Für viele Lebensformen werden die Lebensräume enger. Etwa für den Amurleoparden, den Mosel-Apollofalter oder den Kaiserpinguin. Nicht auf der Liste der bedrohten Arten steht unverständlicherweise der alte weiße Mann – obwohl auch er immer stärker von Artgenoss:innen unter Druck gesetzt wird.
Fraglos hat er sich in der Menschheitsgeschichte zahlloser Gräuel schuldig gemacht. Vor allem durch seine Kriegslust. Von jungen Frauen begonnenes und geführtes Völkergemetzel ist in der Historie so selten wie die Madagaskar-Moorente.
Verkannter Wohltäter
Den alten weißen Männern ist aber auch viel Gutes zuzurechnen. Ohne ihr Gewinnstreben wäre der Kapitalismus nie erfunden worden. Erst mit ihm wurden Entwicklungen möglich, die verhindern, dass uns heute noch mit Mitte dreißig eine Zahnwurzelentzündung dahinrafft, und Fortschritt, durch den endlich mehr Menschen übergewichtig sind als Hunger leiden.
Illustration: KI-erstellt
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„Besonders ungerecht empfinde ich diese verächtliche Formel, wenn sie gegen alte schwule weiße Männer gerichtet ist.“
Der alte weiße Mann steht im Ruf, besondere Bedürfnisse benachteiligter Gruppen nicht anzuerkennen. Doch in Wahrheit stören ihn nur die Bezeichnungen. Wer einen Stammtisch nach dem fünften Pils beobachtet, erkennt schnell, dass ADHS nicht erst ein Phänomen der Millennials ist. Wer behauptet, Autismus sei eine ausschließliche Mode-Diagnose der Jugend, dem sei nur ein Stichwort entgegengerufen: Modelleisenbahn!
Alten Herren spricht man Empathie und Leidenschaft ab. Doch wer behauptet, sie seien nicht fähig zu tiefen Empfindungen und spürten kein Brennen mehr in ihrem Inneren, der verharmlost Sodbrennen.
Der Pessimismus des alten weißen Mannes verankert uns in der Wirklichkeit, bewahrt uns davor, zu viel zu erwarten und vom Leben enttäuschter zu sein als ohnehin schon.
Seine Ungeduld treibt uns an – wohin auch immer.
Bitterer Ernst
Bestenfalls war der „alte weiße Mann“ eine schlecht sitzende Metapher für eine Generation, die gelegentlich privilegiert in traditionell geprägten Gesellschaften aufgewachsen ist, Machtstrukturen aufrechterhalten hat und nicht wahrhaben wollte, dass dadurch Frauen und Minderheiten benachteiligt werden.
Heute ist aber das Gegenteil genauso richtig. Wie oft haben mir genau diese alten weißen Männer wertvolle Tipps, Chancen und Schwung für Projekte gegeben, sich meine Ideen angehört und mich ermutigt, während andere, die weder alt noch Männer waren, ignorant im Weg standen und mich durch Zaudern und Missgunst bremsten.
Besonders ungerecht empfinde ich diese verächtliche Formel, wenn sie gegen alte schwule weiße Männer gerichtet ist. Menschen, die lange selbst von benachteiligenden Machtverhältnissen betroffen waren, die keine Privilegien genossen, sondern oft einen hohen Preis für ein wenig selbstbestimmtes Leben zahlten. Der „alte weiße Mann“, ist also nicht bloß ein gedankenlos aus dem US-amerikanischen Sprachgebrauch entführtes Sinnbild, sondern eine Herabwürdigung entlang äußerer Merkmale, die nicht mehr Berücksichtigung verdient als jedes andere Mosaikteil im Müllhaufen der dumpfen Phrasen.