Ihr habt jetzt schon zum zweiten Mal einen ganzen Film nur mit KI produziert. Zuerst „Romeo and Julian“ und jetzt der Nachfolger. Ich musste beim Schauen wirklich überlegen, ob alles KI ist oder ob da auch reale Filmaufnahmen drin sind. Wie kamt ihr auf die Idee?
Tatsächlich sind es schon zwei Filme, die wir produziert haben, und der nächste für unseren Geburtstag steht bereits in den Startlöchern. Dann verlassen wir die Stummfilm-Ära, und die Charaktere werden zum ersten Mal sprechen. Die Idee entstand eigentlich aus einer gewissen Langeweile heraus und weil ich grundsätzlich gerne Geschichten erzähle. Man kann KI als eine Art Traummaschine begreifen, mit der man Träume und Visionen visualisieren kann.
Ich war erstaunt, wie weit ihr bei den Andeutungen gehen konntet, gerade bei dem Fetisch-Thema. Da schrillen bei mir schnell die Alarmglocken in Bezug auf die als prüde bekannten amerikanischen Plattformen. Musstet ihr da Szenen manuell einfügen oder kam das alles aus der Maschine?
Nein, das kommt wirklich alles aus der Maschine, alles andere wäre viel zu aufwendig. Aber man muss schon ein bisschen um die Grenzen herumtänzeln. Man merkt ganz deutliche Limitationen: Die Darsteller müssen Hosen anhaben, und wenn es Badehosen sein sollen, dann nur am Strand. Das Thema Fetisch funktionierte ganz gut, weil die Leute dabei angezogen sind. Wir hatten aber auch eine Szene, die nicht veröffentlicht wurde: die klassische Romeo-und-Julia-Szene in der Gruft, in der Romeo die Giftflasche hochhält. Das hat die KI zum Schutz von Kindern nicht generiert.
Wie viel Zeit habt ihr in die ersten beiden Filme investiert?
Das ist schwer abzugrenzen, aber ich würde sagen, insgesamt etwa zwei Wochen, also um die 80 Stunden. Wenn man es besser planen und nicht so viel verwerfen würde, käme man wahrscheinlich auch mit einer Woche aus.
Illustration: KI erstellt I ROMEO
Was schätzt du, was eine solche Produktion auf herkömmliche Weise gekostet hätte?
Ich habe da wenig Erfahrung, aber ich befürchte, mit den ganzen Limousinen-Szenen, dem Privatjet und dem Absperren eines Flughafens würden wir uns in Richtung einer Million Euro bewegen.
Das ist Wahnsinn. Wie siehst du denn generell die Möglichkeiten von KI? Bist du eher ein Spielkind, das alles ausprobiert, oder doch ein Bedenkenträger?
Ich bin da ambivalent. Ich glaube, wie bei jeder großen Erfindung – sei es Atomkraft oder Ähnliches – kommt es darauf an, was wir daraus machen. Sich der Technologie zu verweigern, wird auf Dauer nicht funktionieren, man kann sich dem nicht entziehen. Natürlich stellen sich moralische Fragen. Wir sehen das auch in den Kommentaren zu unseren Filmen: Einerseits gibt es eine große Skepsis gegenüber KI, andererseits aber auch eine sehr hohe Like-Rate. Das Thema polarisiert. Was ich vermisse, ist eine breite, grundsätzliche gesellschaftliche Diskussion über KI.
Ihr habt ja auch eine Umfrage zum Thema KI im Dating gemacht. Dabei seid ihr sehr konkret geworden, mit Fragen zu einem „KI-Freund“, der für einen antwortet. Was war der Auslöser dafür?
Der direkte Auslöser war die Ankündigung von Grindr, genau das machen zu wollen. Die planen, einen KI-Wingman einzubauen, der deine Nachrichten liest und für dich antwortet. Da wir nicht über dieselben Ressourcen verfügen, um sofort mitzuziehen, wollten wir erst einmal wissen: Was wollen die Leute eigentlich? Wir brauchten eine moralische Orientierung, nicht nur für das Unternehmen, sondern auch für die Community.
Dieses Wingman-Konzept hat ja auch gravierende Implikationen für die Privatsphäre. Die KI müsste ja die Chats der anderen Person mitlesen, um überhaupt antworten zu können – ohne deren Einverständnis.
Genau das ist der Punkt, wo es wirklich heikel wird. Wenn jemand für sich selbst entscheidet, einen KI-Freund nutzen zu wollen – okay, das ist eine persönliche Entscheidung. Aber sobald eine zweite Person involviert ist, deren private Chats ohne ihr Einverständnis analysiert werden, wird eine Grenze überschritten. Die Frage des Einverständnisses ist zentral: Möchte ich mich mit einer Maschine unterhalten und möchte ich vorher gefragt werden?
Illustration: KI erstellt I ROMEO
Darfst du schon einen kleinen Vorgeschmack auf die Ergebnisse der Umfrage geben?
Ja, das Ergebnis ist ziemlich eindeutig: Wir werden so etwas nicht machen. Unsere Nutzer wollen das eindeutig nicht. Im Moment haben wir nicht das Bedürfnis, da in der ersten Reihe zu stehen. Unser Motto ist „Dates, Friends, Love“, und wir finden, da kann man sich auch selbst ein bisschen bemühen.
Können wir uns denn auf weitere Filme freuen?
Ja, zu unserem 24. Geburtstag wird der nächste Film erscheinen. Außerdem haben wir große Pläne für die nächsten 18 Monate, bei denen KI im Software Engineering eine wichtige Rolle spielen wird. Dazu wird es in der ersten Oktoberwoche eine Ankündigung geben, und dann veröffentlichen wir auch den nächsten Film.
*Interview: Christian Knuth