Foto: EBU / Marcel Brell
Sarah Engels vertritt Deutschland mit „Fire“.
Der Eurovision Song Contest feiert in diesem Jahr seinen 70. Geburtstag. Der Jubiläums-Wettbewerb steigt vom 12. bis 16. Mai in Wien. 25 Künstler*innen und Bands präsentieren ihre Songs im Finale am 16. Mai; zuvor werden in den beiden Halbfinal-Shows am 12. und 14. Mai aus den insgesamt 35 teilnehmenden Ländern die Finalist*innen gewählt. Für Deutschland tritt Sarah Engels mit „Fire“ an. Kann sie an den Sieg von Lenas „Satellite“ aus dem Jahr 2010 anknüpfen? In der jüngeren ESC-Geschichte tummeln sich die deutschen Beiträge eher auf den hinteren oder gar letzten Plätzen – mit Ausnahme von Michael Schulte, der 2018 mit „You Let Me Walk Alone“ den vierten Platz machte.
Obwohl das Motto des Jubiläums-Show „United by Music“ lautet, hat seit der Einführung der Halbfinal-Shows in Jahr 2004 die diesjährige Veranstaltung mit 35 Ländern weniger Teilnehmende als zuvor. Grund ist ein ESC-Boykott. Steckt der Eurovision Song Contest in der Krise?
ESC-Experte Bernd Ochs, Koordinator der Regionalgruppe Frankfurt am Main des Eurovision Club Germany e.V. (ECG), gibt im Interview seine Einschätzung.
Der ESC 2026 sieht sich mit einer wahren Boykottwelle konfrontiert; kannst du uns kurz einen Überblick über die Ereignisse geben? Die Welt gerät aus den Fugen und das geht am Contest leider auch nicht spurlos vorüber.
Aber „wahre Boykottwelle“ hört sich doch sehr reißerisch an. Es nehmen in diesem Jahr 35 Länder teil. 2023, 2024 und 2025 waren es je 37 Länder, also gerade mal zwei Länder mehr als in diesem Jahr. Aber dennoch ist die Situation unschön, denn Slowenien, Island, Irland, Spanien und die Niederlande haben wegen der Teilnahme von Israel ihren Rückzug, also Boykott, in diesem Jahr erklärt. Das hängt mit dem Vorgehen von Israel im Gazastreifen zusammen, was ja überall in der Welt polarisiert. Es ist also ein politischer Protest der wirklich schmerzt, auch mich persönlich. Bis auf Slowenien handelt es sich um sogenannte Traditionsländer, die seit Jahrzehnten zum ESC dazu gehören, wie das Salz in der Suppe. Und gerade beim 70. ESC fehlen diese Länder, das ist mehr als schade.
Davon, dass der ESC keine politische Veranstaltung sein soll, kann ja hier nicht mehr die Rede sein … In einem Wettbewerb, in dem Länder aufeinandertreffen, ist es wohl nie unpolitisch, so sehr man sich auch darum bemüht. Das erleben wir ja gerade auch im Fußball bei der WM und erst recht bei den Olympischen Spielen.
Aber ja, auch bei uns hatte das eine neue, politische Dimension, als sich sogar im letzten Jahr der Bundeskanzler dazu äußerte, dass, wenn Israel vom ESC ausgeschlossen wird, Deutschland auch nicht teilnehmen wird.
Foto: Ochs
Bernd Ochs, Koordinator der Regionalgruppe Frankfurt am Main des ECG und ESC-Experte
Ist das der Anfang vom Ende des ESC? Gab es in der Geschichte des ESC schon mal Vergleichbares? Ja, es gab schon immer mal wieder Boykott. So hat Armenien zum Beispiel 2012 nicht am ESC in Aserbaidschan teilgenommen – die dortigen Konflikte sind ja bekannt. Finnland, Norwegen, Portugal und Schweden boykottierten den Wettbewerb 1970. Grund waren Unzufriedenheit mit den Abstimmungsmechanismen und dem Niveau des Wettbewerbs, nachdem im Vorjahr vier Sieger gekürt wurden. Aber schon 1969, als Spanien den Wettbewerb austrug, haben die Skandinavier (Schweden, Dänemark, Norwegen) sowie Finnland, Portugal und Österreich aus Protest gegen das Franco-Regime nicht teilgenommen.
In der jüngeren Vergangenheit, als die westliche Welt etwas zusammengerückt ist, hatten wir das kaum. Die Türkei nimmt seit 2013 nicht mehr am ESC teil, hauptsächlich aus Protest gegen das Abstimmungsverfahren mit seiner Mischung aus Jury- und Televoting, und der „Big Five“-Regelung, die Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien und Spanien automatisch ins Finale bringt. Zudem wurden kulturelle Differenzen als Gründe für die anhaltende Abwesenheit der Türkei genannt, insbesondere nach dem Sieg von Conchita Wurst 2014. Also sicher auch nicht unpolitisch.
Trotz allem: Welche Favoriten gibt es 2026? Es gibt einige Fan-Favoriten. Ganz hoch gewettet sind Linda Lampenius x Pete Parkkonen aus Finnland. Aber auch die Beiträge von Monroe mit „Regarde!“ aus Frankreich, Søren Torpegaard Lund mit „Før vi går hjem" aus Dänemark und Australien mit Delta Goodrems „Eclipse“ werden gehypt. Ich persönlich finde ja den Song aus dem Gastgeberland Österreich sehr ikonisch: „Tanzschein“ von Cosmó. Auch wenn das Lied nicht wirklich hoch gehandelt wird.
Und wie schätzt du die Chancen für Sarah Engels „Fire“ ein? Ich freue mich sehr, dass wir eine so sympathische Künstlerin haben, die richtig Bock auf den Wettbewerb hat und auch was kann. Und endlich haben wir auch mal wieder ´nen richtigen Bums auf der Bühne. Nur leider hört es sich doch sehr nach ESC-Konserve an, und auch das, was wir bislang in der Performance gesehen haben, gab es so schon das ein oder andere Mal auf der Bühne. Daher rechne ich leider mit dem letzten Drittel. Aber wer weiß, der ESC ist ja auch immer für eine Überraschung gut. Ich drücke ihr in jedem Fall die Daumen.
12. bis 16. Mai, ESC 2026, Semi-Finals am 12. und 14.5., Finale am 16.5., eurovision.com
Public-Viewing im GAB-Land:
12., 14. + 16.5., Semi-Finals und Finale im Switchboard, Alte Gasse 36, Frankfurt, jeweils 20 Uhr, facebook.com/switchboard.frankfurt
16.5., Bar jeder Sicht, Hintere Bleiche 29, Mainz, 20:15 Uhr, bitte reservieren über [email protected]
16.5., Karlstorbahnhof, Marlene-Dietrich-Platz 3, Heidelberg, 20 Uhr, im Rahmen des Queer Festivals, mit Shayma AlQueer, Raj Rouge (Hamburg), Khookha McQueer (Paris und Sharifalicious (Berlin), queer-festival.de
16.5., The Nosh, Calwer Str. 33, Stuttgart, 20 Uhr, im Rahmen des Stuttgarter Bärentreffens, stuttgarter-baeren.de
ESC-Fanclubs
Eurovision Club Germany e.V., der weltweit größte Eurovision-Fanclub, ecgermany.de
OGAE – Organisation Générale des Amateurs de l'Eurovision, das größte Netzwerk der internationalen ESC-Fanclubs, ogae.de


