Agentur Filmgesichter Casting
Es beginnt mit einer ungewöhnlichen Zahl: 100 Männer. Gesucht werden sie in Köln für einen Kinofilm, eine Romanverfilmung, die im Amsterdam der 1980er-Jahre spielt. Eine „Schwulenklub-Szene“ soll entstehen. Gesucht wird ein „natürlicher Mix verschiedenster Typen“, ausdrücklich auch Männer, die sich vorstellen können, glaubwürdig Teil dieser Klubwelt zu sein. Do you wanna funk?
Auf den ersten Blick ist das eine gewöhnliche Casting-Anzeige auf Social Media. Alter, Fotos, Gage, Kostümprobe. Und doch steckt in den Details ein kleines gesellschaftliches Zeitdokument. Denn gesucht wird nicht einfach irgendeine Menschenmenge. Die Männer sollen aussehen, als kämen sie aus einer anderen Zeit: Schnurrbärte, Bärte, längere Haare sind willkommen; Undercuts und moderne Frisuren unerwünscht, sichtbare moderne Tattoos ebenfalls. Der Körper wird zur historischen Requisite. Die Frisur zur Zeitmaschine.
Bemerkenswert ist der ausdrückliche Anspruch, die LGBTIQ*-Szene der 1980er-Jahre „möglichst authentisch und zeitgeschichtlich korrekt“ darzustellen. Das klingt nach Filmhandwerk, berührt aber eine größere Frage: Wie lässt sich eine vergangene soziale Welt überhaupt rekonstruieren? Ja, das geht, mit Liebe, Sorgfalt und eben gutem Casting.
Ein Schwulenklub der 1980er-Jahre war schließlich nicht nur eine Kulisse aus Musik, Körpern und Mode. Er war Treffpunkt, Schutzraum und Ausdruck einer Freiheit, die zugleich von Diskriminierung und der beginnenden AIDS-Krise überschattet wurde. Wer diese Welt heute darstellt, muss mehr rekonstruieren als Kleidung. Gerade deshalb ist die Anzeige interessant. Sie zeigt, wie die Gegenwart versucht, sich eine Vergangenheit vorzustellen, die inzwischen selbst Geschichte geworden ist. Hundert Männer sollen gemeinsam den Eindruck einer Welt erzeugen, die es so nicht mehr gibt.
Dabei liegt die Ironie in den kleinen Dingen: Ein modernes Tattoo kann die Illusion zerstören, ein Schnurrbart sie retten. Ein Haarschnitt entscheidet darüber, ob jemand als Mensch von heute oder als Figur von damals erscheint. Authentizität ist beim Film immer eine Illusion. Aber eine, die mit großer Sorgfalt hergestellt wird. Und so beginnt die Reise ins Amsterdam der 1980er-Jahre nicht auf der Leinwand, sondern mit einer unscheinbaren Casting-Anzeige für Köln: Hundert Männer werden gesucht, damit eine vergangene queere Welt für ein paar Minuten wieder lebendig aussieht. Hier kannst du dich bewerben: agenturfilmgesichter.de/filmgesichter
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