Für Naturfans bieten die nördlichen Regionen Kanadas atemberaubende Reiseziele inmitten ursprünglicher Landschaften mit der Möglichkeit zu eindrucksvollen Tierbeobachtungen. Ungewöhnlich? Keinesfalls, weiß Karen Wittel, Leiterin des Frankfurter Reiseveranstalters atambo, den Expert*innen für nachhaltige Individualreisen.
Frau Wittel, viele kennen Kanada, aber die Arktis im hohen Norden ist für viele ein weißer Fleck auf der Landkarte. Wo startet man überhaupt, wenn man diese Region bereisen möchte?
Viele Reisen in die kanadische Arktis beginnen tatsächlich ganz unspektakulär in Winnipeg. Von dort aus nimmt man einen Linienflug nach Churchill – eine kleine Stadt am Rand der Tundra, die international als „Hauptstadt der Eisbären“ gilt. Ab Churchill geht es oft mit Kleinflugzeugen noch weiter hinaus in die Wildnis. Schon dieser Flug ist ein Erlebnis, denn man sieht unter sich nichts als Tundra, Flussläufe, Seen und eine unglaubliche Weite.
Weitere Einstiegspunkte in den Norden sind zum Beispiel Ottawa oder Montreal mit Flügen nach Nunavut sowie Edmonton oder Calgary für den Yukon oder die Northwest Territories. Gut zu wissen: der Wapusk National Park ist nahe Churchill und das größte bekannte Eisbären-Wurfgebiet der Welt.
Und wie bewegt man sich dort oben? Kann man sich das wie eine klassische Safari vorstellen?
Nur im übertragenen Sinn. Man bewegt sich vor allem zu Land, meist zu Fuß auf geführten Wanderungen, manchmal in speziellen Tundra-Fahrzeugen – oder Booten, je nach Programm. Entlang der Hudson Bay spielen zum Beispiel die Küsten eine Rolle, denn im Spätsommer und Frühherbst ziehen Eisbären oft am Wasser entlang. Aber die Grundidee ist immer dieselbe: Wir passen uns der Natur an, nicht umgekehrt.
Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere an Nordkanada?
Die Landschaft ist rau, weit und unverfälscht. Es gibt keine oder wenige Straßen, keine Geräuschkulisse außer Wind und Tierlauten. Man lernt sehr schnell, wie klein man eigentlich ist – und wie wohltuend diese Stille sein kann.
Können Sie uns ein Beispiel nennen, wie so ein Arktisprogramm konkret aussieht?
Ein Beispiel ist unser Programm rund um die Seal River Heritage Lodge. Das ist eine extrem abgelegene, nur per Flug erreichbare Lodge mitten in einem der weltweit besten Eisbärengebiete. Gäste verbringen mehrere Tage dort und erleben die Tiere aus einer respektvollen Distanz – manchmal ziehen sie direkt am Lodgegelände vorbei. Die Lodge arbeitet eng mit Biologinnen und Biologen zusammen und legt großen Wert auf nachhaltige Wildtierbeobachtung. Für viele ist es das eindrücklichste Naturerlebnis ihres Lebens.
Für wen eignen sich solche Reisen?
Für Menschen, die Natur nicht konsumieren, sondern erleben wollen. Für Reisende, die Freude an Stille und Weite haben und denen es nicht um Luxus im klassischen Sinn geht. Und für alle, die Tiere respektvoll im natürlichen Rhythmus beobachten möchten.
Eisbären sind der große Traum vieler Arktisreisenden. Wie kann man sie nachhaltig beobachten?
Die wichtigste Regel lautet: Wir fordern keine Nähe ein – der Bär entscheidet, wie nah er kommen möchte. Nachhaltige Beobachtung bedeutet Abstand, Geduld und Respekt: keine Anlockung, kein „Foto um jeden Preis“, kleine Gruppen, erfahrene Guides, die die Körpersprache der Tiere lesen können. Das schützt die Tiere – und macht die Begegnung viel intensiver.
Foto: Depositphotos @GUDKOVANDREY
Viele möchten nach einer Eisbärenbeobachtung noch etwas mehr von Nordkanada sehen. Welche Regionen lassen sich gut kombinieren?
Da gibt es wunderbare Ergänzungen. Wer die Arktis in ihrer Gesamtheit erleben möchte, kann weiter nach Nunavut reisen, etwa nach Baffin Island. Orte wie Qikiqtarjuaq oder Pond Inlet liegen inmitten riesiger Fjorde mit Gletschern. In den Sommermonaten kann man hier Narwale beobachten, oder an bestimmten Küstenbereichen auch Walrosse. „Nunavut“ bedeutet übrigens „unser Land“ in Inuktitut, der Sprache der Inuit – und die Begegnung mit dieser Kultur ist für viele ein Highlight. Wer ein bisschen mehr Kultur- und Landschaftsvielfalt möchte, findet das in den Northwest Territories: Inuvik und Tuktoyaktuk sind ideale Winterziele mit Nordlichtern, traditioneller Lebensweise der Gwich’in und Inuvialuit. Und wer Wildnis mit Bergen kombinieren möchte, fährt in den Yukon, besonders in den Kluane National Park mit seinen gigantischen Gletschern und hohen Gipfeln.
Gibt es Alternativen für andere Reisezeiten, also außerhalb der klassischen Eisbärensaison?
Absolut. Die Arktis hat zu jeder Jahreszeit ihren eigenen Zauber. Im Winter, also von Dezember bis März, ist sie das perfekte Nordlichtziel – etwa in Yellowknife oder Inuvik. Man erlebt Dogsledding, Schneemobile und tief verschneite Landschaften. Im Frühsommer, also im Mai und Juni, kommen die Beluga-Wale in großen Gruppen in die Flussmündungen rund um Churchill. Das ist ein unglaublich friedliches Erlebnis. Und im Spätsommer verwandelt sich die Tundra in ein Meer aus Rot- und Goldtönen, ideal für Wanderungen, Fotografie und Tierbeobachtung jenseits der Bärensaison.
Wie wählen Sie die passende Region für Ihre Gäste aus?
Ich schaue mir immer den Menschen an, nicht das Marketinglabel. Reisende mit starkem Tierfokus sind bei Churchill oder Seal River bestens aufgehoben. Wer indigene Kultur erleben möchte, fühlt sich in Nunavut oder den Northwest Territories wohl. Outdoor-Fans lieben den Yukon. Fotografen reisen im Herbst oder im frostigen Frühwinter. Und Familien empfehle ich sanfte Sommerprogramme mit leichten Wanderungen und einfacherer Logistik.
Frau Wittel, zum Schluss: Was war Ihr persönlichster Moment in Nordkanada?
Ein Morgen in der Tundra: Die Sonne stand tief, der Himmel war kupferfarben, und plötzlich erschien ein Eisbär im Gegenlicht. Er blieb stehen, schaute kurz in unsere Richtung und lief dann weiter.
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