In die eh durch die Flüchtlingskrise aufgeheizte und latent islamophobe Stimmung passt die Schlagzeile wie eine Faust aufs Auge: Mehr als die Hälfte der Muslime in Großbritannien wollen Homosexualität verbieten. Nur hat das nichts mit Deutschland zu tun.
Das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage des Meinungsforschungsinstituts ICM unter 1.000 britischen Muslimen und einer Kontrollgruppe von 1.000 Briten ist denkwürdig: Nur 18 Prozent der britischen Muslime sind danach der Meinung, Homosexualität sollte legal sein. 52 Prozent wollen schwulen Sex unter Strafe stellen. Klar, dass in den Kommentarspalten der sozialen Medien schnelle Rückschlüsse auf deutsche Verhältnisse und sogar den Zuzug der Flüchtlinge gezogen werden. Doch wie so oft ist das zu kurz gedacht.
Kaum Flüchtlinge, dafür Parallelgesellschaften
In Großbritannien gibt es gar keinen vergleichbaren Flüchtlingsstrom, die dortige Ablehnung stammt also von Muslimen, die britische Staatsbürger sind und zum Teil seit Jahrzehnten dort beheimatet sind. Anders als in Deutschland ist aber die Stimmung gegenüber Muslimen dort noch weit schlechter. Muslime haben mit Abstand die schlechtesten Chancen auf dem eh angeschlagenen britischen Arbeitsmarkt und sind in Zeiten zunehmender sozialer Spannungen die am meisten diskriminierte und angegriffene Gruppe.
Dem Entstehen von Parallelgesellschaften hat der britische Staat wenig entgegengesetzt. Sozial abgehängte junge Menschen sind offener für radikalisiertes Glaubens- oder Politgedankengut. Das ist traurig, aber ein britisches Problem.
Wie sieht es in Deutschland aus?
Hier kann der Religionsmonitor der Bertelsmannstiftung herangezogen werden, der 2015 repräsentativ nicht „nur“ nach allgemeiner Einstellung zur Homosexualität fragte, sondern explizit nach der Meinung der in Deutschland lebenden Muslime zur Homo-Ehe: 60 Prozent der sich als ziemlich oder sehr religiös einschätzenden befragten Moslems und rund 67 Prozent der wenig religiösen stimmten für die Homo-Ehe. Zum Vergleich: Der der Befragung zugrunde liegende Religionsmonitor der Stiftung hatte bei deutschen Katholiken nur 10 Prozent mehr und bei Protestanten 18 Prozent mehr Zustimmung in dieser Frage ergeben.
In Deutschland haben wir durch die Integrationsprobleme der Gastarbeiter seit dem Jahrtausendwechsel viel daran gearbeitet, vorher begangene Fehler, auch mit falschem Multi-Kulti-Verständnis, abzustellen. Ehemalige Brennpunktschulen, wie die Rütli-Schule in Berlin Neukölln sind zwischenzeitlich Vorzeigeprojekte gelungener Integration.
Nicht zuletzt Ex-Bundespräsident Christian Wulff und Bundeskanzlerin Angela Merkel haben durch ihr Bekenntnis „der Islam gehört zu Deutschland“ dazu beigetragen, dass Muslime bis zum Beginn der Flüchtlingskrise weniger gesamtgesellschaftlicher Ausgrenzung begegneten. Deutschland war auf einem guten Weg, lange nicht am Ziel, doch von Horrorzuständen wie in Großbritannien, Belgien oder Frankreich meilenweit entfernt.
Dieser Weg muss weiterbeschritten und angesichts der über eine Million neuen Mitbürger intensiviert werden.
