Ein rauschendes Fest, bei dem alles stimmt: die perfekte Zeit, der ideale Ort, die richtigen Leute – und genug von allem da. Ein Höhenflug und Zustand des Glücks, von dem man hofft, dass er nie enden möge, und den es auszukosten gilt, solange er anhält. Schließlich gibt es immer jemanden, der nicht erkennt, wann die Party vorbei und es Zeit ist, nach Hause zu gehen. Wann es längst peinlich geworden ist, sich weiter auf der Tanzfläche um sich selbst zu drehen, obwohl alle Energie verbraucht und das zum Auftakt des Abends noch untadelige Make-up längst zur verschmierten Fratze geworden ist. Ein Übriggebliebener, der wieder und wieder die Jubelrufe johlt, mit denen die Feiermenge sich in den zurückliegenden Stunden der Ekstase gegenseitig anfeuerte, die aber nun, einsam in den Saal gekrächzt, beschämend geworden sind. Ein Letzter, der rote Münzen auf dem Tresen zählt für ein letztes Rauschgetränk, weil er die Ernüchterung fürchtet und die Einsicht, dass er über die eigenen Verhältnisse gelebt und nicht nur sein Geld, sondern auch die moralischen Reserven verbraucht hat.
Tanz der Zechpreller
Diese klägliche Szene kommt mir in den Sinn, wenn allabendlich in den Fernsehnachrichten und folgenden Stuhlkreissendungen die sprechenden Köpfe des Bundeskabinetts darlegen, dass der Handlungsdruck hoch, nicht nur der soziale Frieden in Gefahr, die Zeiten schwierig, die Herausforderungen gewaltig seien. Ein Weiter-so dürfe es nicht geben, weshalb weitgehende Reformen in Planung seien, bei denen sich für die allermeisten jedoch kaum etwas ändern werde – denn auf gründliche Neugestaltung und Abschaffung von Überkommenem möchte man sich nicht einigen, und so bleibt es bei Flickwerk und Minimalkonsens.
Illustration: KI erstellt
Sie möchten doch lieber noch etwas weitermachen, sich noch nicht der nüchternen Realität jahrzehntelanger Selbsttäuschung aussetzen.
Sie möchten doch lieber noch etwas weitermachen, sich noch nicht der nüchternen Realität jahrzehntelanger Selbsttäuschung aussetzen. Sie können nicht anders, weil sie es nicht anders kennen. Politische Biografien, bestimmt vom jahrzehntelangen Hangeln von Wahl zu Wahl und dem Vermeiden unpopulärer Zäsuren, würden zu Lebenslügen, wenn man plötzlich anerkennte, dass sie sehenden Auges nicht nur monetär, sondern auch politisch Bankrott gemacht haben. Denn nicht trotz, sondern wegen ihres Weiterwurstelns stehen Anwärter auf die Regierungsmacht an der Schwelle, denen nicht mehr nach dem Weiterfeiern bunter Feste ist – sondern nach Fackelzug.
Wer den Preis bezahlt
Für viele muss sich deshalb jetzt etwas ändern, denn das wird es so oder so. Dann sicher kaum unter Berücksichtigung von Minderheiteninteressen und queerer Daseinsvorsorge. Gerade deshalb sollten die LGBTIQ*-Communitys nicht länger unterwürfig darauf vertrauen, dass für sie künftig weiter Krumen eines immer kleiner werdenden Kuchens unter den Tisch fallen. Vielmehr sollten sie als Teil der Gesamtgesellschaft diejenigen, denen sie politisch vertraut haben, in die Pflicht nehmen, solange noch Handlungs- und Entscheidungsspielräume bestehen. Wer jetzt in Verantwortung ist, für den gilt: Licht an, Musik aus! Sonst wird uns allen für lange Zeit nicht mehr nach Feiern zumute sein.