Er ist Sänger, Songwriter, Geiger und Aktivist: Der queere Musiker MKSM startete vor vielen Jahren mit seiner ungewöhnlichen Mischung aus Violinspiel und elektronischer Musik und hat seitdem sein Repertoire an eigenen Songs und neuen Stilen stets erweitert. In seinen Texten macht er sich für Menschen stark, die außerhalb des Mainstreams leben – oder er erzählt eigene, private Geschichten. So wie im just veröffentlichten Song „Wie die Sonne“, in der er seine Migrations-Erfahrungen und seine Gefühle als russischer Spätaussiedler thematisiert. „Wie die Sonne“ ist ein Vorbote einer im Mai erscheinenden neuen EP, auf der MKSM erstmals auf deutsch singt. Ein Gespräch über das Suchen und Finden einer neuen Heimat.
Wie ist es, das erste Mal auf Deutsch zu singen? Wie kam es zu dieser Entscheidung? Ich wollte meine Geschichte als queerer Spätaussiedler endlich unmissverständlich und ohne Umwege erzählen. Und so haben wir Ende 2023 angefangen, auf Deutsch zu schreiben. Die ersten Songwriting-Sessions waren unglaublich intensiv - es hat sich angefühlt, als würde sich eine völlig neue Welt öffnen.
2025 haben wir viele dieser neuen Tracks schon live gespielt: Auf meiner bisher größten Pride-Tour, bei Deutschlandfunk Kultur, bei meinem „Acoustic Pride“ Konzert im BKA-Theater in Berlin, im Theater des Westens oder vor einigen Wochen in der Hamburgischen Staatsoper. Besonders während der Pride-Tour habe ich gemerkt, wie viel direkter und emotionaler die Reaktionen der Zuschauer*innen sind. Die Gespräche nach den Shows waren auch für mich total bewegend. Ich kann jetzt Themen ganz anders ansprechen – Deutsch ist die Sprache, in der ich mich am besten ausdrücken kann, ich der ich denke, ich der ich fühle.
Gerade als Mensch, der noch bis vor wenigen Jahren stark gestottert hatte, war der Wechsel zur deutschen Sprache ein wichtiger Schritt. Je mehr ich zu meiner Sprache gefunden habe, desto mehr habe ich mir zugetraut, sie zu nutzen. Übrigens: Ich bin seit Oktober 2025 der erste offizielle Botschafter der Bundesvereinigung Stottern und Selbsthilfe, was mich unglaublich stolz macht.
Ich liebe es, auf Deutsch zu schreiben, auch wenn mir lange der Mut dazu gefehlt hat. Diese Entscheidung habe ich keinen Moment bereut. Im Mai 2026 erscheint meine erste deutsche EP, die ersten beiden Songs sind bereits draußen, und ich freue mich sehr auf alles, was noch kommt.
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In „Wie die Sonne“ erzählst du deine Migrationsgeschichte; im Song gibt es die Zeile „Ich dacht‘, ich sag‘ das nie, aber hier gehör ich hin“ – ist Deutschland also jetzt deine Heimat? Fühlst du dich in Deutschland zugehörig? Ich bin in Russland geboren, in der Ukraine aufgewachsen und mit zehn Jahren nach Deutschland gekommen. Heute kann ich ganz klar sagen: Deutschland ist meine Heimat – oder besser gesagt, meine zweite Heimat. Hier bin ich aufgewachsen, habe hier meinen Mann kennengelernt, mein Leben als Musiker gestartet und mich als Mensch, so wie ich liebe und so wie ich bin, gefunden. Und ja – ich fühle mich zugehörig!
Trotzdem bleibt Russland für mich etwas Besonderes – meine erste Heimat. Meine Großeltern leben dort und sie sind mir sehr wichtig. Und ich liebe es, durch meine Eltern einige russische Traditionen zu wahren.
Foto: Margot Cichy
Was verbindest du mit deiner Vergangenheit als Kind in Russland und der Ukraine und wie wichtig ist das heute (noch) für dich? Mit Russland verbinde ich vor allem meine Beziehung zu meiner Oma. Sie war für mich als Kind unglaublich wichtig, und ist es auch heute noch. Obwohl ich nicht dem typischen Bild eines Jungen in unserer Kultur entsprochen habe, durfte ich bei meiner Oma einfach so sein, wie ich bin. Ich habe mich dort immer sehr wohl und sicher gefühlt. Der Ort, an dem meine Großeltern leben, war für mich wirklich ein Safer Space, in dem ich mich ausleben konnte.
Mein nächster Song „Ich frag nicht mehr wann“ beschäftigt sich mit der Beziehung zu meiner Oma. Er spiegelt aber auch die Einsicht wider, dass wir uns gerade nicht sehen können, und die Hoffnung, dass sich das irgendwann ändern wird.
Mit der Ukraine verbinde ich vor allem meine ersten musikalischen Schritte: Dort hatte ich den ersten Geigen- und Gesangsunterricht. Das ist etwas ganz Besonderes für mich, auch wenn ich seit der Einreise nach Deutschland nicht mehr in der Ukraine war. Natürlich haben wir weiterhin Kontakt zu dort lebenden Verwandten.
Musik bleibt für mich der eine rote Faden, der meine Vergangenheit, egal ob in Russland oder der Ukraine, mit meiner Gegenwart verbindet.
Welche Rolle spielt es dabei, dass du als schwuler Mann sowohl in Russland als auch in der Ukraine heute nicht frei leben könntest? Gerade in Russland ist die Situation für LGBTIQ* grausam. Ich informiere mich, spreche in Interviews oder bei meinen Auftritten darüber und mache auf die Lage aufmerksam. Gleichzeitig ist es schwer zu ertragen, und oft kann ich es kaum begreifen, was dort gerade passiert.
Ende November haben wir in der Hamburgischen Staatsoper bei einem Event mit dem Titel „Regenbogen gegen Putin“ gespielt, bei dem Norma Schneider aus ihrem Buch „Punk statt Putin“ vorgelesen hat. Solche Events sind mir unheimlich wichtig.
Die Ukraine ist westlicher orientiert und somit offener, dennoch ist die Situation für queere Menschen auch dort schwierig und natürlich stark durch den Krieg geprägt.
Ich will mit Songs wie „Wie die Sonne“ auf die Geschichten queerer Menschen mit Migrationshintergrund aufmerksam machen. Wir existieren, und es ist mir wichtig, dass das sichtbar wird. Russland bleibt ein Teil meiner Identität, auch wenn ich dort als queerer Mensch und als Aktivist nicht mehr willkommen bin. Ich hoffe dennoch, dass ich eines Tages dorthin reisen und meine Großeltern wieder besuchen kann.