Foto: Vlada Shcholkina
Am 4. November feiert das neue Stück „Strike“ der Frankfurter Tanzcompagnie „Dorfproduct“ Premiere im Rahmen des Tanzfestival Rhein-Main. GAB konnte vorab schon mal reinschauen.
Ein kleiner Theaterraum, eine Bühne mit verspiegelter Rückwand. Zwei nackte Männer sitzen auf dem grünen Bühnenboden und schauen fast verträumt durchs Publikum, fixieren, lächeln.
In die Idylle kracht Haftbefehls Rap-Hit „069“ und die Tänzer beginnen, sich in Bodybuilding-Posen zu präsentieren, pumpen und pressen. Oder sind es vielleicht Posen griechischer Götter? Im Verlauf des Stücks verändern sich die Bewegungen immer weiter, die Tänzer agieren miteinander, aufeinander, umeinander. Ein Wechselspiel aus Dominanz und Unterwerfung, dessen Grenzen permanent verschwimmen – es ist nie ganz klar: kämpfen sie gegeneinander oder geben sie einander Halt? Oder ist es ein Wasserballett? Am Ende fallen die verschwitzen Körper klatschend auf den Bühnenboden, immer und immer wieder.
Foto: Vlada Shcholkina
„Mich interessiert, wie Männer in unserer Gesellschaft miteinander umgehen“, sagt Simon Möllendorf, Kopf der Compagnie. „Ich finde, die beiden sind mal Brüder, mal sind sie Vater und Sohn. Wenn Santiago auf Omars Brust steht, ist das, was er tut, ja auch wahnsinnig zärtlich, er ertastet ja den Körper mit den Füßen. Aber das Stück geht nie in eine erotische Richtung.
Es sind wahnsinnig komplexe Berührungen und wahnsinnig komplexe Bilder, die nie eindeutig zu lesen sind. Am Ende fallen die Tänzer gemeinsam, ein wahnsinnig solidarischer, gemeinschaftlicher Akt“, so Möllendorf weiter .
Foto: Vlada Shcholkina
Genau diese Ambivalenz, die sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht, macht „Strike“ zu einem intensiven, bildgewaltigen Erlebnis, das seine Stärke aus dem minimalistischen Setting (außer dem Rap-Song gibt es keinen Soundtrack) und vor allem aus der unmittelbaren Nähe zu den beiden Tänzern Santiago Mariño und Omar Torrico Real zieht.
Dem Publikum wird im wahrsten Sinne der Spiegel vorgehalten: Wie gehe ich mit Nacktheit um? Wie betrachte und urteile ich über Körper und Menschen? Kann ich einen nackten Körper losgelöst von Sexualität wahrnehmen? Ist Schwäche männlich? Und wie schwach wirkt im Gegensatz dazu Macho-Gehabe? Aber auch: wie bedrohlich kann ein männlicher Körper sein? Wieviel Gewalt steckt in einem männlichen Körper, wieviel Gewalt wird dem männlichen Körper angetan?
Warum sind die Tänzer nackt?
„Ich glaube, angezogen können wir und alle immer ganz gut begegnen“, sagt Simon Möllendorf. „Es wird spannend, wenn wir alle nackt sind und uns begegnen – physisch, seelisch oder geistig.“
Und er ergänzt: „Natürlich ist das auch etwas Provokantes. Florentina Holzinger hat es geschafft, den nackten Frauenkörper auf der Bühne zu enttabuisieren. Der nackte Männerkörper auf der Bühne ist immer noch ein Tabu. Aber ich habe versucht, dass die beiden gut mit der Nacktheit des anderen umgehen.
Ich glaube, so ein Abend hilft natürlich auch, Körper in ihrer Unterschiedlichkeit zu akzeptieren. Klar, es sind Tänzerkörper, die sehr gut aussehen, da brauchen wir nicht drumherum reden. Das Stück sagt trotzdem viel über Körper im Allgemeinen aus“.
„Strike“ von Dorfproduct, Premiere am 4. November, Produktionshaus Naxos, Waldschmidtstr. 19, Frankfurt, 20 Uhr, weitere Vorstellungen am 6. und 7.11 sowie am 12., 13. und 15.11., solidarisches Preissystem, tanzfestivalrheinmain.de / produktionshausnaxos.de