Während einer Recherchereise in Französisch-Polynesien kam zum Abendessen bei meiner tahitianischen Gastfamilie auch Verwandtschaft zu Besuch. Anders als meine kleine, runde Gastgeberin war ihre Schwester groß und schlank, mit athletischen Schultern und einer dunkleren Stimme. Als transsexuelle Frau würde man sie in Europa wohl bezeichnen – wäre dieser vor rund hundert Jahren von europäischen Nervenärzten erfundene Begriff hier für einen normalen, gesunden, selbstbestimmt lebenden Menschen nicht vollkommen fehl am Platz. Zuvor hatte bereits der schwule Bruder meines Gastgebers zusätzliche Stühle und Tische gebracht. Nichts Besonderes, einfach Familie.
Fester Platz
Menschen mit homosexueller Orientierung und Transgender haben in den traditionellen wie in den modernen Gesellschaften der Südsee einen festen Platz. Sie sehen sich als selbstverständlichen Teil der Gemeinschaft und werden auch so angenommen. Sie leben, arbeiten und übernehmen Verantwortung wie alle anderen. In den Kulturen der Südsee gilt der gesunde Menschenverstand, dass gleichgeschlechtliches Lieben und ein vom biologischen Geschlecht abweichendes Empfinden Spielarten des Lebens sind.
Illustration: KI-erstellt
Total normal
„In den Kulturen der Südsee gilt der gesunde Menschenverstand, dass gleichgeschlechtliches Lieben und ein vom biologischen Geschlecht abweichendes Empfinden Spielarten des Lebens sind.“
Natürlich sind auch bei uns Homosexualität und Transidentität Normvarianten menschlicher Entwicklung. Eine biologische Tatsache, keine Ideologie. Der Unterschied zur Südsee liegt nicht im Phänomen, sondern im Selbstbild.
Quer oder normal
In Europa und den USA wird dieses Selbstverständnis häufig mit dem Begriff queer beschrieben. Historisch bedeutete queer nichts anderes als „schräger Vogel“. Ursprünglich abwertend gemeint, später positiv umgedeutet. Für viele bedeutet er jedoch auch: quer. Querstehen zur Gesellschaft. Es wird sowohl als bewusste Gegenkultur gepflegt als auch von der Mehrheitsgesellschaft so wahrgenommen. Als Abgrenzung von ihr steht er aber auch im Widerspruch zu Normalität und Selbstverständlichkeit von vielfältigem Lieben und Geschlecht. Man hat es sich also in der Sonderrolle vergangener LGBTIQ*-Generationen bequem gemacht, die heute allerdings kaum mehr mit Diskriminierung verbunden ist. Sie fühlt sich gut an, weil sie Abhebung erlaubt und das Gefühl vermittelt, ein bisschen mehr zu sein als einfach nur normal.
Der Anspruch auf Normalität geht dadurch aber nicht nur kulturell, sondern auch politisch verloren. Wer sich lieber als queer denn als normal begreift, überlässt anderen die Deutungshoheit darüber, was als normal gilt – auch jenen, denen in dieser Frage der gesunde Menschenverstand abhandengekommen ist. Gleichberechtigung wurde eingefordert und erreicht; dass die Gesellschaft heute weitgehend offen für LGBTIQ* ist, war das Ergebnis eines langen Kampfes. Umso enttäuschender ist es, wenn sich viele weiterhin auf ihr Queer-Sein reduzieren, in Nischen und Opferrollen verharren und überholte identitätspolitische Sprechblasen repetieren, statt überall dort teilzuhaben und sich einzubringen, wo es zum Normal-Sein dazugehören würde. Mitgehen statt querstehen.