Sie haben Klaus Wowereit einmal geschrieben, was sein Satz „Ich bin schwul- und das ist auch gut so" für Ihren Weg bedeutet hat. Was von diesem Gefühl ist geblieben, jetzt wo Sie selbst um das Rote Rathaus kämpfen?
Der Satz hat mir damals viel bedeutet. Ich war politisch längst unterwegs, aber es war eben noch nicht so selbstverständlich wie heute, offen homosexuell zu sein in einem öffentlichen Amt. Wowereit hat mit diesem einen Satz etwas leichter gemacht auch für mich. Als er 2014 als Regierender aufgehört hat, habe ich ihm deshalb einen Brief geschrieben und mich bei ihm dafür bedankt. Das war mir ein persönliches Bedürfnis. Heute kandidiere ich selbst für das Amt des Regierenden Bürgermeisters. Dass dabei nicht meine sexuelle Orientierung im Mittelpunkt steht, sondern was ich für Berlin erreichen will, zeigt doch, wie viel sich seitdem verändert hat.
Ihre Berliner CDU hat „Regenbogenhauptstadt" im Koalitionsvertrag - die Bundes-CDU unter Merz schlägt einen deutlich anderen Ton an. Wie navigieren Sie diesen Spagat?
Einen Spagat empfinde ich da nicht. Ich stehe für einen modernen Konservatismus. Für mich bedeutet das, in Zeiten großer Veränderungen das zu bewahren, was unsere Gesellschaft zusammenhält: Freiheit und Demokratie, Respekt vor Regeln und soziale Gerechtigkeit. Dazu gehört selbstverständlich, dass jeder Mensch frei leben und lieben kann, wie er möchte. Ich habe in der Berliner CDU nie Probleme mit Homophobie erlebt. Natürlich gab und gibt es in der CDU auch mal unterschiedliche Auffassungen. Sonst wäre es ja langweilig. Bei der Ehe für alle habe ich damals gesagt: Die Ehe ist eine konservative Form des Zusammenlebens. Wir sollten doch gerade als CDU froh sein über jeden, der sich dafür entscheidet, egal ob hetero- oder homosexuell. Genauso werbe ich heute aus Überzeugung dafür, den Schutz der sexuellen Identität ins Grundgesetz aufzunehmen.
Sie mussten als Finanz- und Kultursenator die Streichungen bei QUEERFORMAT, queer@school und ABqueer mitunterschreiben - Projekte für Ihre eigene Community. Gab es den einen Moment, in dem der Christdemokrat Evers dem schwulen Bürger Evers sagen musste: „Das war heute mein Job"?
Natürlich gab es Momente, in denen mir solche Entscheidungen besonders nahegingen. Ich kenne die Community, ich kenne viele der Menschen, die sich dort engagieren, und ich weiß, was manche dieser Projekte für Menschen ganz konkret bedeuten. Das streift man nicht an der Tür zum Senat ab. Aber ich kann als Finanzsenator auch nicht sagen: Überall muss gespart werden, nur dort nicht, wo es mich persönlich berührt. Das wäre bequem, aber nicht verantwortlich. Und ja, manchmal geht man nach solchen Entscheidungen nach Hause und fragt sich noch einmal, ob man richtig entschieden hat. Das gehört für mich dazu Politik macht einen Menschen ja nicht gefühllos.
Erstmals stehen sich in Berlin mit Ihnen und Werner Graf zwei offen schwule Spitzenkandidaten gegenüber. Was macht das mit Ihnen persönlich - und mit der Community?
Ich finde, das ist vor allem ein Zeichen von Normalität. Vor 25 Jahren war das öffentliche Coming-out eines Spitzenpolitikers noch ein historischer Moment. Heute können zwei offen schwule Männer Spitzenkandidaten sein und die entscheidende Frage lautet nicht, wen sie lieben, sondern welche politischen Vorstellungen sie für Berlin haben. Werner Graf und mich trennt politisch eine ganze Menge. Und das ist auch gut so.
„Regenbogenhauptstadt" wird in der Community zunehmend belächelt. Nennen Sie uns die eine Maßnahme in Ihren ersten hundert Tagen, an der wir Sie messen dürfen.
Ich möchte mich nicht an einem Etikett messen lassen, sondern daran, ob queere Menschen überall in der Stadt in Freiheit und Sicherheit leben können. Deshalb setze ich insbesondere beim Schutz vor Hassgewalt meine Priorität. Wir haben die Polizei gestärkt, eine Strategie gegen Hassgewalt beschlossen. In Kitas und Schulen müssen Respekt vor der Würde jedes Menschen und vor unserer gesellschaftlichen Vielfalt selbstverständlich vermittelt werden. Und wenn Grenzen überschritten werden, muss der Rechtsstaat konsequent handeln. Daran darf man mich messen.
Sie haben Hasskriminalität nach Ihrer Nominierung mit muslimischen Schülern und Neukölln verbunden ein Großteil der dokumentierten Übergriffe kommt aber von rechts. War die Zuspitzung so gemeint, wie sie gelesen wurde?
Nein, ich stelle Muslime nicht unter Generalverdacht. Die allermeisten Muslime in Berlin wollen friedlich leben und lehnen islamistischen Fanatismus genauso ab wie ich. Und Islamismus ist die aktuell tödlichste Bedrohung für die Community das hat der Anschlag auf den CSD uns leider noch einmal bitter vor Augen geführt. Mein Anspruch an Berlin ist, dass hier jeder Mensch frei und sicher leben kann. Egal ob als schwules Paar, als Frau oder als Mensch jüdischen Glaubens. Deshalb müssen wir jede Form von Extremismus und Menschenfeindlichkeit klar benennen. Rechtsextremismus genauso wie Linksextremismus und Islamismus. Probleme nicht anzusprechen, löst sie nicht.
Ihr Mann soll aus der Öffentlichkeit rausgehalten werden. Wowereit hat vorgemacht, dass Sichtbarkeit auch schützen kann. Wie treffen Sie diese Abwägung?
Ich lebe seit 25 Jahren glücklich mit meinem Mann zusammen. Aber für ein öffentliches Amt habe ich mich entschieden, nicht er. Ich halte ohnehin nichts davon, das Private mit dem Beruflichen zu vermischen.