Für David Ryan, Gründer und CEO der auf Afrikareisen spezialisierten Veranstalter Rhino Africa und Out2Africa, ist Kapstadt mehr als ein Reiseziel – es ist ein Gefühl. Zwischen Dragbars, Naturgewalt und kulinarischer Verführung gibt er Auskunft, warum die Stadt gleichermaßen wild, queer und unwiderstehlich ist.
Wie würdest du Kapstadt jemandem beschreiben, der noch nie dort war?
Kapstadt ist ein köstlicher Widerspruch im Couture-Kaftan – gleichermaßen kosmopolitisch und wild, strukturiert und gesetzlos, atemberaubend schön und gleichzeitig frustrierend unberechenbar. Es ist die einzige Stadt, die ich kenne, in der du morgens auf dem Tafelberg Mountainbike fahren, in einem viktorianischen Café aus der Zeit des Britischen Empires brunchen und den Tag in einer Drag-Bar beenden kannst, in der die Queens Shakespeare und Beyoncé zitieren.
Es geht nicht nur um die Kulisse (auch wenn – seien wir ehrlich – der Berg sich gerne in Szene setzt). Es geht um den Puls dieser Stadt: diese Mischung aus Kreativität, Widerstandskraft und einer ganz eigenen Energie, die zutiefst südafrikanisch und zugleich unverwechselbar Kapstadt ist. Hier bin ich geboren, habe mich geoutet, mein Leben aufgebaut – und bin irgendwie nie ganz weggekommen, selbst als ich es versucht habe.
Wie viele Tage sollte man bleiben – und was sollte man unbedingt machen?
Fünf Tage sind das absolute Minimum, wenn du mit der Stadt flirten willst. Für eine echte Liebesaffäre solltest du ihr eine Woche geben – sie hat es verdient. Starte mit den Klassikern: eine Wanderung auf den Lion’s Head bei Vollmond, mit Panoramablicken, die deinen Therapeuten überflüssig machen. Verbringe einen Tag an der V&A Waterfront – geschniegelt, ja, aber voller Leben, Straßenmusik und Möwen, die dir im Zweifel dein Sushi klauen.
Und Cape Point? Das fühlt sich an, als würdest du am Rand der Welt stehen – umgeben von Fynbos, Gischt und Pavianen, die ein erstaunliches Selbstbewusstsein für Wesen ohne Reisepass haben. Dazu ein paar Weingüter, ein Museum oder zwei und ein Mittagessen, das nahtlos in ein Dinner übergeht – und du hast gerade erst an der Oberfläche gekratzt.
Foto: rhinoafrica.com
David Ryan
Wann ist die beste Reisezeit?
Kapstadt ist wie ein launischer Lover – in jeder Jahreszeit umwerfend, aber gelegentlich unberechenbar. Dezember bis Februar ist Hochsommer: gebräunte Körper, Rooftop-Cocktails, lange Sonnenuntergänge… und ein Wind, der dir im Zweifel Sonnenschirm und Würde zugleich raubt. März und April sind die geheime Lieblingszeit der Locals: goldenes Licht, weniger Touristen, alles wirkt etwas weicher, sinnlicher, langsamer.
Aber Kapstadt funktioniert das ganze Jahr. Im Winter (Juni bis Oktober) verändert sich die Stimmung: knisternde Kamine, schwere Rotweine, Nebel über den Bergen. Und: Es ist Hochsaison für Safaris im Rest des Landes. Also einfach Pinot Noir mit einer Löwensichtung kombinieren – und gut ist.
Wo erlebt man die queere Szene der Stadt am besten?
De Waterkant ist unser queeres Viertel – ein buntes, gepflastertes Areal, in dem gebruncht, geflaniert und gelegentlich die Liebe gefunden wird (oder zumindest jemand mit Ladegerät). Starte im Café Manhattan – die glamouröse Tante der Szene: immer da, immer fabulous, immer leicht wertend. Crew ist für alle unter 30 – oder die so tun, als wären sie es noch: oberkörperfreie Boys, Laserlicht und dieser eine Typ, der garantiert auf der Bar tanzt.
Für etwas Verspielteres: Pink Flamingo Rooftop Cinema. Ein Klassiker unter Lichterketten, mit Blick auf den Tafelberg – romantischer wird’s kaum. Es geht aber weniger um die Orte als um das Gefühl: Kapstadt gibt dir die Erlaubnis, einfach du selbst zu sein.
Kapstadt ist auch für seine Strände bekannt – welche sind deine Favoriten?
Seien wir ehrlich: Clifton 3rd und 5th sind die Strände, an denen die Gays sich sonnen, posen und urteilen – und ich habe einen guten Teil meiner durchtrainierten Zwanziger genau dort verbracht. Sandy Bay? Nun ja – sagen wir so: Kleidung ist optional, Hemmungen eher nicht vorhanden.
Heute, als Vater, sieht das anders aus. Ich bin genauso oft an ruhigeren, familienfreundlichen Stränden wie Fish Hoek oder Boulders – wärmeres Wasser (Indischer Ozean) und eine entspanntere Atmosphäre. Weniger „Body Dysmorphia“, mehr „reich mal die Snacks“. Das Schönste: Kapstadt hat für jede Lebensphase den passenden Strand – egal ob Speedo-Ära oder Sonnencreme-und-Snacks-Phase.
Foto: rhinoafrica.com
David Ryan
Wo startet man am besten mit gutem Kaffee in den Tag?
Kapstadt nimmt Kaffee fast so ernst wie seine Sonnenuntergänge. Truth Coffee ist pures Drama: Steampunk-Ästhetik, Messing, Leder und ein Kaffee, stark genug, um dein Kindheitstrauma zu heilen. Wenn ich es entspannter will, gehe ich zu Molten Toffee in der Kloof Street: perfekte Flat Whites, buttrige Croissants und ein Publikum, das aussieht, als käme es direkt aus einem Indie-Fotoshooting. Außerdem: ein Grindr-Hotspot – und plötzlich macht das Anstehen für Hafermilch-Lattes deutlich mehr Spaß.
In welches Restaurant würdest du ein Date ausführen?
Wenn ich wirklich beeindrucken will, dann zu Fyn – ein architektonisches Meisterwerk von Peter Tempelhoff und auf der Liste der World’s 50 Best. Japanisch-afrikanische Fusion, spektakulärer Ausblick und ein Interieur, das fast zu sexy ist. Aber eigentlich ist die gesamte Restaurantszene Kapstadts eine einzige Verführung: La Colombe mit seiner Wald-Fantasie, The Pot Luck Club mit edgy Sharing Plates oder Hemelhuijs mit traumhaften Interiors. Du isst wie ein König – ohne dein Haus neu beleihen zu müssen. Das ist der Clou: Michelin-Niveau zu MasterChef-Preisen. Komm hungrig, geh leicht arrogant.
Wo findet man ein authentisches Kapstadt-Erlebnis?
Der Oranjezicht City Farm Market ist Kapstadt in Reinform: Bio-Gemüse, Sauerteig in allen Variationen und Menschen, die Yogakleidung salonfähig gemacht haben. Hier trifft man echte Vielfalt: Großmütter neben Hipstern, Hunde neben Drag Queens – alle mit veganen Cupcakes und Vintage-Prosecco in der Sonne.
Für mehr Tiefe: Bo-Kaap. Eine Tour oder ein Kochkurs bringt dir die Geschichte der Cape-Malay-Community näher – ihre Küche, ihre Resilienz, ihre Wärme. Authentizität lebt hier nicht hinter Glas, sondern draußen, oft barfuß und immer mit einem Lächeln.
Dein Lieblingsort in der Natur innerhalb der Stadt?
Ich fahre morgens mit dem Bike über den Tafelberg, bevor die Stadt aufwacht – nur ich, der Tau und gelegentlich ein Dassie, das mich skeptisch mustert. Der Tafelberg ist nicht nur Wahrzeichen, sondern Präsenz. Einer der ältesten Berge der Welt, UNESCO-Welterbe – und mitten in der Stadt. Das ist jedes Mal wieder surreal.
Für ruhigere Tage: Kirstenbosch Gardens. Proteas, Vogelstimmen und ein Baumkronenpfad, der sich anfühlt wie Schweben. Natur ist hier kein Ausflug – sie ist Teil des Alltags.
Welche Tagesausflüge lohnen sich besonders?
Franschhoek ist mein Favorit: Stell dir vor, Paris und Stellenbosch hätten ein Kind – inklusive Wein-Tram. Fantastisches Essen, spektakuläre Landschaft, selbst die Luft wirkt luxuriös. Cape Point bietet dramatische Klippen, Schiffswrack-Routen und das ewige Kräftemessen zweier Ozeane.
Und Constantia darf man nicht unterschätzen: das ursprüngliche Weinanbaugebiet Südafrikas. Schon im 17. Jahrhundert wurden hier Reben gepflanzt – heute trinkst du Weltklasse-Weine mit genau diesem historischen Panorama.
Foto: rhinoafrica.com
David Ryan
Welche Safari-Lodge empfiehlst du für ein inklusives Erlebnis?
Silvan Safari ist meine erste Wahl – nicht nur, weil ich sie selbst betreibe, sondern weil sie für modernen, bewussten Luxus steht. In den Sabi Sands gelegen, designorientiert und radikal inklusiv: ein Ort, an dem Identität gefeiert wird, nicht nur toleriert. Londolozi ist ebenfalls herausragend – ein Pionier mit tiefem Engagement für Naturschutz und Community.
Und wer weiter denkt: Gorongosa in Mosambik. Ein Beispiel für sinnstiftenden Tourismus, bei dem Reisen Wiederaufforstung, Bildung und Hoffnung finanziert. Safari bedeutet heute mehr, als Tiere zu sehen – es geht darum, den eigenen Platz in einem größeren Ganzen zu verstehen.