Von Anfang an gibt sie mir das Gefühl, eine der wunderbarsten Bekanntschaften zu sein, die sie an diesem Morgen, vielleicht sogar in ihrem ganzen jungen Leben, gemacht hat. Artig nennt sie ihren Namen und drückt mit Wort und Geste aus, mir jeden Wunsch von den Lippen ablesen zu wollen. Den Umstand, dass ich aus Deutschland angereist bin, findet sie „großartig“, meine Entscheidung, einen Pfannkuchen essen zu wollen „wunderbar“.
In diesem Frühstücksrestaurant in der amerikanischen Provinz fühle ich mich geliebt und geborgen. Eine Empfindung, die ich bereit bin, mit einem in dieser Höhe in meiner Heimat unerhörten Trinkgeld zu entgelten, um den ausbeuterischen Rumpflohn dieser Servierkraft gebührend aufzustocken.
Gastlichkeit im Wandel
Ich erinnere mich noch an die Zeiten, in denen im deutschen Speisegasthaus das Klicken mit dem Kugelschreiber der an den Tisch herantretenden Kellnerin als ausreichender Willkommensgruß genügen musste. Geringe Höflichkeit, die man durch ein lediglich auf den ganzen Euro aufgerundetes Trinkgeld honorierte.
Illustration: KI erstellt
Vom Servieren
"Das Gastgewerbe der Gegenwart strotzt vor käuflicher Liebe und Leidenschaft."
Seitdem haben sich die gastronomischen Umgangsformen unter anderem durch Einführung fremdländischer Gepflogenheiten bedeutend gehoben. Selbst ein anatolischer Wirt empfängt heute mit „Buonasera, signora“. Neuen Gästen wird im Restaurant zum Gruß die Hand gereicht, beim zweiten Besuch gibt es schon Küsschen. Als holzgedrechselter Maßstab von Gastfreundschaft und Bemühen um das leibliche Wohlergehen eilt ein Kellner mit gewaltiger Pfeffermühle durch den Speisesaal, um aus diesem unmissverständlichen Phallussymbol geschroteten Pfeffersamen vor Gast und Gästin hinrieseln zu lassen. Das Gastgewerbe der Gegenwart strotzt vor käuflicher Liebe und Leidenschaft. Doch nicht jede*r ist empfänglich für solche Dienstbarkeit und schätzt das behagliche Ambiente eines Essens außer Haus.
Zwischen Sofa und Subkultur
Immer mehr Zeitgenoss*innen genügt die amerikanische Verzehrsituation auf dem heimischen Sofa. Scharen von Dienstboten auf breitbereiften E-Bikes lassen sich per App kreuz und quer durch die Großstädte scheuchen, um fettige Pappschachteln, Styroporschalen und Plastiktöpfchen abzuholen, in ihren Quadertaschen vor Wind und Wetter zu verbergen und damit und der Hoffnung auf ein Trinkgeld zu den vorgeschriebenen Wohnungstüren zu hasten. Manchmal ihr einziger Lohn. Anders als auf ihre Würfeltaschen gedruckt, werden sie nicht selten von windigen Subunternehmen beschäftigt, die Löhne unterschlagen und geringste Arbeitnehmer*innenrechte verweigern.
Dankbar können wir deswegen sein für die gastronomische Parallelwelt unserer queeren Lokale. Hier wechselt die familiäre Liebenswürdigkeit einer großmütterlichen Kaffeetafel binnen Sekunden mit der Scharfzüngigkeit eines Drag-Contests, ohne dass daraus je die ölige Unterwürfigkeit einer Service-Choreografie wird. Es ist die ungenormte Mischung aus Fürsorge, Frechheit und Wiedererkennen, die den Wert dieser gewachsenen Subkultur ausmacht. Sie ist weder glatt noch servil – dafür umso authentischer.