Er entwirft Messgewänder für den Papst und Parfüms, die von anonymem Sex und dunklen Cruising-Orten erzählen: Der schwule italienische Designer Filippo Sorcinelli verbindet katholischen Glauben mit einer ungewöhnlich offenen Auseinandersetzung mit Sexualität.
Was haben Papst Leo XIV. und ein Parfüm namens „Quickie and Coffee“ gemeinsam? Beide gehören zur Arbeitswelt von Filippo Sorcinelli. Der 51-jährige Italiener entwirft seit 25 Jahren liturgische Gewänder für die katholische Kirche – zu seinen Kunden zählen die letzten drei Päpste. Gleichzeitig betreibt der offen schwule Designer eine Parfümmarke, deren Kreationen sich mit Religion, Sexualität, Schmerz und Begehren beschäftigen.
In einem aktuellen Interview mit dem britischen Kulturmagazin Dazed spricht Sorcinelli über seine neueste Kreation „Vulnus“. Der Name bedeutet auf Lateinisch „Wunde“. Das Parfüm soll von Verletzungen erzählen, die Menschen durch andere erfahren, und von der Sehnsucht nach Liebe, die dennoch bestehen bleibt.
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Von der Papstrobe zum Cruising-Duft
Sorcinellis Parfüms sind keine gewöhnlichen Duftkreationen. Besonders deutlich wird das bei seiner Kollektion „X SÉ“, die sich ausdrücklich mit Sexualität beschäftigt.
Ein Duft trägt den Namen „Cruising Area“. Auf seiner Website beschreibt der Designer die Inspiration als verborgenen, unterirdischen Raum mit dunklen Gängen, feuchten Wänden und flüchtigen Begegnungen – Orte, an denen Menschen anonymen Sex suchen.
„Quickie and Coffee“ wiederum erzählt von einer spontanen sexuellen Begegnung auf der Toilette einer Autobahnraststätte. Danach gibt es Kaffee. Auch „Popper-Pop“, „Cyber-Sex“ und „Slightly B!tch“ gehören zur Kollektion.
Die Düfte sind dabei nicht bloß provokant benannt. Sorcinelli versucht, Erlebnisse und Erinnerungen in Gerüche zu übersetzen. Sexualität wird für ihn ebenso zum Ausgangspunkt künstlerischer Arbeit wie Musik oder Religion.
Ein schwuler Katholik im Dienst des Vatikans
Dass ein offen schwuler Mann Gewänder für die höchsten Repräsentanten einer Kirche entwirft, die gleichgeschlechtliche sexuelle Beziehungen weiterhin ablehnt, erscheint zunächst widersprüchlich.
Sorcinelli selbst sieht darin jedoch keinen Konflikt. In einem Interview mit Italy Magazine erklärte er, dass seine Homosexualität und sein katholischer Glaube für ihn miteinander vereinbar seien. Auch in seiner Zusammenarbeit mit der Kirche habe er darin keinen Widerspruch erlebt. Seine Haltung brachte er mit einem einfachen Gedanken auf den Punkt: Beim Christentum gehe es um Christus, nicht um Priester.
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Dabei ist Sorcinelli keineswegs ein Außenseiter der kirchlichen Welt. Sein 2001 gegründetes Atelier LAVS (Laboratorio Arte Vesti Sacre) arbeitet eng mit dem Vatikan zusammen. Er fertigte unter anderem Gewänder für Benedikt XVI., Franziskus und Leo XIV. Im August trug Leo XIV. bei einer Messe in der italienischen Hafenstadt Rimini ein grün-weißes Messgewand aus Sorcinellis Atelier. In einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP betonte der Designer damals, wie wichtig ihm der Respekt vor der religiösen Funktion seiner Kleidung sei.
Ein Parfüm über Verletzungen und die Sehnsucht nach Liebe
Mit seiner neuesten Kreation „Vulnus“ beschäftigt sich Sorcinelli mit einer anderen Seite menschlicher Erfahrung: emotionalen und körperlichen Verletzungen. Schon der Flakon ist ungewöhnlich – er erinnert an verletzte menschliche Haut und trägt einen Abdruck von Sorcinellis eigenen Zähnen.
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Auch der Duft selbst erzählt eine Geschichte. Metallische Noten, die an Blut erinnern sollen, treffen auf Leder, Vanille und Jasmin. Später treten süßere Akkorde hinzu, darunter gebranntes Karamell.
Im Gespräch mit Dazed beschreibt Sorcinelli die Idee hinter dem Parfüm als Auseinandersetzung mit Erfahrungen, die Spuren hinterlassen: verletzende Worte, Beschämung oder Zärtlichkeit, die zur Bedrohung wird. Entscheidend sei für ihn jedoch nicht allein der Schmerz. Vielmehr interessiere ihn, was von einem Menschen nach einer Verletzung bleibt – und warum selbst tief verletzte Menschen weiterhin nach Liebe suchen.
Seine Karriere begann an der Kirchenorgel
Der ungewöhnliche Weg des Designers begann mit Musik. Sorcinelli wuchs im italienischen Mondolfo auf und spielte bereits als Kind Kirchenorgel. Später arbeitete er als Organist an mehreren Kathedralen. 2001 entwarf er mit Unterstützung seiner Tante und seiner Schwester, die beide Schneiderinnen waren, sein erstes Messgewand. Daraus entwickelte sich das Atelier LAVS.
Zur Parfümerie kam er über die Gerüche seiner Kindheit und seiner Arbeit: Weihrauch, Kerzenwachs, alte Holzmöbel und Stoffe, die über Jahrzehnte in Sakristeien aufbewahrt wurden. 2014 brachte er mit „LAVS“ seinen ersten Duft auf den Markt. Inzwischen umfasst sein künstlerisches Schaffen neben liturgischer Kleidung und Parfüms auch Musik und Fotografie.
Sorcinelli zeigt damit, dass katholische Tradition und eine offen schwule Identität zumindest in seinem persönlichen Leben keine Gegensätze sein müssen. Seine Parfüms gehen noch einen Schritt weiter: Sie machen Erfahrungen zum Thema, über die innerhalb der LGBTIQ*-Community offen gesprochen wird, die in der katholischen Kirche jedoch bis heute kontrovers diskutiert werden.