Foto: Orkan Tan
Selbstportrait, Orkan Tan, 2026
Der in Stuttgart lebende Künstler und Pädagoge mit Schwerpunkt Kunst ist immer auf der Suche nach neuen, kreativen Ausdrucksmöglichkeiten: Neben der Malerei gehören unter anderem auch Tanz, Videokunst oder Lyrik zu seinen Arbeitsfeldern. Künstlerisch ist Orkan Tan Autodidakt und verarbeitet in seiner Arbeit eine Vielzahl von Themen: Spiritualität, Körperlichkeit, Sexualität oder psychische Gesundheit, aber auch Menschenrechte, Gleichberechtigung und Identität – und immer wieder Schönheit. „Verarbeitet“ trifft dabei genau den Punkt: Denn der Prozess des kreativen Schaffens ist für Orkan Tan Selbstreflektion und Selbstheilung und damit ebenso wichtig wie das fertige Werk. Ein Gespräch über künstlerische Entstehungsprozesse und eine seiner aktuellen Serien „Analysieren“.
Orkan, deine Werke sind sehr vielfältig. Gibt es in deiner künstlerischen Entwicklung trotzdem so etwas wie einen roten Faden? Also, als erstes hoffe ich, dass es für mich immer eine Entwicklung geben wird, sei es persönlich oder auch in meiner Kunst. Es ist mir wichtig, dass ich nie stehenbleibe und nie irgendwo ankomme. Ich finde es immer sehr abstrakt, wenn jemand sagt „ich bin im Leben angekommen“. Ich möchte das gar nicht. Das wäre für mich wie ein Stehenbleiben.
Und Weiterentwicklung passiert tatsächlich auch mit meiner Kunst, indem ich immer wieder neue Formen, neue Charaktere oder neue Materialien benutze.
Tatsächlich gibt es einen roten Faden in meiner Kunst: Ich male nur in Schwarz, Weiß, Silber und Grau. Das hat einen bestimmten Grund. Ich bin in einem sehr wilden Kinderzimmer aufgewachsen, zusammen mit zwei großen Schwestern. Und da war alles immer sehr bunt. Damals, mit sechs, sieben Jahren, hatte ich das nicht unter Kontrolle. Und jetzt als erwachsene Person heile ich so ein bisschen das innere Kind von mir. Ich hatte eine tolle Kindheit, aber es war bunt.
Wenn ich mit Farben male, habe ich das Gefühl, ganz schnell die Kontrolle zu verlieren. Und ich habe gern die Kontrolle, was meine Kunst angeht. Und mit Schwarz, Weiß, Silber und Grau kann ich mich aufs Wesentliche konzentrieren.
Tatsächlich ist das so ein roter Faden. Ich hatte noch nie eine Ausstellung, wo ich ein irgendwie farbiges Kunstwerk ausgestellt habe. Ich habe da ein Projekt, aber das ist noch in the Making. Irgendwann vielleicht, wenn ich so ein bisschen Farben-Input habe, dann würde ich das veröffentlichen. Ich habe sogar schon den Titel für das Projekt: „Kindheitsträume“. Aber wie gesagt, irgendwann in der Zukunft.
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Selbstportrait, Orkan Tan, 2026
In einem Interview hast du erzählt, dass dein künstlerisches Talent und deine Kreativität in deiner Kindheit nicht bewusst gefördert wurden. Trotzdem hast du deine künstlerische Stimme gefunden. Inwiefern hat dich das geprägt? Ich habe schon die Plattform bekommen, zu Hause malen zu können. Aber eben ohne den Ansporn, aus mir einen Künstler zu machen.
In meiner Tätigkeit als Erzieher fördere ich heute die Kreativität von Kindern. Wenn ich bei Manchen echt richtiges Potenzial sehe, spreche ich die Eltern an und gebe Tipps, damit das Kind gefördert wird. Das, was ich damals von der Außenwelt gebraucht hätte, versuche ich heute umzusetzen.
Wie sah deine Ausbildung generell aus? Ich habe tatsächlich keine künstlerische Ausbildung gemacht. Ich habe zuerst in der Modebranche gearbeitet, als Store Visual Merchandiser. Ich bin nach der Schule direkt in den Verkauf und von dort aus ins Merchandising. Ich habe zum Beispiel Inneneinrichtungen von Fashionläden gebaut oder Schaufenster erschaffen. Dann war ich als Key-Account-Manager für einen Online-Shop tätig, das war aber auch sehr mode-spezifisch.
Ich wollte dann auch selbst Mode machen. Und dabei bin ich tatsächlich richtig zum Malen gekommen: Ich wollte eine Kollektion mit Prints meiner eigenen Kunstwerke machen – und dafür musste ich ja malen. Dabei ist mir aufgefallen, dass mir das voll viel Spaß macht, mehr als nähen oder so. Und so bin ich schließlich ins Malen gekommen. Als meine Nichte auf die Welt kam, habe ich gemerkt, dass Kinder voll toll sind. Ich hatte eine Stellenanzeige gefunden, dass sie hier in Stuttgart Erzieher als Quereinsteiger suchen. Ich habe dann zweieinhalb Jahre an einem Quereinstiegsprogramm teilgenommen, mit Schwerpunkt Kunst. Ich fördere so Kinder in ihrer Kreativität und gebe ihnen eine Plattform, um Neues zu erschaffen. Diese Arbeit ist das komplette Gegenteil von dem, was ich zu Hause mache: Es ist alles bunt und sehr kinderfreundlich!
Aber es ist auch voll interessant, wenn ich in der Kita meine eigenen Sachen male. Die Kinder wollen auch, dass ich denen die „Monster“ male. Die nennen das „Monster“ oder „Geister“. Und die werden dann von den Kindern bunt ausgemalt. Das finde ich dann voll toll, wie die das sehen. Dadurch bin ich dann auch dazu gekommen, dass ich ab und zu vor den Kindern mit Farbe male.
Die Kinder sagen „Monster“ zu deiner Malerei. In der Tat wirken deine Gemälde expressionistisch und düster. Gleichzeitig geht es dir aber immer um Schönheit – wie kommt das zusammen? Ich möchte mit dem, was ich male, immer etwas aussagen. Es soll nicht einfach nur eine Blume sein. Ich finde es auch schön, wenn jemand eine Blume malt oder einen Avocado-Toast. Aber mein Ziel ist immer, dass der Betrachter zum Nachdenken kommt. Ich liebe es, Sachen zu benennen. Vor allem in meinen Kunstwerken, deren Titel immer schon einen Weg mit sich bringen, um den Betrachtenden eine Plattform zum Nachdenken zu geben – was könnte der Künstler damit meinen?
Und das ist die Balance, die mit der Schönheit eine ganz direkte Aussage trifft und gleichzeitig aber auch so zeitlos und edgy ist.
Ich finde es gut, dass du deinen Kunstwerken Namen gibst. Das hilft, einen möglichen Zugang zu finden. Manchmal fängt bei mir ein Kunstwerk auch mit einem Titel an. Ich habe hier im Atelier viele Listen mit Titeln, die ich ständig ergänze und wo ich alle Ideen aufschreibe. Manchmal habe ich auch ein Kunstwerk, und da passen dann fünf Titel, da muss ich mich dann entscheiden.
Meine letzte Solo-Ausstellung in Köln hatte den Titel „I hope we heal from things we don't talk about“. Und das ist so aussagekräftig, dass manche sogar nur wegen des Titels gekommen sind. Und unter diesem Titel habe ich dann viele Sachen verarbeitet, meine Kindheit, meine langjährige Beziehung. Da konnte ich so viel reinstecken. Und genau deswegen sind Titel sind für mich so wichtig, um auch die Auswahl zu tätigen. Wie eine Art Filter.
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Selbstportrait, Orkan Tan, 2026
Der künstlerische Prozess, also der Entstehungsprozess deiner Kunstwerke, ist dir persönlich ganz wichtig. Möchtest du diesen Prozess, den du beim Erarbeiten eines Kunstwerkes durchläufst, auch an die Öffentlichkeit tragen oder ist das eher etwas „exklusiv“ für dich? Das ist tatsächlich eher was für mich persönlich. Ich sage immer, alleine schon meine Existenz ist eine Kunstperformance. Ich als queere Person mit türkischen Wurzeln und als Erzieher, voll tätowiert mit einem Bart. Meine Existenz ist schon eine Kunstperformance, würde ich behaupten, aber das glaube ich irgendwie auch von allen Menschen. Man muss es nur erkennen.
Das Malen, das Erschaffen und die Prozesse sind für mich sehr meditativ. Ich bin dabei sehr gerne allein. Das ist die Zeit, der Raum, den ich mir nehme, um mich zu öffnen, mit mir allein zu sein.
Ich merke, wenn Freunde dabei sind oder Besuch da ist, und ich möchte malen, dass es dann komplett in eine andere Richtung läuft. Wenn ich allein gewesen wäre, wäre das Kunstwerk anders geworden. Ich habe gerne eine persönlichere und intimere Situation, wenn ich am Erschaffen bin.
Ich hatte in der Vergangenheit schon auch Live-Painting-Performances. Das war auch okay, aber für mich ist Malen wie eine Meditation. Ich höre dabei gerne Musik, ich habe ein Räucherstäbchen an, und dann bin ich auch ganz lange beschäftigt. Das ist tatsächlich das, was ich sehr gerne für mich mag.
Aber ich glaube, anhand des Kunstwerkes oder durch Gespräche mit mir erkennt man schon, dass das Kunstwerk nicht von heute auf morgen fertig war.
Es gibt natürlich auch Werke, die super-schnell sind. Aber auch da merkt man, dass da viel mehr dahintersteckt.
Früher habe ich, wenn ich gemalt habe, tatsächlich sofort angefangen und wollte mit dem Kunstwerk am gleichen Tag fertig werden. Mittlerweile ist es eher so, dass manche Werke einen Monat oder vielleicht sogar sechs Monate oder länger stehen bleiben und ich mir jeden Tag das Bild anschaue und mir denke, wie ich weitermachen kann und mich damit beschäftige, was ich aussagen möchte.
Machst du Bilder parallel oder arbeitest du immer nur an einem Werk? Tatsächlich arbeite ich ganz viel parallel. Ich male an einem Kunstwerk, das dann trocknet, währenddessen nehme ich das andere, male da ein bisschen weiter. Wenn das fertig ist, gehe ich an meinem Laptop, um an einer Bilderserie oder einer Fotostrecke zu arbeiten, und dann male ich weiter. Es ist irgendwie alles gleichzeitig.
Du hast in einem anderen Zusammenhang gesagt, dass Kunst und der Prozess des Erschaffens eine Art Selbsttherapie für dich ist. Hat Kunst dich zu einem besseren Menschen gemacht?
Auf jeden Fall. Kunst hat mich zu einem besseren Menschen gemacht, in dem Sinne, dass ich ganz viel Zeit mit mir selbst verbringe. Ich merke, in meinem Umfeld gibt es viele Menschen, die gar nicht allein sein können. Da hat es mich voll gestärkt, mit mir selbst allein Zeit zu verbringen, zu erkennen, mich zu fragen, was will ich. Oder es ist eine Einladung zur Selbstreflexion, zu fragen, was will ich mit dem Kunstwerk aussagen? Ein Gefühl ist mir passiert, und das möchte ich anhand eines Kunstwerks verarbeiten. Egal, was am Ende dabei rauskommt. Allein, dass ich mich damit mental beschäftige und über meine eigenen Gefühle reflektiere, kann ja nur positiv sein.
Eine deiner Serien heißt „Analysieren“ und zeigt fotokopierte Körperteile, aber auch Sextoys – man muss genau hinschauen. Auch die Zweideutigkeit im Titel „Anal-lysieren“ hatte ich zuerst nicht entdeckt. Wie viel Humor steckt denn in dem, was du machst? Ich würde sagen, das liegt immer im Auge des Betrachters. Für dich hat das vielleicht ganz viel Humor, für meine Eltern vielleicht gar nicht. Von meiner Seite aus ist es an erster Stelle sehr therapeutisch und meditativ und sehr wertvoll.
Aber je nachdem, was ich aussagen möchte oder was ich fühle, ist es auch mit Humor verbunden.
Ich habe zum Beispiel ein Kunstwerk, da bin ich schon ganz lange dran. Das ist ein Tier mit Riesen-Stilettos, mit High-Heels. Das Kunstwerk heißt „Muttersöhnchen“. Das sieht eigentlich sehr düster aus, aber mit dem Titel bekommt es eine andere Wirkung. Aber es liegt wie gesagt immer im Auge des Betrachters.
Wie ist die Serie entstanden? Ich hatte mich schon bei vergangenen Projekten mit dem Scanner beschäftigt. Ich habe Körperteile wie Hand, Fuß oder das Gesicht abgescannt und daraus eine Serie gemacht. Ich fand dann das, was das Scanner alles mitbringt, ohne dass ich künstlerisch eintrete, total spannend, und habe dann über ein Thema nachgedacht.
Als queere Person wird man oft mit dem Thema anal konfrontiert. Das wollte ich aufgreifen und mich ein bisschen selbst analysieren.
Ich habe dann alles, was ich so an Sextoys und Körperteilen habe, gescannt, ausgedruckt, ausgesucht, dann noch mal neu gescannt. Ich glaube, es war da auch wieder der Prozess, der für mich der Key war. Meinen Körper zu analysieren, und die Sextoys, und dann am Ende, als ich die Scans hatte, zu analysieren, was möchte ich zeigen und wie weit möchte ich meinen Körper zeigen? Ich sehe meinen Körper als Kunstform. Alle Körper sind für mich Kunstwerke. Die Arbeit war ein bisschen Selbstreflexion und der Gedanke die eigene Queerness zu analysieren.
Zu welchem Ergebnis bist du gekommen? Zu gar keinem.
Sondern? Ich fand es superspannend, wie künstlerisch ich meinen Körper in Szene setzen kann, ohne mich einfach nackt hinzustellen, sondern ich habe meinen Körper in andere Situationen gebracht, um dann zu erkennen, dass Körperteile zu einem Kunstwerk erschaffen werden können – das war so ein Aha-Moment – und daraus wiederum auch so ein bisschen Selbstvertrauen zu gewinnen.
Du bist dann also auf den Kopierer rumgeklettert? (lacht) Ich habe den Kopierer auf den Boden gestellt. Das war lustig. Da habe ich mich draufgelegt, vorne, hinten, alles Mögliche. Schon das hat mich in eine Situation gebracht, die ich davor nie hatte. Das war wieder ein Schritt zu mir selbst. Zu fragen, wie weit fühle ich mich wohl damit, mit diesem Gerät meinen Körper zu scannen. Es war ein Aha-Moment, meinen Körper anders kennenzulernen. Und auch zu erkennen: ich kann auch nur mit meiner linken Po-Backe ein Kunstwerk erschaffen.
Tatsächlich ist auf den Kunstwerken auch eine Schrift. Ich nenne das meine Geheimschrift. Da sind ganz viele Sex-Stories, die ich im Kopf nicht verarbeiten konnte und in Ausdruck bringen musste. Wahrscheinlich kann die Schrift keiner entziffern. Aber es war für mich eine Möglichkeit, Erlebnisse und Erfahrungen darzustellen, raus aus dem Kopf zu lassen und zu verarbeiten.
OrkanTan.com / instagram.com/0t.official/
Interview: Björn Berndt





