Der Eurovision Song Contest verliert auch 2027 eines seiner traditionsreichsten Teilnehmerländer. Die Niederlande haben ihre Teilnahme für das kommende Musikereignis im bulgarischen Burgas offiziell abgesagt. Der zuständige Sender Avrotros übt scharfe Kritik an der aktuellen Entwicklung des Wettbewerbs und sieht dessen Grundwerte in Gefahr.
Foto: NIKOLAY DOYCHINOV / AFP
DARA feiert den Sieg in Sofia, Bulgarien – hier soll 2027 der nächste ESC stattfinden. Ohne die Niederlande
Verlust der musikalischen Neutralität
Taco Zimmerman, Generaldirektor der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt Avrotros, begründete den drastischen Schritt mit den zunehmenden Auswirkungen internationaler Krisen auf das Event. Der ESC sei laut Regelwerk der Neutralität verpflichtet, habe sich aber zuletzt immer mehr zu einer „Plattform für Spaltung“ entwickelt.
Obwohl der Staat Israel in der offiziellen Erklärung nicht namentlich genannt wurde, ist der geopolitische Kontext eindeutig:
- Nahost-Konflikt als Auslöser: Der Sender verweist explizit auf die anhaltenden Spannungen im Nahen Osten, die seit dem Terrorangriff der Hamas im Oktober 2023 und der darauffolgenden israelischen Militäroperation im Gazastreifen das internationale Klima belasten.
- Fortsetzung des Boykotts: Bereits beim diesjährigen ESC in Wien blieben die Niederlande dem Wettbewerb fern. Gemeinsam mit anderen Nationen, darunter Spanien, hatten sie erfolglos den Ausschluss Israels gefordert.
Ungewisse TV-Zukunft in Hilversum
Für die niederländische Musikszene ist der Rückzug ein herber Schlag. Das Land gehört zu den Gründungsmitgliedern des Contests und konnte die Trophäe bereits fünfmal nach Hause holen – zuletzt 2019 durch den Sänger Duncan Laurence. Der übergeordnete öffentlich-rechtliche Rundfunk (NPO) zeigte zwar Verständnis für die Haltung von Avrotros, ließ aber offen, wie es nun weitergeht:
Es ist derzeit unklar, ob ein anderer Sender einspringen und die Verantwortung für einen niederländischen Beitrag übernehmen möchte. Sollte sich keine Alternative finden, droht ein kompletter TV-Ausfall des Wettbewerbs in den Niederlanden.
Neue Gastgeber, neue Teilnehmer
Während sich in Westeuropa Skepsis breitmacht, bereitet sich Osteuropa auf eine Premiere vor. Am 15. Mai 2027 wird die 71. Ausgabe des Wettbewerbs erstmals in Bulgarien ausgetragen. Die Küstenstadt Burgas ist Gastgeberin, nachdem die Sängerin Dara den Contest im Vorjahr mit ihrem Song Bangarang gewinnen konnte. Zudem erweitert sich die internationale ESC-Familie trotz der europäischen Boykott-Debatten: Kanada hat bereits seine Teilnahme für 2027 bestätigt.