Dieser Pride-Monat soll einmal mehr einer werden, in dem sich ein Safe-Space-Event an das andere reiht. Schutzräume sind wichtig, denn queere Menschen gelten als vulnerabel. Sie sind besonders leicht durch äußere Einflüsse seelisch zu verletzen und neigen dazu, psychisch zu erkranken. Es gibt viele Anlässe und Beispiele dafür. Wenn ich aber tiefer nachdenke, fallen mir noch mehr Gründe und Belege ein, warum auch das Gegenteil der Fall ist und Lesben, Schwule und Transgender große Resilienz an den Tag legen. Resilienz klingt nach Trainingsprogramm und Selbstoptimierung. Schlichtweg ist es die Fähigkeit von Einzelnen oder Communitys, sich gegen erheblichen Druck von außen selbst zu behaupten und äußeren Störungen standzuhalten.
Druck und Störung waren und sind in der europäischen Geschichte Konstanten für gleichgeschlechtlich Liebende und geschlechtsnonkonforme Menschen. Nichtsdestotrotz sind sie und ihre bedeutenden Leistungen durch die Jahrhunderte historisch dokumentiert.
Tugenden des Widerstands
Steht nicht möglicherweise der hohen Verwundbarkeit mancher eine überproportional höhere Widerstandskraft vieler gegenüber? Widerstand nicht als gelegentliche kämpferische Gegenwehr, bei der man in einer Juninacht auf der Christopher Street die drangsalierende New Yorker Polizei mit Bierflaschen und Pflastersteinen bombardiert, sondern die Ausdauer, über weite Spannen gegen den Strom zu schwimmen, ohne zu erschöpfen. Widerstand im Sinne einer Robustheit, an der weihräuchernde Moralpredigt, züchtigende Vätersitte und elektroschockende Konversionsmedizin scheitern. Im Sinne einer Zähigkeit, diese und unzählige andere Quälereien zwar schmerzhaft und lebenslang zu verinnerlichen, ohne jedoch daran zu zerbrechen. Widerstand durch Elastizität, die an widrigen Erfahrungen reift und ermöglicht, sich zu verändern, ohne sich zu verlieren. Sich anpassen, ohne sich aufzugeben. Durch Standhaftigkeit, die ein Nachgeben ausschließt, die zur eigenen Identität und Liebe steht und ausruft: „So bin ich und das ist gut so!“
Illustration: KI erstellt
Die eigene Widerstandsfähigkeit nicht romantisieren. Niemand ist dauerhaft belastbar. Und niemand sollte es sein müssen.
Widerstandskraft, Zähigkeit, Elastizität und Standhaftigkeit sind Tugenden der Resilienz, die viele Lesben, Schwule, Bisexuelle und transgeschlechtliche Menschen beherrschen, um auf Herausforderungen und Veränderungen zu reagieren.
Kehrseite der Resilienz
Doch wer es gewohnt ist, sich dieser Stärken jederzeit sicher zu fühlen, läuft Gefahr, aus ihnen eine stille Pflicht abzuleiten. Funktionieren, weitermachen, durchhalten, weil man es kann. Gerade deshalb ist es wichtig, die eigene Widerstandsfähigkeit nicht zu romantisieren. Niemand ist dauerhaft belastbar. Und niemand sollte es sein müssen. Der Pride-Monat soll also eine Zeitspanne der Unbeschwertheit sein, und die Räume, die unterdessen geschaffen werden, sollen Lichtungen sein, auf denen Widerstandskraft wieder wachsen kann.