„Das stimmt ja hinten und vorne nicht“, dachte ich, als ich den Hessenschau-Bericht zum Frankfurter CSD sah. Zu einem queerfeindlichen Vorfall hieß es: „Die Angreifer […] sollen einen migrantischen Hintergrund haben. Laut BKA-Statistik die Ausnahme. Denn zuletzt waren 84 Prozent der queerfeindlichen Vorfälle rechts motiviert. Ausländische oder religiöse Ideologien sind selten Ursache.“
Aus unserem Frankfurter Regenbogenviertel weiß ich allerdings, dass viele Pöbeleien und Übergriffe keiner Ideologie folgen – außer der Ablehnung von LGBTIQ*. Deshalb fragte ich beim Bundeskriminalamt nach.
Aus 42 werden 84 Prozent
Eine BKA-Sprecherin bestätigte meinen Verdacht: Die Darstellung des Hessischen Rundfunks beruhe auf einer „nicht zutreffenden Darstellung der Fallzahlen.“
Tatsächlich ist die Kategorie „sonstige Zuordnung“ mit rund fünfzig Prozent die größte. Auch dabei handelt es sich um homo- oder transfeindliche Straftaten. Sie konnten nur keinem zusätzlichen politischen Phänomenbereich wie rechts, links, ausländischer oder religiöser Ideologie eindeutig zugeordnet werden.
Die Hessenschau nahm diese Fälle aus der Berechnungsgrundlage heraus und berechnete die Prozentanteile nur noch unter den verbleibenden Taten mit einer solchen zusätzlichen politischen Zuordnung. Innerhalb dieser halbierten Grundgesamtheit entfielen rund 84 Prozent auf den Phänomenbereich rechts. Bezogen auf alle erfassten queerfeindlichen Straftaten lag der rechte Anteil jedoch nur bei rund 42 Prozent. Dass sich die 84 Prozent lediglich auf diese Teilmenge bezogen, wurde im Beitrag nicht erklärt.
Zugleich wurde am Migrationshintergrund heruminterpretiert, obwohl die BKA-Statistik ihn nicht ausweist. Ausländische Ideologie bezeichnet ein Tatmotiv, nicht die Herkunft eines Täters. „Ein etwaiger Migrationshintergrund ist diesen Zahlen nicht zu entnehmen“, schrieb mir die BKA-Sprecherin.
Wie kann der Hessische Rundfunk eine Statistik so wiedergeben? Schlampigkeit, dachte ich mir, denn die Alternative, bewusste Manipulation, wäre bei einer öffentlich-rechtlichen Institution furchtbar. Das BKA kündigte an, den HR auf den Fehler hinzuweisen. Auch ich verlangte Erklärung und Richtigstellung. Man wolle komplexe Statistiken anschaulich vermitteln und müsse sie dafür mitunter verkürzen, antwortete der HR. Bei Grafik und Begleittext seien jedoch Ungenauigkeiten unterlaufen. Der Beitrag wurde inzwischen korrigiert.
Oberflächlichkeit hat Folgen
Seitdem ereignete sich der islamistisch motivierte Anschlag auf den Berliner CSD – unter anderem möglich gemacht durch Hasardeure in der Justiz, die eine mordlüsterne Hochrisikoperson sanktionierten wie einen notorischen Ladendieb.
Die Gewaltquote zeigt, wie hoch der Anteil der Gewalttaten innerhalb des jeweiligen Phänomenbereichs bei den für 2025 erfassten queerfeindlichen Straftaten war.
Dass diese Bedrohung für queeres Leben oft unterschätzt wird, liegt auch an leichtfertigen Verkürzungen wie jener der Hessenschau, deren Berichterstattung oft nicht über das Offensichtliche hinausreicht: Rechts motivierte Fälle sind ein Massenphänomen, das alle anderen in den Schatten stellt.
Was sie übersehen: Queerfeindlichkeit braucht keine Ideologie. Sie ist auch ohne eindeutigen ideologischen Hintergrund weit verbreitet und gewalttätig. Bei religiös motivierten Vorfällen führt etwa jeder fünfte Fall zu Gewalt.
Um ihr wirksam entgegenzutreten, ist die Öffentlichkeit auf saubere Recherche und sorgfältige Medienarbeit angewiesen. Medien dürfen Queerfeindlichkeit nicht als oberflächliches Lifestyle-Thema behandeln, sondern müssen die Arbeit leisten, die ihrer privilegierten Rolle in unserer Demokratie entspricht. Das kann man von ihnen erwarten.