Foto: Harald Schröder
Michael Weber, künstlerischer Leiter des Theaters Willy Praml, inszeniert „Oscar Wilde. BUNBURY. Eine triviale Tragödie für ernsthafte Leute“.
Oscar Wilde auf allen Bühnen: Stücke des britischen Dandys werden derzeit in verschiedenen Theatern im gesamten GAB-Land gespielt. Das Theater Willy Praml feiert im April Premiere mit einer außergewöhnlichen Inszenierung von Wildes Gesellschaftskomödie „The Importance of being Earnest“. Regisseur und der künstlerische Leiter des Theaters Michael Weber verwebt die Satire nicht nur mit dem historisch-viktorianischen Kontext, sondern schafft auch queere Bezüge zur heutigen Zeit. Wir haben vorab mit ihm gesprochen.
Michael, warum hast du dich für Oscar Wilde entschieden? Oscar Wilde ist eine Schwulen-Ikone. Er ist fast ein bisschen der Vorläufer von Rosa von Praunheim. Zwar hat Oscar Wilde seine Homosexualität nicht so öffentlich gemacht, aber es war so offensichtlich! Oscar Wilde hat einen großen Gegenentwurf zum Männerbild des viktorianischen Zeitalters geprägt. Das war schon ein sehr offensiver Schritt, wie er sich gestylt hat, wie er sich verhalten hat und wie er die Kunst und die Poesie verteidigt hat und beide als wichtigen Faktoren des Denkens vehement ins Spiel gebracht hat. Er war eben auch ein großer Intellektueller.
„The Importance of being Earnest“ war Oscar Wildes letzte Komödie, die kurz vor seinem Gerichtsprozess rauskam. Dieser Prozess ist im Grunde wie eine Offenbarung: Oscar Wilde formuliert brillant unterhaltsam, wie man ein Doppelleben führt. Und das ist so typisch für das viktorianische Zeitalter: Alle wissen im Grunde genommen Bescheid, aber niemand spricht darüber. Man wusste, wie viele Schwule es in London gibt, das reichte bis in die hohen Gesellschaftsklassen hinein. Man konnte die gar nicht alle polizeilich verfolgen, weil dann die gesamte Gesellschaft aufgeflogen wäre.
„The Importance of being Earnest“ oder „Bunbury“ wird heute gerne sehr queer inszeniert, weil es heute sehr queer gelesen wird. Ich finde, „Das Bildnis des Dorian Gray“ hat da eindeutigere Codes, oder? Naja, die beiden Hauptfiguren in Bunbury führen ein Doppelleben und „Bunburysieren“. Bunburysieren bedeutet die Flucht aus dem Alltag. Algernon erfindet seinen Freund Bunbury, der auf dem Land lebt, schwer krank ist und den er am Wochenende besuchen muss. Das heißt, er taucht dann für alle in einem Leben ab, das die anderen nicht kennen. Sein Freund Jack bunburysiert im Grunde auch: Er behauptet, er hätte in London einen Bruder, Ernst – Earnest –, um den er sich hin und wieder kümmern muss. In Wirklichkeit treffen sich Algernon und Jack und gehen gemeinsam aus. Und man kann sogar vermuten, beziehungsweise machen wir das so, dass sie auch was miteinander haben.
Neben dem zum Teil bekannten Ensemble des Theater Willy Praml, ist diesmal auch Moritz Bock dabei. Ja, und der spielt die Cecily.
Ich hätte ihn eher als einen der Dandys vermutet … Es ist so, dass man das gesamte Stück sehr gut divers besetzen kann. Cecily ist bei uns ein junger Mann, der Frauenkleider trägt. Mehr ist das nicht. Auch Gwendolen und Jack tauschen in der Hochzeitsszene bei uns ihre Kleider und wechseln die Rollen. Das changiert unglaublich schön, das kann man im Stück alles gut machen, finde ich.
Foto: Paula Kern
Du verwebst in deiner „Bunbury“-Inszenierung auch Oscar Wildes Gerichtsprozess … Also, Bunbury für sich würde ich gar nicht machen! Ich finde es aber sehr interessant, dass genau Bunbury seine letzte Komödie ist. Der Prozess begann kurz nach der Premiere. Zur Premierenfeier von Bunbury hat Oscar Wildes Widersacher Queensbury, der der Vater seines Liebhabers war, ein Gemüsebouquet mit einer Karte ins Theater geschickt. Queensbury war in London als Radau-Macher bekannt und hatte im Theater Hausverbot, weil er zuvor schon während eines Stücks randaliert hatte. Die Polizei hatte ihn also gar nicht zur Premiere von „The Importance of Being Earnest“ ins Theater gelassen, er hat das Gemüsebouquet an der Kasse abgegeben, und auf der beigelegten Karte stand „Für Oscar Wilde, dem posierenden Schwulen, dem posierenden Sodomiten“. Das war der eigentliche Anlass des Prozesses – Oscar Wilde hat Queensbury aufgrund dieser Karte angezeigt. Oscar Wilde war eigentlich gar nicht der Angeklagte, aber man hatte sich sehr gut vorbereitet. Man wusste alles über Oscar Wilde, mit welchem Stricher er wann in welchem Hotelzimmer war, welche Knaben er wo angesprochen hatte, mit welchen Sexualpraktiken er die Nächte mit den Jungs verbracht hatte – man wusste alles! Man hat ihn in diesem Prozess komplett an die Wand genagelt.
Die Prozessakten sind unfassbar spannend und sehr amüsant, weil sie sich wie ein Stück von Oscar Wilde lesen. Oscar Wilde tritt im Prozess geschliffen auf, wie eine Oscar-Wilde-Bühnenfigur. Er hat eine Form an den Tag gelegt, ein Witz, einen Charme und eine Schlagfertigkeit, die sind wirklich fantastisch, wie er sich da durchschlägt und seine Kunst verteidigt. Er wird zum Beispiel auch auf Dorian Gray angesprochen, ob das nicht ein bisschen schwul sei und so weiter, und er sagt dann „Nein, das ist Kunst“. Er wurde auch erpresst, weil man Briefe von ihm an Lord Douglas gefunden hatte, und auch die Erpresser hat er abblitzen lassen und vor Gericht gesagt, dass das keine gewöhnlichen Briefe seien, das wären Sonette, die er geschrieben habe, das sei alles Kunst. Da hat man ihn nicht gekriegt. Man hat ihn erst gekriegt, als man nachweisen konnte, welche Jungen er wann mit nach Hause genommen hat. Das ist sehr interessant und daher habe ich große Teile der Verhörakten mit Bunbury verwoben.
Es bleibt trotzdem noch die Bunbury Geschichte? Ja, aber die Geschichte wird immer wieder durch Verhörszenen unterbrochen. Im Grunde sind alle Figuren im Stück auch selbst Oscar Wilde, der Autor, und sie verteidigen sich vor Gericht. Es ist gar nicht so verwirrend, wie es jetzt klingt! Wir denken inzwischen sogar, dass wir es unglaublich vermissen würden, wenn Bunbury ohne die Prozessakten gespielt werden würde. Das ist etwas ganz Organisches.
Und wir haben sogar eine kleine Hommage an Rosa von Praunheim eingebaut, einen Auszug aus seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“. Die Figuren in Oscar Wildes Stück heiraten am Schluss und wollen sich unbedingt taufen lassen und so sein wie alle anderen. Und das beklagt Rosa von Praunheim. Er kritisiert die Schwulen darin, sentimental, romantisch und unscheinbar bürgerlich sein zu wollen – macht das bloß nicht, sagt von Praunheim. Und das passt gut in dieses Sehnsuchtsende von Bunbury. Äußerlich betrachtet geht es ums Heiraten der geliebten Frauen, aber eigentlich geht es nur darum, weiter zu Bunburysieren.
17.4. Premiere „Oscar Wilde. BUNBURY. Eine triviale Tragödie für ernsthafte Leute“, Theater Willy Praml, Waldschmidtstr. 19, Frankfurt, 19:30 Uhr, weitere Termine am 18., 20., 24. und 25.4. und im Mai, theaterwillypraml.de
Interview: Björn Berndt