Das Wiedererwachen der Natur ist für mich jedes Jahr aufs Neue zunächst ein unbestimmtes Gefühl, bis ich überrascht die erblühten Krokusse und Schneeglöckchen bemerke. Beschämend, wie stumpf und weltabgewandt der trübe Winter mich hat werden lassen, sie zu übersehen. Dann trösten mich die Worte des Naturphilosophen Henry David Thoreau, der feststellte, dass niemand so flink sei, um nicht den ersten Tag des Frühlings zu verpassen.
Im falschen Takt
Nun liegt dies schon einige Wochen hinter uns, die Tagundnachtgleiche ist überwunden. Was für eine naturferne, administrative Konvention es ist, das Jahr in der Mitte des Winters beginnen zu lassen, in der das Leben doch weitgehend erstarrt ist. Zwangsläufig müssen unsere zum kalendarischen Neujahr gefassten Vorsätze so schon nach wenigen Wochen träge werden und zum Stillstand kommen. Kälte, frühe Dämmerung und lange Abende sind zum Aufblühen naturgemäß ungeeignet, geben stattdessen aber den eigenen Gedanken Zeit Wurzel zu fassen und sich zu entfalten.
Illustration: KI erstellt
Spätestens der Frühling zeigt uns doch, wie untrennbarer Teil der Natur wir sind.
Jetzt erst, mit dem Frühling beginnt der Zyklus wirklich. Mit der Euphorie eines Neuwagenkaufs reißen wir die Tür des vor uns liegenden Jahres auf, lassen uns hineinfallen, genießen den Duft nach Neuem, geraten in Aufbruchsstimmung und brausen los. Dorthin, wo wir hingehören – in die Natur. Spätestens der Frühling zeigt uns doch, wie untrennbarer Teil wir von ihr sind.
Gegen unser Wesen
Unübersehbar ist nach den Wintermonaten, wie schlecht es uns bekommt, wenn wir unnatürlich leben: unter Lampenlicht in trockener, schlechter Luft sitzen, üppig essen und tief in die Gläser schauen. Einsam so lange auf kleine Bildschirme starren, bis wir nicht mehr schlafen können. Dafür sind wir nicht gemacht. Wir sind Jäger*innen und Sammler*innen, die unter freiem Himmel aufmerksam ihre Umwelt beobachten. Wir sind Lebewesen, die mit der Sonne aufstehen. Die ungern aber problemlos drei Tage nichts essen können und nichts als Wasser trinken brauchen. Die nie aufhören zu suchen, zu finden, zu basteln und zu verbessern. Die ungezwungen ihrer Lust und Liebe nachgehen.Nicht erst in unserer Zeit ist der Mensch bedauerlicherweise zivilisatorisch falsch abgebogen, hat sich von seiner Natur und sich selbst entfremdet, sodass er Wert heute erst in Dingen erkennt, wenn sie kosten, Herumliegen als Heilung missversteht, Menschen im Internet verehrt aber um sich herum ignoriert. Er glaubt immer dieses aber nie jenes zu essen tue ihm gut und er hat Sex zur wiedernatürlichen Unzucht erklärt oder als Massenware verramscht.Möglicherweise liegt es auch in unserer menschlichen Natur, dass wir nach einer gewissen Zeit aus der Art schlagen, sodass es Sintflut, Renaissance oder Aufklärung braucht, um wieder menschlicher zu werden. Wer nicht auf eine solche historisch seltene Zäsur warten will, nutzt für die individuelle Selbsterneuerung schon jetzt den von der Natur dafür vorgesehenen Systemneustart: den Frühling.