Foto: C. Sejersen
Robyns ComebackUnkompliziert ist es nicht gerade, einen Termin für ein Interview mit Robyn an den Start zu bringen. Mit ein bisschen Geduld klappt es doch noch, und die Sängerin schaltet sich von zuhause aus in den Videocall, um über ihr neues Album „Sexistential“ zu reden.
Mit diesem Werk kehrt die Schwedin zu klar strukturierten Elektro-Pop-Songs zurück, die oftmals tanzbar sind. Das ausgelassene „Into the Sun“ hat Robyn mit Max Martin geschrieben. Auch für „Talk to Me“ mit seinen treibenden Beats zeichnen sie gemeinsam verantwortlich. Wie ist es dazu gekommen, dass die beiden erstmals seit dem immerhin 16 Jahre alten Langspieler „Body Talk“ wieder zusammengefunden haben? „Wir waren während der Pandemie in derselben Stadt“, erinnert sich die 46-Jährige. „Ich konnte Max Martins Studio-Komplex in Stockholm nutzen, als ich begann, mein Album zu machen.“ Ursprünglich hatte sie dort mit dem Produzenten Oscar Holter herumgetüftelt, aber Max Martin ist immer wieder zu den Sessions gekommen: „Letzten Endes haben wir dann doch zusammengearbeitet – auf eine sehr offene Art. Das Gute war: Wir hatten mehr Zeit als früher, daraus hat sich ein wirklich organischer Prozess entwickelt.“
Von Max Martin schwärmt Robyn ebenso sehr wie von ihrem Sohn, den sie allein erzieht. Im Titelsong „Sexistential“ gibt sie preis, dass sie sich für eine künstliche Befruchtung entschieden hatte. Wer sich bei diesem Track nicht bloß von der Musik mitreißen lässt, sondern genau zuhört, was Robyn da eigentlich rappt, kann viel über diese Phase lernen. Damals entschied sich die Künstlerin nämlich ganz bewusst, das Kinderkriegen von Liebe abzukoppeln. Sie lebte ihre Sexualität frei aus. Allerdings scheint der erste Satz „Fuck an app I need me some IRL“ darauf hinzudeuten, dass sie nicht allzu viel von Dating-Apps hält. Dieser These widerspricht Robyn sofort. „Ich finde Apps großartig“, stellt sie klar. „Nicht alles in diesem Lied ist hundertprozentig ernst gemeint. Obwohl ich immer noch an Therapie glaube, sage ich zum Beispiel: ,Fuck a therapist'.“
Solche Zeilen ließen lange auf sich warten, der vorhergehende Langspieler „Honey“ ist 2018 erschienen (wir berichteten). Man könnte meinen, Robyn nimmt sich gerne längere Pausen, um zu leben und Erfahrungen zu sammeln, aus denen sie irgendwann Stoff für neue Songs ziehen kann. „So eine Strategie habe ich nicht“, versichert sie. „Ich habe nie das Gefühl, zwischen zwei Alben bestimmt Dinge tun zu müssen.“ Tatsächlich hat Musik für sie einen immens wichtigen Stellenwert – jedenfalls normalerweise: „Wenn ich könnte, wäre ich immer im Studio. Einerseits hat mich aber die Pandemie ausgebremst, andererseits habe ich ein Baby bekommen. Vielleicht hatte deshalb mein Leben Priorität, und ich habe nicht bloß gearbeitet.“
Dass ihre Fans ihr ihre ausgedehnten Auszeiten nicht übelnehmen, macht Robyn sehr glücklich. „Ich habe ein extrem tolles Publikum“, schwärmt sie. „Besonders die Gay-Community hat mich stets unterstützt. Vor allem als ich mein eigenes Label gegründet habe und begann, meine Musik unabhängig zu veröffentlichen.“ Das dankt Robyn ihrer Gefolgschaft nun mit einem Album, dessen mit eingängigen Refrains gespickte Nummern ein Gespür für Nähe, Einsamkeit, Freiheit und persönliche Bedürfnisse haben.
*Interview: Dagmar Leischow
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