Am Mehringdamm liegt seit Jahren Berlins letzte reine Männersauna – der Boiler. Jetzt hat derselbe Betreiber eine Hausnummer weiter einen Raum aufgemacht, der die Sauna für deutlich mehr Menschen öffnet. Ein Besuch zwischen Tradition und Aufbruch.
Foto: club sauna
Mehringdamm 34: Hinter dem stählernen Portal des Boiler verschwindet seit Herbst 2011 der Alltag schwuler Männer auf 1.400 Quadratmetern und drei Etagen. Finnische Sauna, Dampfbad-Labyrinth, Cruising-Bereich – der Boiler gilt als eine der meistbesuchten Gay Saunas Europas und ist, seit der Apollo Splash Club 2017 schloss, die einzige verbliebene Männersauna der Stadt.
Mehringdamm 32, eine Tür weiter, im ehemaligen Club UNTERTAGE: Hier hat das Boiler-Team mit der club sauna etwas Neues gewagt. „Your new space of diversity“ steht über dem Projekt – und das ist kein Marketingsprech, sondern Programm.
Derselbe Beton, ein anderes Versprechen
Auf rund 400 Quadratmetern findest Du vieles, was Saunagänger*innen kennen: eine finnische Sauna bei etwa 90 Grad mit Aufgüssen, ein Dampfbad bei kuscheligen 42 Grad, eine Bar, 100 Schränke mit digitalem Schlüsselsystem. Dazu eine Schaumkanone, die bei ausgewiesenen Events bis zu 500 Kubikmeter Schaum pro Stunde liefert – Entdeckungsreise im Nebel inklusive.
Foto: club sauna
Der entscheidende Unterschied liegt aber nicht in der Ausstattung, sondern in der Frage, wer hier eigentlich gemeint ist. Zwei genderneutrale Dusch- und Toilettenbereiche statt der klassischen Männersauna-Architektur sind das erste Signal. Das zweite steht im Veranstaltungskalender.
Cruising-Kultur ohne Geschlechtergrenze
Sexpositive Räume waren in Berlin historisch fast immer cis-männlich und schwul geprägt – die Sauna als Rückzugsort einer sehr konkreten Community. Die club sauna dreht diese Logik nicht um, sie weitet sie aus. Statt eines Dauerprogramms für alle gibt es wechselnde Formate, die jeweils eine bestimmte Community in den Mittelpunkt stellen:
- gender mix (mittwochs) – offen für alle Geschlechter und Identitäten
- flinta sweat (freitags) – für Frauen, Lesben, inter*, nicht-binäre, trans* und agender Personen
- Tin* Sweat Special / TBOY SWEAT (donnerstags) – für trans*, inter* und nicht-binäre Personen
Wo keine Ausrichtung angegeben ist, ist der Abend für alle offen. Ein Prinzip, das Verantwortung an die Gäste zurückgibt: Wer sich nicht angesprochen fühlt, sucht sich einen anderen Termin – damit die, die einen geschützten Raum brauchen, ihn auch bekommen.
Foto: club sauna
Besonders bemerkenswert ist die Haltung zu transMännern. Ausdrücklich in Anlehnung an das Boiler-Konzept gelten die MSM-Angebote der club sauna auch für transMänner, die sich als Teil dieser Community verstehen. Das ist eine klare Ansage in einer Debatte, die in queeren Räumen längst nicht überall so souverän geführt wird: trans*Männer und MSM gehören zusammen.
Offenheit als Übung
Die club sauna formuliert ihren eigenen Anspruch erfrischend unprätentiös. Man lade dazu ein, den Raum „mit Offenheit und Respekt zu erleben – insbesondere im Umgang mit Menschen, die möglicherweise eine andere körperliche Ausstattung haben als Du selbst begehrst“. Und für die Begrifflichkeiten rund um Geschlecht und Community gilt: „Auch wir machen Fehler.“ Wer sich diskriminiert fühlt, soll es sagen. Diese eingebaute Lernbereitschaft ist sympathischer als jedes Hochglanz-Diversity-Statement.
Gut zu wissen
Foto: club sauna
Die club sauna erreichst Du über einen separaten Eingang am Mehringdamm 32, über das Metropol-Hostel: an der großen Metalltür klingeln, hinten links durch in den Hof, dort auf der linken Seite die Kellertreppe hinunter. Wichtig und ehrlich kommuniziert: Wegen der Kellerlage ist der Ort nur eingeschränkt barrierefrei – wer Unterstützung braucht, kann das Team ansprechen.
Der Boiler bleibt, was er ist: die Adresse für schwule Männer am Mehringdamm. Die Clubsauna nebenan beweist, dass dieselbe Idee – Hitze, Haut, Begegnung – größer gedacht werden kann, ohne dass jemand etwas verliert. Eine Tür weiter, und doch ein ganzes Stück weiter.