Die wenigsten meiner Kolumnen schreibe ich in Wiener Kaffeehäusern – aber diese schon. Bei einem Doppelten blicke ich auf die zurückliegenden 5.000 Kilometer, die ich im Spätsommer am Balkan und durch die Donau-Region umherreiste. Große Vielfalt ist mir dort begegnet, Überbleibsel vergangener Pracht und hoffnungsvolle Ausblicke in eine vielversprechende Zukunft.
Die Regenbogenfarben begegneten mir nur einmal. An einer Fassade eines bulgarischen Malerbetriebes, der damit Vorbeifahrende auf sein Gewerk hinwies. Mit Farben „made in Germany“. Gegen Importe der Regenbogenflagge und wofür sie steht, verwahrt man sich jedoch in Südosteuropa vielerorts. Diese Ablehnung wird zwar von progressiven Westeuropäern gerne auf Feindbilder wie Viktor Orbán projiziert, doch auch von großen Teilen der Bevölkerung getragen. Allerdings nicht von einer überwältigenden Mehrheit: Knapp die Hälfte der Ungarn unterschrieb in einer EU-weiten Umfrage den Satz: „An einer gleichgeschlechtlichen Beziehung ist nichts falsch“ und beim Budapest Pride nehmen seit Jahren rund 35.000 Menschen teil.
Entgrenzter Aktivismus
Die Kritik an der ungarischen Administration ist so vielfältig wie legitim: Im Juni hatte die Regierung die Pride in Budapest genutzt, um ihre repressiven Maßnahmen zu demonstrieren. Unter dem Vorwand des „Kinderschutzes“ beschnitten Gesetze die Versammlungsfreiheit, richteten sich gezielt gegen LGBTQ*-Themen und erlaubten Gesichtserkennung zur Identifizierung von Teilnehmenden. Das EU-Parlament und Menschenrechtsorganisationen sahen darin klare Grundrechtsverstöße. Umso bedeutsamer war es, dass mehr als 70 Europaabgeordnete, nationale Politiker*innen und Aktivist*innen mit ihrer Anwesenheit Aufmerksamkeit schufen und Schutz vor Repression boten.
Bild: mit KI erstellt
"Die roten Zonen liegen anderswo in der Region – zum Beispiel in Rumänien oder Bulgarien."
Peinlich waren dagegen die Selbstüberhöhung und das unreflektierte Sendungsbewusstsein einiger Aktivist*innen, die die Lebensweisen des Prenzlauer Bergs auch in der Puszta verteidigen wollten. Budapest ist im Frühsommer schließlich schön, nicht weit weg – und gefährlich ist es auch nicht. Ungarn liegt bei der Gesetzgebung und Strafverfolgung von Hasskriminalität über dem EU-Durchschnitt. Die Hauptstadt an der Donau ist beliebt bei schwulen Städtereisenden und für manche sogar Wahlheimat geworden.
Steiniger Weg zur Akzeptanz
Die roten Zonen liegen anderswo in der Region – zum Beispiel in Rumänien oder Bulgarien. Der tapfere ehemalige Bundestagsabgeordnete Volker Beck, der bei Pride-Veranstaltungen in Moskau in den 2000er-Jahren verletzt und verhaftet wurde, konnte angesichts der westlichen Leidensdarsteller in Budapest vermutlich nur müde lächeln.
Sorge macht, dass aus dem solidarischen Flagge zeigen aktivistischer Tourismus entsteht, dem die Anliegen vor Ort egal sind, der aber mitunter Weltanschauungen transportiert, die auf deutschen CSDs kaum unwidersprochen blieben. Queere Bekehrungsfeldzüge erweisen den Bemühungen um Liberalisierung der rechtlichen Bedingungen für Lesben, Schwule und Transgender in der Donau-Region und des Balkans mit ihrer Selbstgerechtigkeit einen Bärendienst.
Weder Toleranz noch Akzeptanz erreicht man mit der Brechstange. Vielmehr entstehen sie durch einen gesellschaftlichen Reifeprozess – wie in Westeuropa, wo die Erkenntnis wuchs: Niemand hat weniger, wenn Freiheitsrechte geteilt werden. Trotz aller Rückschläge und trotz zunehmender Anfeindungen zeigt sich nämlich, dass die Mehrheit der Europäer*innen queere Lebensweisen längst akzeptiert. Die Aufgabe der Politik besteht darin, diese Realität endlich in faire Gesetze zu übersetzen und bestehende Rechte wirksam zu schützen.