Foto: Sammi Landweer
Szene aus „BORDA“ von Lia Rodrigues
Vom 30. Oktober bis 15. November steigt zum elften Mal das Tanzfestival Rhein-Main, das ein breites Spektrum an tänzerischen Ausdrucksformen präsentiert – vom großen Ballett bis zum intimen Solo, von radikal zeitgenössischen Handschriften bis zu Genre übergreifenden Experimenten. Auch Workshops und Tanzabende zum Mitmachen sind Teil des Programms. Entsprechend der Vielfalt des Programms findet das Festival sowohl in Frankfurt als auch in Offenbach, Wiesbaden und Darmstadt statt. Neben Anna Wagner und Bruno Heynderickx gehören auch Alexandra Hennig und Beata Stankevič zum Kurator:innenteam; wir haben die beiden zum Interview getroffen.
Alexandra und Beata, könnt ihr euch kurz vorstellen?
Alexandra: Ich bin Alexandra Hennig. Ich bin Dramaturgin am Mousonturm und Co-Kuratorin des Tanzfestivals Rhein-Main.
Beata: Ich bin Beata Stankevič, ich bin Creative Producer, bin beim Hessischen Staatsballett und eine meiner Aufgaben ist die Kuration beim Tanzfestival Rhein-Main, zusammen mit Alexandra, Anna und Bruno.
Das Kurator:innenteam besteht aus vier Personen.
Beata: Ja, ich bin im Februar dieses Jahres dazu gekommen. Das Team ist größer geworden.
Alexandra: Bruno und Anna haben das vorher zu zweit gemacht, ich bin 2023 ins kuratorische Team eingestiegen. Und dieses Jahr sind wir zu viert.
Alexandra und Beata, wie stellt ihr als Team das Programm des Tanzfestivals Rhein-Main zusammen? Jede Ausgabe hat ein eigenes Motto – entsteht das aus den ausgewählten Stücken, oder setzt ihr euch erst ein Motto und wählt damit die Stücke aus?
Alexandra: Das Motto ergibt sich aus dem Programm und in der Reflexion des Programms und wandelt sich auch immer mal wieder. Es ist natürlich cool, dass wir jetzt zu viert im Kurationsteam sind, und wir uns mir vier unterschiedlichen Perspektiven, unterschiedlichen Netzwerken und künstlerischen Ansätzen treffen. Auf was wir uns immer relativ früh einigen, ist die Position des Spotlight-Künstlers oder -Künstlerin. Das ist ein erster Schritt, um den herum sich das Programm dann strickt.
Beata: Ich denke, was uns wichtig ist, und das gilt für alle vier im Team, dass man Vielfalt denkt. Das wird zwar immer gesagt, aber dieses Festival ist in seiner Vielfalt wirklich besonders. Wir sind nicht in einem engen Ausdruck von zeitgenössischem Tanz. Wir versuchen, die verschiedensten Segmente zu zeigen und damit ein breites Publikum zu erreichen. Und das nicht nur für Erwachsene, sondern auch für Kinder.
Alexandra: Da kann ich Beata nur unterstützen. Ich glaube, es gibt kein Festival, das eine solche Bandbreite an tänzerischen Formen und choreografischen Ansätzen und Fragestellungen und politischen und persönlichen Perspektiven der Künstler:innen versammelt. Und dass man als Publikum die Chance bekommt, von einem neoklassizistischen Ballettstück bis hin zu einer interdisziplinären Performance zu sehen, was Tanz alles sein kann. Wir wählen aber natürlich Stücke aus, die wir spannend finden und die für unser Verständnis etwas beitragen, so dass zwischen den Künsten tolle Begegnungen stattfinden. Ich glaube, das ist echt etwas Besonderes.
Beata: Was mir so gut gefällt, ist, dass wir das Programm für junges Publikum vollständig integriert haben. Das machen Festivals nicht so häufig. Für mich persönlich sind die Kinder als Publikum gleichwertig mit den Erwachsenen. Die Kinder sind die Zukunft!
Und wir haben den Tanztag Rhein-Main mit vielen Mitmachangeboten und Workshops. Das heißt, es gibt nicht nur Tanz zum Anschauen, sondern auch zum mitmachen, selbst erleben und mitdenken. Und da sprechen wir auch viele Leute an, die Tanz als Hobby betreiben, also zum Beispiel Salsa tanzen oder Hip-Hop. Die interessieren sich vielleicht nur wenig für zeitgenössischen Tanz, aber was alle verbindet, ist die Liebe zum Tanz und zum Tanzen.
Foto: Sammi Landweer
Szene aus „BORDA“ von Lia Rodrigues
Spotlight des Festivals ist Lia Rodrigues aus Brasilien. Was könnt ihr über sie erzählen?
Alexandra: Lia Rodrigues ist eine brasilianische Choreografin, mit der wir schon lange sowohl am Mousonturm als auch am Hessischen Staatsballett verbunden sind.
Besonders an Lia Rodrigues' Schaffen ist, dass sie nicht nur künstlerisch, sondern auch sozial und politisch sehr stark eingebunden ist und sich engagiert.
Sie hat 1990 die Companhia de Danzas gegründet, eine Schule in den Favelas von Rio de Janeiro, wo Menschen zusammenkommen, miteinander tanzen und auch voneinander lernen. Und ich glaube, diese Praxis der Einbindung in die Community und den Einbezug von Menschen, die sonst vielleicht nicht den Zugang zum Tanz haben, ist auch für uns inspirierend.
Es ist eine große Besonderheit, dass politische Realitäten, Ressentiments, Rassismus, Chancenungleichheit super real von Lia Rodrigues über ihre Arbeit und über die Companhia de Danzas und die Schule mitgestaltet werden, und es ist das, was auch in ihren Stücken resoniert.
Die Themen ihrer Arbeit kommen aus ihrer brasilianischen Perspektive, also Fragen von Natur, Klimawandel, die Frage vom Umgang mit Ressourcen, aber auch Ungleichheit, Gemeinschaft und sozialer Ungerechtigkeit, Ressentiments und vieles mehr.
Beata: Lia Rodrigues wurde vor zwei Jahren mit dem Stück „Encantado“ für den Rose International Dance Prize nominiert. Das ist ein neuer, aber schon sehr renommierter Preis in der Tanzwelt, der im Sadler's Wells Theatre in London vergeben wird, und wir freuen uns sehr, dieses Stück am 13. November in Darmstadt zu zeigen.
Alexandra: Sie macht Kunst seit über 40 Jahren. Die Companhia de Danzas wurde 1990 gegründet und seit über 20 Jahren arbeitet sie im „Centro de Artes de Maré“ in den Favelas von Rio de Janeiro.
Lia Rodrigues ist wirklich eine Künstlerin, die auf ganz großes künstlerisches Schaffen zurückblicken kann, und sie ist eine sehr anerkannte, renommierte Künstlerin, die jetzt mit zwei Bühnenstücken und einem Film am Festival teilnimmt. Dazu kommen weitere Künstler:innen, die Lias Schaffen geprägt haben oder die zu ihrem Netzwerk gehören, wie zum Beispiel Ana Pi, Calixto Neto oder Renata Carvalho, die auch beim Festival vertreten sind.
Die Vorschläge dieser „Associate Artists“ kommen von Lia selbst. Deswegen sprechen wir von „Lia Rodrigues and Associates“. Damit legt das Festival einen starken Schwerpunkt auf Künstler:innen aus Brasilien.
Beata: Auch im Rahmenprogramm gibt es Tanzkultur aus Brasilien. Forró ist zum Beispiel ein beliebter Gesellschaftstanz. Es gibt mehrere Communities von Forró-Tänzer:innen in Frankfurt, Mainz und Darmstadt. Auch Zouk wird hier viel getanzt. Wir veranstalten am 7. November den „Tanztee Brasil“ für alle Hobby-Tänzer:innen und Amateure. Außerdem haben wir vier Workshops zu brasilianischer Tanzkultur, die von brasilianischer Künstler:innen konzipiert wurden.
Foto: Daniel Nicolaevsky
Atomic Joy - Ana Pi
Szene aus „Atomic Joy“ von Ana Pi.
Kommen wir zu den queeren Positionen auf dem Festival, die wie jedes Mal auch in diesem Jahr wieder im Programm vertreten sind. Alexandra, kannst du schon mal vorab eines der queeren Highlights empfehlen?
Alexandra: Das ist für mich erstmal total schön, dass du das auch so wahrnimmst. Und es gibt tatsächlich dieses Jahr auch wieder queere Positionen, die auf jeden Fall spannend sind.
Allen voran würde ich Renata Carvalho nennen. Renata gehört zu Lia Rodrigues‘ Associate Artists. Renata ist eine brasilianische trans Künstlerin und ihr Stück „Manifesto Transprofágico“ beschäftigt sich mit Transidentität, aus einer brasilianischen Perspektive betrachtet. Ich finde es besonders spannend, weil es aus einer nicht-europäischen, nicht-weißen Perspektive heraus den Horizont auf Queerness und Transidentität nochmal total erweitert. Das Stück ist sehr zugänglich, spricht das Publikum direkt an und konfrontiert es direkt mit Vorurteilen, mit Neugier und Wertung. Sehr mutig!
Ebenfalls beim Festival dabei ist „Anybody Walking“, das Ballroom-Kollektiv in Frankfurt. Es organisiert am Ende des Festivals im Mousonturm einen Kiki-Ball und einen Major-Ball. Der Kiki-Ball ist für die Beginners und Major-Ball für die Profi-Majors.
Es gibt noch zwei weitere Stücke, die Queerness nicht so direkt behandeln, aber in denen Themen wie Queerness, andere Körperlichkeiten und Queering enthalten sind, ohne dass es direkt zum Thema gemacht wird.
Zum einen ist das „The Wheelie Show“ von Eng Kai Er & Team aus Hamburg, eine Show auf Rollschuhen, aber auch in Rollstühlen. Es ist glitzernd und sehr joyful und bietet so viel Raum für die Beschäftigung mit der Intersektionalität zwischen Queerness und Behinderung.
Eine weitere Arbeit kommt von Parvin Saljoughi, einer iranischen Choreografin, die in Brüssel lebt. In ihrem Stück „Feral Reverie“ beschäftigt sie sich sehr stark mit Körpern, die in der Welt zwischen Digitalität und Fleischlichkeit umgehen müssen, an einem Ort, an dem die Katastrophe schon passiert ist oder noch passieren wird, mit Fragen nach Gemeinschaft und Überlebensstrategien. Das hat in der Ästhetik auf jeden Fall etwas, was ich als queer bezeichnen würde.
30.10. – 15.11., Tanzfestival Rhein-Main, alle Infos über tanzfestivalrheinmain.de
Tipp: Tanztag Rhein Main am 31.10., mit unzähligen Tanz-Workshops und Schnupperkursen im gesamten Rhein-Main Gebiet, ohne Anmeldung und mit „pay-as-you-wish“-Prinzip. Ab 20 Uhr führt das große Tanzfest im Mousonturm alle zusammen, ab 22 Uhr gibt‘s eine Halloween-Party.
Interview: Björn Berndt