenschaftlichen Schätzungen Hunderttausende Menschenleben gekostet. Wo Misstrauen gesät wird, lassen sich Menschen seltener testen, beginnen später mit der Therapie, schützen sich nicht. Mythen über die Herkunft des Virus haben Stigma genährt, das unsere Community über Jahrzehnte mit sich getragen hat.
Genau deshalb ist der Umgang mit solchen Erzählungen für ein queeres Magazin kein Nebenschauplatz. Kritische Fragen zu stellen, ist richtig – auch zur Sicherheit von Hochrisikoforschung, auch zur Rolle von Behörden, auch im Fall Corona, wo vieles offen bleibt. Aber eine offene Frage ist kein Freibrief, eine geschlossene wieder aufzureißen. Der Unterschied zwischen legitimer Skepsis und Verschwörungserzählung liegt nicht in der Haltung, sondern in der Faktenlage.
Bei HIV ist die Faktenlage eindeutig. Das Virus kam aus dem Regenwald, nicht aus dem Reagenzglas. Und die Behauptung des Gegenteils kam nicht aus der Wissenschaft, sondern aus Moskau.