Die Metropole an der Ostküste Neuenglands gehört zu den ältesten, wohlhabendsten und kulturell reichsten Städten der USA. Als Hauptstadt des in Bezug auf LGBTIQ*-Rechte eine Vorreiterrolle spielenden Bundesstaates Massachusetts – 2004 wurde hier die Ehe für alle eingeführt – ist Boston ein Ort, an dem sich queere Touristen in jeder Hinsicht wohlfühlen.
Foto: Meet Boston / Kyle Klein
Boston
Er gehört zu den bekanntesten Attraktionen, die Boston zu bieten hat: Der Freedom Trail ist eine etwa vier Kilometer lange Route, die quer durch die Stadt führt und historische Gebäude und Orte miteinander verbindet, die die bewegte Geschichte der Ostküstenmetropole widerspiegeln. Deutlich erkennbar an einer roten Linie, die auf den Gehwegen eingelassen wurde, führt der Pfad zu insgesamt 16 historischen Sehenswürdigkeiten: vom Stadtpark Boston Common durch die Innenstadt über den Charles River im Norden bis nach Charlestown, wo er am Bunker Hill Monument endet. In Vorbereitung auf die Feierlichkeiten zum 250. Jahrestag der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung am 4. Juli 1776, wird die Geschichte der Vereinigten Staaten unter vielen Aspekten neu beleuchtet. Unter dem Titel „Rainbow Revolutionaries“ bietet die Stiftung des Freedom Trail seit 2024 eine kostenlose geführte Tour an, die sich „den Leben, Liebschaften und Freiheitskämpfen von Bostons LGBTIQ*-Community widmet“, wie es auf der offiziellen Website der Freedom Trail Foundation heißt. Wie alle von der Stiftung durchgeführten Touren tragen die Stadtführer dabei historische Kostüme aus dem 18. Jahrhundert. Die 25-jährige Geschichtsstudentin Emily ist eine von insgesamt sieben für diese Tour ausgebildeten Guides und trägt zu ihrem weinroten, mit Blumenmotiven verzierten Kleid neben einem Strohhut eine aus einem Band in Regenbogenfarben gebundene Schleife an ihrem linken Arm. „Über die queere Geschichte der USA zu reden, ist wichtiger denn je“, erzählt Emily, bevor sie vom Informationszentrum am Boston Common zu der etwa neunzig Minuten dauernden Tour aufbricht.
Foto: Dirk Baumgartl
Boston
Stadtführerin Emily
Queere Revolutionäre
Bei der Führung gehe es darum, unterschiedliche Blickwinkel von Geschichte zu beleuchten, aber auch coole Geschichten von Menschen zu erzählen, die von der sonst von heterosexuellen, weißen Männern bestimmten Geschichtsschreibung abweichen, so die junge Studentin. Und so erzählt Emily vor dem Massachusetts State House die Geschichten von der lesbischen Abgeordneten Elaine Noble, dem ersten schwulen Kongressmitglied Barney Frank und von Althea Garrison, der ersten bekannten Transperson, die 1992 in das Parlament eines Bundesstaates gewählt wurde. Das im Januar 1798 fertiggestellte Gebäude gilt als klassisches Beispiel für den Federal Style und wurde zum National Historic Landmark ernannt. Zu den weiteren Stopps gehört das Beacon Hill Friends House im gleichnamigen Stadtteil hinter dem State House. Zwischen historischen Backsteinhäusern gelegen, wurde das mit seinem Säulenportal auffällige Haus Anfang des 19. Jahrhunderts erbaut und dient seit 1957 einer inklusiven Glaubensgemeinschaft der Quäker als Gemeindehaus, an dem Regenbogenflaggen hängen.
Foto: Meet Boston / Kyle Klein
Boston
Qunicy Market
Für Emily ist der Halt vor dem Haus ein Anlass, um über Public Universal Friend zu reden. In Neuengland im Jahr 1752 als Jemima Wilkinson geboren, benannte der sich als geschlechtsloses Wesen bezeichnende Prediger um, vermied geschlechtsspezifische Kleidung und Pronomen und glaubte ähnlich wie die Quäker an Willensfreiheit sowie Allaussöhnung und widersetzte sich der Sklaverei. – Das in der Nähe des Beacon Hill Friends House gelegene Wohnhaus des afroamerikanischen Revolutionshelden George Middleton wurde 1787 fertiggestellt und ist das älteste noch erhaltene Haus auf dem Beacon Hill. Erbaut hat Middleton das Gebäude mit dem aus den Westindischen Inseln stammenden Friseur Louis Glapion, seinem Freund, mit dem er bis zu dessen Tod im Jahr 1813 unter einem Dach lebte. Und auch auf dem weiteren Weg vom Beacon Hill zur Park Street Church über den Old Corner Bookstore und Tremont Temple bis zum Rathaus werden immer wieder die Geschichten queerer Persönlichkeiten lebendig, etwa von der lesbischen Suffragette Margaret Foley, der Schauspielerin Charlotte Cushman oder der Autorin und Verlegerin Annie Adams Fields. In der in den 1960er-Jahren im Stil des Brutalismus erbauten Boston City Hall, die unweit der historischen Markthalle des Quincy Market liegt, wurde am 17. Mai 2004 die erste gleichgeschlechtliche Ehe zwischen zwei Männern in den USA geschlossen.
Ungewohnte Präsentation
Vom historischen Stadtkern bis zum Boston der Gegenwart ist es nicht weit. Seit 2010 wächst der Seaport District, Bostons neustes Stadtviertel, in den Himmel. Zwischen dem Hafen von Boston und dem historischen Viertel South Boston gelegen, hat sich das ehemalige Industriegelände in ein modernes, von Hochhäusern mit Büros und Apartments geprägtes Viertel mit zahlreichen Geschäften und Restaurants wie dem Moxies Seaport verwandelt. Ein Anziehungspunkt für Liebhaber zeitgenössischer Kunst ist das Institute of Contemporary Art (ICA), das bereits seit 2006 das ehemalige Hafengelände prägt. Von dort gelangt man mit einer Fähre in den 2018 eröffneten Erweiterungsbau „ICA Watershed“, der sich in der Halle einer ehemaligen Schiffswerft in East Boston befindet und dessen Raum sich vor allem für Sonderausstellungen großer Installationen eignet. Einen ganz anderen Charakter findet man dagegen im Isabella Stewart Gardner Museum im Stadtviertel Fenway-Kenmore. Die US-amerikanische Kunstsammlerin und Mäzenin Isabella Stewart Garner ließ hier Ende des 19. Jahrhunderts ein Museum für ihre spektakuläre Kunstsammlung bauen.
Foto: Dirk Baumgartl
Boston
Isabella Stewart Gardner Museum
Angelehnt an einen venezianischen Palazzo aus der Zeit der Renaissance, wurden die einzelnen Räume mit Antiquitäten wie Möbeln, Skulpturen und Kunstgegenständen überhäuft – ein extremer Kontrast zu der heutigen, sehr nüchternen Präsentation von Kunst. Man muss schon genau hinsehen, um Highlights wie Gemälde von Albrecht Dürer, Rembrandt, Holbein, Rubens, Raffael, Giotto, Tiepolo, Velázquez oder Botticelli zu entdecken. In einem von Renzo Piano entworfenen Anbau finden Sonderausstellungen statt – 2024 etwa eine spannende Porträtserie des Fotografen Mark Salinger über die Trans*-Community in New York City.
Red Sox & Regenbogen
Vom Museum nur einen kurzen Spaziergang entfernt, befindet sich eines der legendärsten Baseballstadien des Landes: Fenway Park, Heimat der Boston Red Sox. Es wurde 1912 eröffnet und bietet knapp 40.000 Zuschauern Platz. Auch wer kein Baseball-Fan ist, sollte eine Tour durch die ins National Register of Historic Places aufgenommene Anlage in Erwägung ziehen. Neben architektonischen Besonderheiten wie dem „Green Monster“ – einer über elf Meter hohen Mauer – lernt man während der Tour auch viel über Bostons Sportgeschichte. Einmal in Jahr feiert das Team hier eine Pride Night für Bostons LGBTIQ*-Community. Im gegenüberliegenden Souvenirshop kann man sich das ganze Jahr über mit zahlreichen Artikeln mit Regenbogenlogos der Sox eindecken, vom T-Shirt über Küchenmagneten bis zur Baseballkappe.
Foto: Courtesy of Boston Red Sox
Boston
Pride Night im Fenway Stadion
Wein & Weib
Unweit des Stadions und des für sein spannendes Restaurant-Konzept beliebten Time Out Market liegt die kleine, für ihr queeres Publikum bekannte Bar der Bostoner Gastronomin Hayley Fortier. Die Nathalie Wine Bar hat sie nach ihrer Großmutter Nathalie benannt. „Sie hatte eine sehr starke Präsenz in meinem Leben und war eine sehr charismatische Frau“, so Fortier. „Wer hier auf die Toilette geht, wird ein Foto von ihr an der Wand finden.“ Neben ihrer ersten Bar Haley Henry setzt sie mit der 2018 eröffneten Weinbar ganz bewusst ein Zeichen. Zwischen all den Sportsbars mit Biertheken und von Männern dominiertem Publikum ist die kleine Weinbar eine Alternative nach den Spielen oder Konzerten im Fenway Park. Einmal im Monat findet hier eine LGBTQ Night statt, und auch mit der Auswahl ihrer Weine, für die Hayley Fortier in der Kategorie Sommelier für den renommiertem James Beard Award nominiert wurde, setzt sie ein Zeichen. „Neunzig Prozent unserer gelisteten Weine – egal ob aus Bulgarien, Rumänien, Spanien, Frankreich, Italien oder Deutschland – sind in irgendeiner Weise von einer Winzerin beeinflusst. Und ein paar schwulen Männern“, grinst die 47-Jährige, die mit ihrer Partnerin und Kindern am Fuße des Beacon Hill lebt.
Foto: Dirk Baumgartl
Boston
Lesbische Gastronomin Hayley Fortier
In diesem Jahr ist Fortier auch bei der zweiten Ausgabe des Boston Big Queer Food Fest dabei. Das zwischen dem 28. April und 4. Mai stattfindende Festival hat sich zum Ziel gesetzt, LGBTIQ*-Gastronomen aus den gesamten USA eine Plattform zu geben. Und Bostons Food-Szene ist ganz vorne mit dabei. Wer die Stadt für ein paar Tage besucht, kann theoretisch ausschließlich in queer geführten Restaurants essen. Sei es bei der wohl bekanntesten Köchin der Stadt, Tiffani Faison (Sweet Cheeks, Tenederoni’s, Bubble Bath, Charming Gardener), Karen Akunowicz (Bar Volpe, Fox & The Knife, Fox & Flight), Tatiana Rosana (Para Maria, Rooftop at The Envoy), Rob Gonzales (Niveaux Pastry, Mason’s Steakhouse, Aatma, Fuji), Brendan Pelley (Greco, Krasi, Hecate, Bar Vlaha, Kaia) oder eben bei Haley Fortier.
LGBTIQ*-Hotspots
Ebenfalls lohnenswert ist ein Abstecher in den Bostoner Vorort Dorchester, der sich zu einem kleinen Hotspot der Szene entwickelt hat. Das dortige Restaurant dbar serviert modern interpretierte amerikanische Küche auf seiner Terrasse oder im Innenraum – später am Abend verwandelt sich das Restaurant in eine queere Bar mit DJ und Mottoabenden. Auch das Blend in unmittelbarer Nachbarschaft hat sowohl Cocktails als auch Essen im Menü und veranstaltet am Wochenende einen Drag-Brunch. Ein weiterer Klassiker unter den Drag-Brunches findet jeweils sonntags im Carrie Nation Cocktail Club in Bostons historischem Zentrum an der Beacon Street statt, samt großem Buffet und Cocktail-Specials. Wer am Abend eine Anlaufstelle sucht, um mit Gleichgesinnten zu feiern, schaut am besten im Club Café vorbei. Die große Bar ist Bostons beliebtester Treffpunkt der LGBTIQ*-Szene. Tagsüber ein Café mit kleiner Speisekarte, ist es nachts eine Bar, auf deren Tanzfläche am Wochenende vor allem ein sehr junges Publikum feiert. Alternativ bietet sich ein Besuch in der Cathedral Station an, einer eher ruhigen Sportsbar mit großem Außenbereich. Und wer lieber ein Glas Wein trinkt, für den steht die Tür der Natalie Wine Bar immer offen.
Foto: Dirk Baumgartl
Boston
dbar
INFO
ANREISE
In der Sommersaison fliegt Condor täglich von Frankfurt nach Boston mit einem Airbus A330neo der neusten Generation mit Business-, Premium-Economy- und Economy-Class. www.condor.com
HOTEL
Das historische Gebäude, in dem sich das Hotel The Dagny heute befindet, wurde 1928 ursprünglich als Bostons erster Art-déco-Wolkenkratzer erbaut und war als Batterymarch Building bekannt. Das 15-stöckige Hotel ist nach umfassender Renovierung ein stylishes Designhotel, das historische Substanz mit modernen Lifestyle-Elementen verbindet – und sich dabei mit witzigen Sprüchen an der Wand auch ein sympathisches Augenzwinkern erlaubt. www.thedagnyboston.com