Jochen Hick
Das erste TV-Vollprogramm für schwule Männer hat seit dem Hochsommer einen neuen Chefredakteur, Jochen Hick. Der Journalist, Produzent und Filmemacher will TIMM „originell, frisch und oft auch unbequem“ machen. Hier das blu Interview.
EIN TV-SENDER NUR FÜR SCHWULE. DA MEINT SICHER MANCH EINER, DASS ES DAFÜR IN DER ACH SO TOLERANTEN HEUTIGEN ZEIT KEINEN BEDARF GIBT. WIE SIEHST DU DAS?
Wir leben in einer Zeit der Pseudoliberalität, die ich als sehr fragil ansehe. Es gibt eine fast schon befremdliche Homophilie im Auftritt einiger Medien, bei deren Machern man jedoch hinter den Kulissen noch jede Menge Schwulenfeindlichkeit antrifft. Glaubwürdig ist das meist nicht.
Die Frage für mich dabei ist, was die angeblich so tolerante Gesellschaft den Schwulen gebracht hat, was sie sich nicht selbst erarbeitet haben? Beim Fernsehen sicherlich gar nichts. Die Chancen, ein Fernsehspiel mit schwulen Hauptfiguren zu sehen, stehen heute schlechter als noch vor wenigen Jahren. Und der gewöhnliche Heterosexuelle ist an den Lebenswelten von Schwulen ebenfalls kaum interessierter geworden. Aber er bestimmt letztendlich, was es im TV zu sehen gibt. Nach wie vor müssen sich Schwule ihre Bilder selbst schaffen, und dies meist jenseits des bestehenden Fernsehprogramms. Dazu wollen wir einen gewichtigen Beitrag leisten. Wir sind aber keinesfalls ein Sender nur für Schwule, das würde ja schon an Diskriminierung grenzen.
WAS STÖRT DICH, AN DEM BILD, DAS GEGENWÄRTIGE MEDIEN VON SCHWULEN VERMITTELN?
Der Mangel an Authentizität, die Unkenntnis alternativer Lebenswelten und die Unfähigkeit, die gesellschaftliche und politische Relevanz der Gruppe zu deuten. Aber im Grunde sind im heutigen Fernsehen und in den anderen Medien eigentlich gar nicht so viele Bilder von Schwulen zu sehen. Es gibt wenig Vielfalt – und wenn, dann erscheinen Schwule maximal als Nebenfiguren. In der immer erbarmungsloser werdenden Jagd nach der Quote fallen auch bei öffentlich-rechtlichen Sendern die wirklich spannenden Betrachtungen von schwulem Leben immer mehr unter den Tisch. Für uns dagegen ist die größtmögliche Akzeptanz in der schwulen Zuschauergruppe das Ziel und auch das Geschäftsmodell. Deshalb müssen wir authentisch sein.
WANN STARTET TIMM? UND WIE KANN ICH DEN SENDER DANN EMPFANGEN?
TIMM startet im Frühjahr 2008. Den genauen Termin geben wir natürlich rechtzeitig bekannt. Der Aufbau der Infrastruktur eines TV-Senders ist äußerst umfangreich und von sehr vielen Parteien abhängig. Dabei kommt es notgedrungen zu Verzögerungen. Es geht nicht immer so schnell voran, wie man gerne wollte. Empfangbar wird TIMM digital über Satellit und Kabel sein – und per IPTV . Des weiteren sind wir bestrebt, in möglichst vielen Ballungszentren ins analoge Kabelnetz aufgenommen zu werden. Auf unserer Internetseite www.timmtv.com wird neben Hintergrundinfos, einer Mediathek mit Programmbeiträgen und vielen weiteren Nutzerfunktionen ein Livestream eingebunden. Dort können dann alle ins Programm hineinschnuppern.
GEHÖREN ZUM TIMM-PROGRAMM AUCH SERIEN WIE „WILL & GRACE“ ODER ÜBERLASST IHR DIE GERNE DEN GROSSEN SENDERN?
Ja, wir werden auch Serien und Spielfilme zeigen, sowohl Publikumslieblinge als auch Neuentdeckungen. Diese werden neben den Eigenproduktionen einen gewichtigen Teil im Programm ausmachen. Da wir derzeit viele Titel noch verhandeln, möchten wir im Moment noch keine Namen nennen.
WAS WIRD EUER KERNGEBIET SEIN?
Soweit ich für mich als Chefredakteur sprechen kann, werden wir hoffentlich viele gut gemachte und eindrückliche Reportagen und Dokumentationen zeigen. Auch spannende Porträtsendungen, Diskussionen und Dokusoaps. Wir werden tägliche Nachrichtensendungen haben, in denen Schwule wichtige Informationen bekommen, die sie sich derzeit nur mühsam, lückenhaft und oft zeitversetzt zusammensuchen müssen. Vom Service bis zur Unterhaltung wird eigentlich alles dabei sein.
*Interview: Michael Rädel

