Foto: M. Rädel
Techno, House, Dance! Und mittendrin: Queerness, Körperfreiheit und die alte, immer wieder neue Sehnsucht nach einer Welt, in der Musik nicht nur unterhält, sondern verbindet. Die Berliner „Loveparade“ war deshalb nie bloß eine Parade. Sie war ein gesellschaftliches Versprechen auf Rädern – laut, verschwitz, euphorisch und gelegentlich chaotisch. Am 10. Juli steigt der Rave wieder, das Motto ist „Make Peace Loud“.
Als die ersten Technofans dank Dr. Motte, WestBam und Danielle de Picciotto 1989 mit ihren Soundsystemen durch West-Berlin zogen, konnte niemand ahnen, welche kulturelle Wucht aus dieser zunächst überschaubaren Demonstration entstehen würde. Die „Loveparade“ machte elektronische Musik sichtbar und Berlin zu einem internationalen Sehnsuchtsort der Klubkultur. Auf den Straßen begegneten sich Ravende, DJs, Künstler*innen, Queers, Nachtschwärmer und Aussteiger*innen. Dresscodes verloren ihre Bedeutung, Körper wurden zu politischen Statements, und der Bass wurde zum gemeinsamen Nenner einer Gesellschaft, die sich für ein paar Stunden selbst neu erfand.
Frieden, Freiheit und Toleranz gehörten zur Sprache der „Loveparade“ – doch ebenso wichtig war ihre körperliche Dimension. Hier wurde getanzt, geschwitzt, geflirtet und gefeiert. Der öffentliche Raum verwandelte sich in eine temporäre Tanzfläche, auf der Körper nicht geschniegelt, normiert oder unsichtbar sein mussten. Queerness war dabei kein dekoratives Beiwerk, sondern Teil jenes Berliner Lebensgefühls, das die Grenzen zwischen Bühne und Straße, Subkultur und Mainstream immer wieder infrage stellte. Mit den Jahren wurde aus der politischen Demonstration allerdings ein globales Spektakel. Die „Loveparade“ wuchs, wurde kommerzieller, größer, berühmter – und verlor dabei manches von der anarchischen Energie ihrer frühen Jahre. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war zugleich ihr tragischer Endpunkt: Bei der „Loveparade“ in Duisburg kam es 2010 zu einer Massenpanik, bei der 21 Menschen starben und Hunderte verletzt wurden. Danach war klar: Diese Geschichte lässt sich nicht einfach weitertanzen. Und doch verschwand die Idee nicht.
Mit „Rave the Planet“ erhielt der Berliner Geist der elektronischen Musik ab 2022 eine neue Form. Die neue Parade knüpft an das Erbe der „Loveparade“ an, versucht aber zugleich, deren Geschichte weiterzudenken: politischer, bewusster und mit einem deutlicheren Blick auf die gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen Klubkultur überhaupt existieren kann. Das ist vielleicht die wichtigste Veränderung. Der Rave von heute weiß, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist. Klubs brauchen Räume, queere Menschen brauchen Schutz, Kultur braucht politische Aufmerksamkeit – und elektronische Musik ist längst nicht mehr die rebellische Randerscheinung, als die sie einst begann. Gerade deshalb kann der Rave wieder politisch werden: nicht als nostalgische Wiederholung der Neunziger, sondern als Gegenwartskultur.
Wenn im Sommer 2027 erneut Hunderttausende durch Berlin ziehen, wird darin deshalb mehr stecken als die Erinnerung an eine legendäre Parade. Es wird um die Frage gehen, was von jenem Versprechen geblieben ist, das einst aus einem Soundsystem auf einem Berliner Lastwagen dröhnte: dass unterschiedliche Menschen nebeneinander existieren, miteinander tanzen und für einen Moment alle Grenzen vergessen können. Der Bass allein macht noch keine Utopie. Aber er kann sie hörbar machen. Für ein paar Stunden wird aus der Stadt ein pulsierender Körper, aus Fremden eine Menge und aus einer Menge eine Gemeinschaft. Nicht perfekt, nicht widerspruchsfrei – aber voller Energie. Berlin hat gelernt, dass #mensch eine solche Utopie nicht unkritisch feiern darf. Aber #mensch darf sie wieder versuchen. Lauter denn je. Bewusster denn je. Und mit ordentlich Wumms. www.ravetheplanet.com
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