Tell Me Why
Das Sommerblut Kulturfestival ist aus Köln schlicht nicht wegzudenken. Seit einem Vierteljahrhundert steht es für das, was wir in der LGBTIQ*-Community oft einfordern, aber selten so konsequent erleben: radikale Inklusion und den Mut, künstlerische Grenzen gepflegt einzureißen.
Sommerblut schafft Räume, in denen Kunst nicht nur erzählt, sondern aktiv eingreift. Hier werden gesellschaftliche Bruchlinien sichtbar gemacht und Themen auf die Bühne geholt, die sonst oft im Off bleiben. Es geht um Sichtbarkeit, Teilhabe und die Kraft der Kunst, echte Debatten anzustoßen. Auch im Jubiläumsjahr beweist das Sommerblut Festival einmal mehr, dass Kunst politisch, nahbar und zutiefst menschlich sein kann.
Zum 25. Jubiläum wirft die Ausstellung „25 Jahre Sommerblut Kulturfestival – 25 Jahre Solidarität“ einen tiefen Blick auf die einzigartige DNA des Festivals. Sie zeigt, wie aus jahrelangen, immateriellen Kunstprojekten – insbesondere aus den darstellenden Künsten – greifbare Exponate werden. So entsteht eine Werkschau, die nicht nur Glanzlichter präsentiert, sondern die Geschichte des Festivals auch ehrlich erzählt: mit Momenten des Scheiterns, des Suchens und des gemeinsamen Wachsens.
Dabei bleibt es nicht beim Rückblick. Die Ausstellung versteht sich als multimediales und partizipatives Erlebnis, das Geschichte erfahrbar macht. Vor Ort und digital begegnen Besucher*innen dem Sommerblut-Team sowie beteiligten Künstler*innen mit und ohne Behinderung. So eröffnen sich Perspektiven auf Solidarität, Gemeinschaft und künstlerische Prozesse, die sonst oft hinter der Bühne verborgen bleiben.
14.5.–14.6., „25 Jahre Sommerblut Festival“, Kunsträume der Michael Horbach Stiftung, Wormser Str. 23, Köln, Mi + Fr: 15:30–18 Uhr, So: 11–14 Uhr, Eintritt frei
„Tell Me Why“: AIDS, Angst und Hoffnung
Ein besonderes Highlight im Programm ist das partizipative Theaterprojekt „Tell Me Why. AIDS im Köln der 80er. Oder: Die Angst vor der Unberechenbarkeit der vielarmigen Krake“. Das Produktionsbüro Petra P. lässt hier Fiktion und Dokumentation bewusst verschwimmen. Im Zentrum steht eine fiktive Biografie eines Prominenten – stellvertretend für jene, die in den 80er-Jahren weder zu ihrer Sexualität noch zu ihrer Erkrankung stehen konnten, zu groß waren Stigmatisierung und gesellschaftliche Ausgrenzung.
Der Abend führt zurück in eine Zeit, in der ein Virus Angst verbreitete und selbst innerhalb der queeren Community Gräben zog. Zugleich schlägt die Inszenierung den Bogen ins Heute: Wie lebt es sich mit HIV? Hat AIDS seinen Schrecken verloren – oder nur seine Sichtbarkeit? Und wer spricht heute noch darüber?
Das Kollektiv arbeitet dabei eng mit Expert*innen zusammen und verleiht jenen, die früh an AIDS starben, posthum eine Stimme. Gleichzeitig sensibilisiert das Stück für die Lebensrealitäten von Menschen mit HIV heute – ohne erhobenen Zeigefinger, dafür fantasievoll, (selbst)ironisch und berührend. Damit gelingt dem Ensemble erneut der Brückenschlag zwischen Leichtigkeit und Tiefgang.
21.5., 22.5. und 23.5., „Tell Me Why. AIDS im Köln der 80er“, Alte Feuerwache, Halle, Melchiorstr. 3, Köln, 20 Uhr
13.–24.5., Sommerblut Kulturfestival, diverse Locations, Köln, www.sommerblut.de/de
