Es wird ein heißer, nervenaufreibender Wahlkampf in Frankreich – und er hat gerade erst begonnen. Gabriel Attal greift nach dem Élysée-Palast. Am 22. Mai hat der 37-jährige Ex-Premierminister im ländlichen Aveyron offiziell seine Kandidatur für die Präsidentschaftswahl 2027 erklärt. Als jüngster und erster offen schwuler Regierungschef des Landes hatte er 2024 bereits Geschichte geschrieben. Jetzt will er das höchste Staatsamt – und stellt sich damit einem Rechtsruck entgegen, der das Klima für die queere Community in Frankreich bereits an der kommunalen Basis vergiftet.
Vom Hauptstadtpolitiker zum Kandidaten der „Élévation"
Dass Attal seine Kandidatur ausgerechnet bei einem Besuch in Mur-de-Barrez verkündete, einem Dorf weit weg von seinem Wahlkreis bei Paris, ist kein Zufall. „Weil ich Frankreich und die Französ*innen zutiefst liebe, habe ich beschlossen, für das Präsidentenamt zu kandidieren", sagte er. Sein Versprechen: die „élévation", der gesellschaftliche Aufstieg für alle, und Frankreich als führende Macht Europas. Die Botschaft dahinter ist ebenso durchsichtig wie nötig – Attal muss das Image des abgehobenen Absolventen einer Pariser Eliteschule loswerden, das ihm anhaftet.
Foto: Capucine Veuillet | Hans Lucas | AFP
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Auf einem Fernsehbildschirm ist Olivier Faure zu sehen, der im Beisein der anderen beiden Kandidatinnen spricht. Im Hintergrund prangt auf großen Bildschirmen die LGBTIQ-Flagge. Die Szene ereignete sich am 27. Juni 2024 in Frankreich. Im Rahmen der vorgezogenen Parlamentswahlen, die am 30. Juni 2024 in Frankreich stattfanden, verteidigten Jordan Bardella, Olivier Faure und Gabriel Attal ihre Programme in der entscheidenden Debatte auf dem Fernsehsender France 2.
Bardella führt – und kokettiert mit Merz
Sein gefährlichster Gegner steht ganz rechts: Jordan Bardella. Der 30-jährige Chef des Rassemblement National (RN) führt die Umfragen für die erste Wahlrunde derzeit mit rund 34 Prozent an. Er sucht längst internationale Anschlussfähigkeit – und betonte zuletzt in Straßburg „ideologische Übereinstimmungen" mit Bundeskanzler Friedrich Merz. Gemeint waren konkret die Kritik am EU-Klimaschutzprogramm Green Deal und der Umgang mit Migration. „Es ist wichtig, diese Gemeinsamkeiten zu betonen", so Bardella, der Merz attestierte, mit dem „naiven Idealismus in der Einwanderungsfrage" gebrochen zu haben.
Innerparteilich hat Attal derweil einen ernstzunehmenden Konkurrenten im eigenen, zentristischen Lager: Ex-Premier Édouard Philippe. Die Vorwahl im Macron-Lager dürfte erst Anfang 2027 entschieden werden – im Zweifel zugunsten desjenigen, der die besseren Chancen gegen den RN hat.
Die Rathäuser als Testlauf: Was der Rechtsruck konkret bedeutet
Was ein Triumph der Rechten bedeuten würde, lässt sich nicht abstrakt diskutieren – man kann es in französischen Provinzstädten gerade besichtigen. Bei den Kommunalwahlen im März 2026 gelangen dem RN und Bündnissen der diversen Rechten in Klein- und Mittelstädten historische Durchbrüche, auch wenn sie in den großen Metropolen wie Paris, Lyon oder Marseille hinter den Erwartungen blieben. Mehrere Dutzend Rathäuser gingen an die Rechte.
Wichtig zur Einordnung: Die oft kursierende Zahl von „über 60 Gemeinden" bezieht sich auf diese Rathausgewinne insgesamt – nicht auf gezielte Maßnahmen gegen queere Sichtbarkeit. Belegt sind bislang zwei konkrete Fälle, in denen LGBTIQ*-Symbole aus dem öffentlichen Raum getilgt wurden. Sie sind dafür umso aussagekräftiger.
Elne: Der übermalte Regenbogen
Grafik: KI erstellt
In Elne (Pyrénées-Orientales, rund 9.500 Einwohnerinnen) löste der neue Bürgermeister Steve Fortel den langjährigen kommunistischen Amtsinhaber Nicolas Garcia ab. Fortel, von Beobachterinnen und Presse dem rechtsextremen bzw. divers-rechten Spektrum zugerechnet (ein Etikett, das er bestreitet), setzte direkt nach Amtsantritt zwei sichtbare Zeichen: Er ließ die Regenbogenflagge vom Rathausgiebel entfernen und den bunten Zebrastreifen direkt davor weiß überstreichen.
Beides war kein Dekor. Garcia hatte die Symbole im Dezember 2021 als Reaktion auf eine Reihe von Übergriffen gegen queere Menschen in der Region anbringen lassen. „Die öffentlichen Räume der Gemeinde müssen neutral bleiben", begründete Fortel die Aktion knapp. „Ich werde diese Entscheidung unter keinen Umständen zurücknehmen." Jean-Loup Thévenot, früherer Präsident des lokalen Vereins LGBT+66, nannte den Schritt „skandalös".
Dass „Neutralität" hier ein Vorwand ist, zeigt ein Detail: Ein Solidaritätsbanner für protestierende Landwirte („Pas de pays sans paysan") ließ Fortel unangetastet. Neutral wird offenbar nur, was die queere Community betrifft.
Faches-Thumesnil: Pride abgesagt – und trotzdem marschiert
Noch deutlicher wurde es in Faches-Thumesnil bei Lille (Nord). Hier setzte sich der divers-rechte Brice Lauret gegen den linken Amtsinhaber Patrick Proisy (La France insoumise) durch. Lauret sagte die für den 25. April geplante 6. Marche des Fiertés kurzerhand ab – offiziell wegen „Organisationsproblemen" und zu kurzer Vorlaufzeit – und ließ die Regenbogenflaggen vom Rathaus abmontieren.
Die Veranstalter, das Kollektiv Lille Pride, ließen sich das nicht bieten. Sie wiesen nach, dass das Dossier längst von der Vorgängerverwaltung vorbereitet und abgesegnet war, meldeten die Demonstration eigenständig bei der Präfektur an – und zogen sie durch. Am 25. April marschierten laut Präfektur rund 550 Menschen durch die Stadt. Aus dem versuchten Verbot wurde ein Akt des Widerstands. Genau das ist die Lehre: Die behördliche Absage hat die Community nicht unsichtbar gemacht, sondern mobilisiert.
Der zweite Strang: Raus mit Europa
Parallel zur Tilgung queerer Symbole läuft eine zweite Welle der rechten Symbolpolitik – gegen Europa. Mehrere frisch gewählte RN-Bürgermeister*innen entfernten unmittelbar nach Amtsantritt die EU-Flagge von ihren Rathäusern. In Harnes (Pas-de-Calais) ließ der 34-jährige Anthony Garénaux-Glinkowski, der mit 50,29 Prozent eine seit 1944 linke Hochburg eroberte, zusätzlich die ukrainische Solidaritätsflagge abhängen. „Als Souveränist bin ich der Ansicht, dass nur eine einzige Flagge auf öffentlichen Gebäuden wehen darf", erklärte er der Voix du Nord.
Juristisch sind die Bürgermeister*innen dabei auf der sicheren Seite: In Frankreich ist nur die Trikolore ganzjährig vorgeschrieben, die EU-Flagge am Rathaus lediglich am 9. Mai, dem Europatag. Ein Gesetzentwurf, der die EU-Beflaggung verpflichtend gemacht hätte, scheiterte 2023 im konservativ dominierten Senat.
Pikant wird es bei der Frage, wer eigentlich von Europa profitiert. Im südfranzösischen Canohès machte die 28-jährige RN-Bürgermeisterin Carla Muti die Flaggenentfernung zum viralen Event – Video mit „Bye bye"-Gruß und EU-Emoji. Ihr eigenes Auslandsjahr in Málaga hatte sie einst über das EU-Programm Erasmus+ finanziert bekommen, was sie auf Nachfrage einräumte – als „eines der seltenen positiven Beispiele der EU".
In Cagnes-sur-Mer (Alpes-Maritimes) hielt der RN-Mann Bryan Masson dem Regionspräsidenten Renaud Muselier entgegen, die Stadt habe „nichts" zurückzuzahlen – obwohl Muselier 10,6 Millionen Euro an EU-Geldern auflistete, davon 7,2 Millionen aus dem FEDER-Fonds. Masson wiederum bestreitet, dass an seiner Rathausfassade je eine EU-Flagge hing; er habe nur die Zahl der Trikoloren erhöht. So oder so bleibt das Muster dasselbe: Das europäische Geld nimmt man gern, das Symbol wirft man weg.
Widerstand auf der Straße: Die Community bleibt sichtbar
Die Logik hinter all dem ist überall die gleiche: Wer bestimmt, welche Symbole am Rathaus hängen, bestimmt mit, wer in einer Stadt als „normal" und „zugehörig" gilt. Die Trikolore wird dabei nicht als integratives Symbol verstanden, sondern als Abgrenzung – nach außen gegen Brüssel und Kiew, nach innen gegen die queere Community. Die anti-LGBTIQ*-Straftaten in Frankreich sind 2024 laut Innenministerium auf 4.800 Fälle gestiegen, plus fünf Prozent gegenüber dem Vorjahr. In einem solchen Klima ist das Entfernen von Schutzsymbolen alles andere als neutral.
Aber Faches-Thumesnil zeigt auch die andere Seite: Die Zivilgesellschaft lässt sich nicht so leicht aus dem Stadtbild radieren. Wo Rathäuser Symbole abhängen, formiert sich Widerstand – mit Protesten, Kampagnen und Gegenaktionen. Dass mit Gabriel Attal nun ausgerechnet ein offen schwuler Kandidat um das höchste Staatsamt kämpft, ist in diesem Klima mehr als eine Personalie. Es ist ein Gegenbild zu Bardellas Agenda. Sichtbarkeit fängt auf der Straße an, vor einem übermalten Zebrastreifen in Elne – und reicht, wenn die Community hartnäckig bleibt, womöglich bis in den Élysée-Palast in der 55 Rue du Faubourg Saint-Honoré.