Beim vergeblichen Versuch, einen Siphon abzudichten, kam dem Autor dieses Kommentars ein Satz in den Sinn, den Friedrich Merz 2023 über Olaf Scholz gesagt hat. Bei zehn Prozent Zufriedenheit ist es Zeit, den Kanzler daran zu erinnern.
Illustration: KI-erstellt
Der Siphon unter seinem Waschbecken war ursprünglich ein Chromteil. Inzwischen ist es eines aus Kunststoff, weil Kunststoff sich angeblich leichter abdichten lässt. Es tropft trotzdem. Bis heute. Seiner Freundin gegenüber hat er die Lage im ältesten Witz der Branche zusammengefasst: Gas, Wasser, Scheiße. Und hinzugefügt, es habe schon seinen Grund, dass Klempner*in ein Ausbildungsberuf ist.
Irgendwo zwischen Überwurfmutter und Dichtung, auf dem Badezimmerboden, fiel ihm dann ein Satz ein, der fast drei Jahre alt ist. Unter dem Becken klingt er anders als im Plenarsaal. Wer selbst an so einem Ding gescheitert ist, hört darin vor allem Verachtung für alle, die es dicht bekommen.
Zwei Nummern zu groß
Am 28. November 2023, direkt nach der Regierungserklärung von Olaf Scholz zur Haushaltslage, stand Friedrich Merz als Oppositionsführer am Pult und sagte dem damaligen Kanzler ins Gesicht, er sei ein „Klempner der Macht“. Die Schuhe des Kanzleramts seien Scholz mindestens zwei Nummern zu groß.
In der Sache hatte Merz einen Punkt. Das Bundesverfassungsgericht hatte am 15. November 2023 das Zweite Nachtragshaushaltsgesetz 2021 für nichtig erklärt, dem Klima- und Transformationsfonds fehlten damit 60 Milliarden Euro. Merz hielt Scholz für den Architekten dieser Konstruktion. Wer Löcher mit Buchungstricks stopft, muss sich Kritik gefallen lassen. Nur hat Merz dafür das falsche Bild gewählt. Löcher notdürftig zuschmieren ist Pfusch, und Klempner*innen sind die Leute, die man ruft, um Pfusch zu beseitigen. Wer beides verwechselt, zeigt, wie wenig er von Menschen hält, die mit den Händen arbeiten.
Wasser im Bogen
Ein Siphon hat eine erstaunlich elegante Aufgabe. In seinem Bogen bleibt immer etwas Wasser stehen, und genau dieses Wasser hält zurück, was aus dem Abfluss nach oben will. Geruchsverschluss heißt das. Er funktioniert nicht durch Kraft, sondern weil etwas zuverlässig an seinem Platz bleibt.
Anfang Juli 2025 verteidigte Merz bei Maischberger in der ARD die Entscheidung von Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, zum Berliner CSD keine Regenbogenfahne auf dem Reichstag zu hissen. Der Bundestag sei schließlich „kein Zirkuszelt“. Sein stärkstes Argument lieferte er gleich mit: Die Fahne wehe dort am 17. Mai, dem Internationalen Tag gegen Homophobie. Über Beflaggungsregeln lässt sich streiten. Über das Bild nicht. Die Queerbeauftragte der Bundesregierung, Sophie Koch, widersprach, ebenso der Verband Queere Vielfalt, der Merz vorwarf, Ausgrenzung zu normalisieren. Zustimmung kam aus einer anderen Richtung: Bernd Baumann, Parlamentarischer Geschäftsführer der AfD, stellte sich hinter den Kanzler und nannte die Fahne ein Symbol linksgrüner Politik.
Regenbogen zu unseriös, AfD-Applaus kein Problem.
Derselbe Merz hat die AfD zum Hauptgegner erklärt und eine strikte Trennlinie versprochen. Ein Geruchsverschluss, der nur so lange hält, wie niemand von unten Beifall klatscht, verdient seinen Namen nicht.
Was durchsickert
Die Reihe ist eindeutig. Im Juni 2025 waren laut DeutschlandTrend noch 39 Prozent mit Merz zufrieden. Anfang September 2026 waren es 13 Prozent, jetzt sind es 10 Prozent, der niedrigste Wert für einen Kanzler seit Beginn der Erhebung 1997. Dazwischen liegen die Landtagswahlen im September. In Sachsen-Anhalt kam die AfD am 6. September auf 43,8 Prozent, die CDU auf 17,2. In Mecklenburg-Vorpommern scheiterte die CDU zwei Wochen später mit 4,9 Prozent an der Fünf-Prozent-Hürde und verpasste damit erstmals in der Geschichte der Bundesrepublik den Einzug in einen Landtag.
Das Zirkuszelt allein erklärt diese Zahlen nicht. Der Streit um Pflegereform, Einkommensteuer und Zuckersteuer hat seinen Anteil, die Stadtbild-Debatte auch. Gemeinsam ist all dem ein Ton, der von oben herabblickt: auf Klempner*innen, auf queere Menschen, auf alle, die im Stadtbild angeblich stören.
Feierabend für Ausreden
Jede gute Handwerkerin, jeder gute Handwerker kennt den Moment, in dem man zugeben muss, falsch angeschlossen zu haben. Merz könnte den Zirkuszelt-Satz zurücknehmen. Es kostet ihn nichts und würde mehr abdichten als jede Rede über Brandmauern.
Und der Siphon? Der Anruf bei jemandem, der das gelernt hat, steht demnächst an, bezahlt wird ordentlich. Danach kommt die Frage, die sich auch der Kanzler stellen sollte: Tropft es noch?