Foto: Hans-Jürgen Esch
RAPTURE PP, von rechts vorne
Wer Platten hört, kennt das Ritual: Tonabnehmer gewechselt, Handbuch gewälzt, Gehäusedeckel ab, winzige Schalter umgelegt, Steckwiderstände getauscht. 100 Ohm? 470? Und dann sitzt man da und hört angestrengt hin, ob es jetzt besser ist. Hans-Jürgen Esch, Inhaber des Berliner Ingenieurbüros Esch Projekt, hält dieses Ritual für überflüssig. Sein neuer Phono-Vorverstärker RAPTURE PP schafft es ab – nicht durch einen Automatikmodus, sondern indem er die Frage neu stellt, die dahintersteht.
Das Korsett aus einigen hundert Ohm
Foto: Hans-Jürgen Esch
RAPTURE PP, Bedienpanel
Ein Moving-Coil-System ist ein winziger Generator. Spulen bewegen sich im Feld eines Magneten, jede Auslenkung der Nadel erzeugt eine Ladungsverschiebung. Herkömmliche Phono-Stufen greifen davon eine Spannung ab – ein paar hundert Mikrovolt – und bremsen den Stromfluss dafür mit einem hohen Eingangswiderstand künstlich ab. Ein Großteil der verfügbaren Generatorleistung, schreibt Esch in seiner Entwicklerdarstellung, verpuffe dabei ungenutzt. Was übrig bleibt, muss anschließend etwa tausendfach verstärkt werden, und ab da beginnt der Kampf gegen Rauschen und Brummen.
Kurzschluss als Prinzip
Foto: Hans-Jürgen Esch
Die Rückseite des Bedienpanels
Der RAPTURE PP bietet dem Tonabnehmer stattdessen praktisch keinen Widerstand an. Die Eingangsimpedanz liegt laut Pressemitteilung im niedrigen Milliohm-Bereich, nahezu bei null. Der Abtaster arbeitet also in einem kontrollierten Kurzschluss, die gesamte induzierte Energie fließt als Strom in die Eingangsstufen, und dort übersetzen Transimpedanzkonverter diesen Strom ins Musiksignal. Current Mode heißt das, im Unterschied zum klassischen Voltage Mode.
Aus diesem einen Entwurfsentscheid folgen nach Herstellerangaben drei praktische Konsequenzen. Erstens fällt das Anpassen weg: Wo der Eingangswiderstand ohnehin bei null liegt, spielt es keine Rolle mehr, ob das System 2 oder 40 Ohm Innenwiderstand hat. Zweitens entsteht in den Spulen durch den freien Stromfluss eine Gegenkraft, die Gegen-EMK, die mechanische Resonanzen direkt am Nadelträger bedämpft – ein elektromagnetischer Stoßdämpfer. Drittens verlieren Kabelkapazitäten ihren Einfluss auf den Hochton; wichtig bleibt nur, dass das Kabel kurz und niederohmig ist. Als Nebeneffekt hält der ständige Wechselstrom die Spulenkerne magnetisch neutral – wofür andere Hersteller eigene Entmagnetisiergeräte verkaufen.
Was daran neu ist – und was nicht
Foto: Hans-Jürgen Esch
Die Analogbaugruppen
Ehrlicherweise: das Prinzip nicht. Stromeingänge für MC-Systeme gibt es seit Jahren, maßgeblich entwickelt von Carlos Candeias für AQvox und BMC, dessen MCCI ausgeschrieben „Moving Coil Current Injection“ heißt und ebenfalls symmetrisch arbeitet. Das Fachmagazin hifitest hielt Transimpedanz-Eingänge schon 2023 für nichts Besonderes mehr. Esch beansprucht die Erfindung auch gar nicht; er beschreibt in seiner Entwicklerdarstellung im Gegenteil ausführlich, warum die Schaltung als Fallenlabyrinth gilt – Offsetspannungen, Drift, parasitäre Kapazitäten, und die unangenehme Tatsache, dass schon einige hundert Millivolt beim Ein- oder Ausschalten die Spulen eines MC-Systems zerstören können.
Interessant ist deshalb weniger das Konzept als die Ausführung. Esch teilt die Verstärkung auf 4 × 4 Stufen im symmetrischen Signalpfad auf, regelt die Bezugsmasse an den Eingängen dynamisch nach, legt mehrere Kompensationspfade gegen Drift und trennt Analogstufe, Netzteil und Mikrocontroller in eigene Gehäuseabteile mit drei unabhängigen Versorgungsspannungen. Herausgekommen ist ein Rauschabstand von über 83 dB (A-bewertet) im Current Mode, ein Frequenzgang von 18 Hz bis 50.000 Hz und eine passive, symmetrische RIAA-Entzerrung, deren Kurve sich über ein Menü sogar verbiegen lässt. Dazu Praktisches: schaltbare Low-Cut-Filter bei 16 und 22 Hz, ein Stylus-Timer, der die Nadel bis 4.000 Betriebsstunden mitzählt, eine knackfreie Mute-Funktion für das Aufsetzen, ein Peak-Bargraph im OLED-Display zum Einpegeln mit Testschallplatte. Und weil sich der Ausgangspegel zwischen –20 und +10 dB regeln lässt, kann der RAPTURE PP Endstufen oder Aktivlautsprecher direkt treiben – Plattenspieler, Vorverstärker, Boxen, fertig. Wer will, bekommt ein internes Li-Ion-Akkumodul dazu, gegen das Störgeschnatter, das die eigene Photovoltaik ins Hausnetz schickt.
MM-Systeme bleiben übrigens nicht außen vor: Für sie gibt es weiterhin einen klassischen Spannungseingang.
Kein Produkt, sondern ein Angebot
Foto: Hans-Jürgen Esch
Die Spannungsversorgung
Und jetzt der Punkt, an dem die üblichen Kaufberatungssätze nicht funktionieren. Den RAPTURE PP kann man nirgends bestellen. Es gibt einen Prototyp in einem massiv gefrästen Aluminiumgehäuse – und es gibt ein Lizenzangebot an Hersteller, inklusive Begleitung von der Prototypenüberarbeitung bis zum Serienstart. Bei einer Fertigung in Deutschland hält Esch einen Endverkaufspreis von rund 2.000 Euro für realistisch, bei Stückzahlen über 100 etwa 1.500 Euro. Das sind Schätzungen des Entwicklers, keine Preise.
Gehört haben wir ihn. Und anders als bei den meisten Vorführungen, die ein Hersteller ausrichtet, war die Bedingung diesmal brauchbar: Der Autor kennt diese Anlage – RAPTURE-Laufwerk, Verstärker und Lautsprecher aus Eschs Werkstatt – aus etlichen Hörstunden vorher. Verändert wurde nur ein Glied der Kette. Was auffiel, fiel deshalb auf das Gerät zurück und nicht auf das Zusammenspiel. Ein Test im Sinne der Fachpresse ist das nicht: kein Umschalten in Sekunden, kein Blindvergleich, keine eigene Messung, dazu ein Vorserienstand mit Beta-Firmware. In diesem Bereich liegt vieles nah an der Einbildung, und wer etwas anderes behauptet, hat entweder ein Messlabor oder ein Verkaufsinteresse. Wir haben beides nicht. Der Eindruck war trotzdem eindeutig genug, um ihn aufzuschreiben: sauberer, und vor allem getrennter – Instrumente standen erkennbar nebeneinander statt ineinander. Ob das am Stromeingang liegt, an der konsequenten Symmetrie oder an den drei getrennten Versorgungsspannungen, lässt sich von einem Sessel aus nicht entscheiden. Dass es da war, schon.
Was offen bleibt
Foto: Hans-Jürgen Esch
RAPTURE PP, von vorne oben
Das Laufwerk RAPTURE TT mit seinem elektrodynamisch schwebenden Tonarm, aus dem der Vorverstärker seinen Namen erbt, hat es in die Fachpresse und auf die analogen Musiktage im Audio Forum Duisburg geschafft. In ein Ladenregal hat er es nicht gebracht. Die spannende Frage an diesem Vorverstärker ist deshalb nicht nur, wie er klingt. Sie lautet: Warum entsteht in Berlin Gerät um Gerät, das technisch weiter ist als das meiste im Markt – und findet keinen Hersteller, der sie baut?
4. – 6.9., Weltpremiere des RAPTURE PP im Rahmen der Eröffnung LaMusika im AUDIO FORUM, AUDIO FORUM, Koloniestraße 203, 47057 Duisburg, Fr + Sa 10 – 19, SO 10 – 16 Uhr
Transparenzhinweis: Hans-Jürgen Esch ist Eigentümer des Hauses in der Berliner Degnerstraße, in dem sowohl die Redaktion von männer* als auch die Privatwohnung des Autors dieses Artikels liegen. Beide sind persönlich befreundet, der Autor hat den Prototyp des RAPTURE PP bei ihm gehört. Sämtliche technischen Angaben stammen aus der Pressemitteilung und einer Entwicklerdarstellung des Erfinders, nicht aus eigener Messung.
