Im letzten Sommer mauerte ich mit einem Bekannten aus der Community an seinem Haus. Wir betrachteten unser Werk, freuten uns über die Arbeit und fragten uns: Warum neigen andere queere Menschen so selten zum handwerklichen Arbeiten?
Ich selbst habe eine Berufsausbildung im Bauhandwerk und verstehe mich als werkpraktische Generalistin. Die Maurer*innenkelle habe ich im Laufe der Jahre gegen die Feder beziehungsweise die Tastatur eingetauscht. Ein Verlust, den ich bis heute empfinde – weshalb ich jede Gelegenheit, mit Werkzeug zu arbeiten, dankbar ergreife. Die handwerklichen Herausforderungen werden im Alltag leider immer weniger. Früher soll man ein Auto noch mit Hammer, Zange, Draht und einer Strumpfhose repariert haben können. Heute kann man hier ohne Laptop und Spezialsoftware höchstens noch die Außenspiegel einstellen und die Fußmatte ausklopfen.
Homo Faber
Mein technisches Interesse wird auch dadurch verödet, dass in queeren Runden handwerkliche Themen auffällig selten eine Rolle spielen. An anderen Stammtischen wird stundenlang über Bauprojekte und die dafür notwendigen Materialien und Werkzeuge debattiert, in meinem schwul-lesbischen Bekanntenkreis fürchtet man schon das IKEA-Regal wie der Teufel das Weihwasser.
Ein anderer Bekannter outete sich beispielsweise als handwerklich so ungeschickt, dass er nicht einmal eine Tüte Gummibärchen ordentlich aufbekomme. Als ich ihn einmal dabei beobachtete, wie er tatsächlich minutenlang mit der Verpackung rang, um dann den Inhalt teilweise auf den Boden zu verteilen, war es schwer zu fassen, dass Angehörige derselben Spezies einmal auf den Mond geflogen sein sollen.
Illustration: KI erstellt
Homo Faber
„Der Mensch gilt seit jeher als Homo Faber – als der schaffende Mensch, der Werkzeuge benutzt, Dinge baut und seine Umwelt formt.“
Der Mensch gilt seit jeher als Homo Faber – als der schaffende Mensch, der Werkzeuge benutzt, Dinge baut und seine Umwelt formt. Manchmal hat man allerdings den Eindruck, dass innerhalb der LGBTIQ*-Szene eine leicht abgewandelte Variante existiert.
Homo Decorator
Klassische Handwerksmilieus waren lange Zeit stark von traditionellen Männlichkeitsbildern geprägt. Baustellenhumor und Werkstattwitze sind nicht immer ein Umfeld, in dem sich Lesben, Schwule oder Transgender willkommen fühlen. Viele Talente wandern deshalb in andere praktische Arbeitsfelder.
Dort tauchen die handwerklichen Fähigkeiten dann plötzlich wieder auf. Queere Schreiner*innen, Bühnenbauer*innen, Restaurator*innen, Designer*innen oder Friseur*innen arbeiten mit einer Präzision und Materialkenntnis, von der viele Heimwerker nur träumen können. Es handelt sich also durchaus um Handwerk – nur um eine Form, die in Baumärkten nicht dokumentiert ist.
Der Unterschied liegt also gar nicht in der Fähigkeit zum Anpacken, sondern in der Motivation.
Der Homo Faber baut eine Welt, die funktioniert.Der Homo Decorator baut eine Welt, in der man leben möchte.
Und wenn dabei gelegentlich eine Schraube übrig bleibt, dann war sie vermutlich sowieso nicht wichtig.