Der britische Rechtsaußen-Provokateur Milo Yiannopoulos hat in einem Interview überraschend eingeräumt, weiterhin schwul zu sein. Fünf Jahre lang hatte sich der 41-Jährige öffentlich als „ex-gay“ vermarktet und intensiv für sogenannte Konversionspraktiken geworben.
Ein halbes Jahrzehnt lang tourte der ultrarechte Medien-Clown Milo Yiannopoulos durch die US-Talkshows, um der Welt zu erzählen, wie toll ein Leben ohne „Sodomie“ sei. Er inszenierte sich als Aushängeschild der religiösen Rechten und machte fleißig Werbung für gefährliche und menschenverachtende Konversionspraktiken. Nun fliegt die pompöse Läuterungsshow endgültig auf: Yiannopoulos hat öffentlich bestätigt, dass er schlicht und ergreifend weiterhin ein schwuler Mann ist.
Während eines Interviews mit Piers Morgan in „Piers Morgans Uncensored“ kam die Beichte eher beiläufig ans Licht. Yiannopoulos sprach mit Morgan über seine Abschiebung aus den USA und die Familie, die er dort zurücklassen musste. Als Morgan den britischen Berufs-Provokateur direkt darauf ansprach, dass er nach wie vor ein schwuler Mann sei, der mit einem Mann verheiratet ist, wiegelte Yiannopoulos halbherzig ab: „I don’t do the sex stuff anymore, but yes.“ Der Ehemann lebe übrigens immer noch im gemeinsamen Haus in Los Angeles – wenn auch am „anderen Ende des Flurs“.
Vom Breitbart-Posterboy zum Konversions-Lobbyisten
Yiannopoulos war in den 2010er-Jahren gerade als offen schwuler Rechtsaußen-Provokateur bekannt geworden. Als Redakteur des ultrarechten Portals Breitbart unterstützte er Donald Trump im Wahlkampf 2016 und machte seine sexuelle Orientierung gleichzeitig zu einem Teil seiner öffentlichen Marke, um ungestraft gegen Marginalsierte zu hetzen.
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Milo Yiannopoulos bei der konservativ-katholischen Kundgebung „Bishops Enough Is Enough“ im November 2021 in Baltimore.
Im März 2021 folgte die Kehrtwende. In einem ausführlichen Interview mit dem christlich-fundamentalistischen Portal LifeSiteNews bezeichnete sich Yiannopoulos als „ex-gay“ und „sodomy free“, degradierte seinen Ehemann öffentlich zum „Mitbewohner“ und kündigte an, in den folgenden zehn Jahren dabei helfen zu wollen, das zu „rehabilitieren“, was Medien als „conversion therapy“ bezeichneten.
Noch Ende 2025 schockierte Yiannopoulos in einem Interview mit Tucker Carlson, als er mehr als zwei Stunden über Homosexualität und sogenannte ‚Konversionstherapien‘ sprach. Er erklärte, seit fast fünf Jahren zölibatär zu leben und gleichgeschlechtliche sexuelle Impulse inzwischen nur noch selten zu verspüren. Dabei schilderte er detailliert, wie er versuchte, seine sexuelle Erregung durch selbst zugefügte Schmerzen umzuprogrammieren, um seine Orientierung zu „heilen“. Anschließend warb er für die von ihm als „reintegrative therapy“ bezeichnete Variante von Konversionsmaßnahmen.
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Für die Behauptung, solche Verfahren könnten eine homosexuelle Orientierung zuverlässig verändern, gibt es überhaupt keine belastbare wissenschaftliche Grundlage. Die American Psychological Association (APA) stellte erst 2026 erneut klar, dass solche Versuche nicht evidenzbasiert sind, keine Wirkung zeigen und erhebliche psychische Folgeschäden verursachen können.
Auch das Bundesgesundheitsministerium verweist darauf, dass keine der bekannten Studien den Schluss zulasse, sexuelle Orientierung könne durch sogenannte Konversionsbehandlungen dauerhaft verändert werden. In Deutschland sind solche Maßnahmen an Minderjährigen seit 2020 gesetzlich verboten; untersagt sind zudem deren Bewerbung und Vermittlung.
Erst Abschiebung, dann ‚Reue‘
Dass Yiannopoulos ausgerechnet jetzt wieder über sein Privatleben spricht, hat einen unfreiwillig komischen Hintergrund. Ende August wurde der Brite von der US-Einwanderungsbehörde ICE festgenommen und umgehend nach Großbritannien verfrachtet – wegen eines abgelaufenen Visums.
Nach Angaben des US-Heimatschutzministeriums war Yiannopoulos 2019 legal eingereist, hatte seine erlaubte Aufenthaltsdauer jedoch überschritten. Weil er nicht zu einer Anhörung erschienen sei, habe ein Richter am 22. Juli seine Abschiebung angeordnet.
Foto: AFP PHOTO / DEPARTMENT OF HOMELAND SECURITY
Milo Yiannopoulos nach seiner Festnahme durch die US-Einwanderungsbehörde ICE am 27. August 2026 in Louisiana. Einen Tag später wurde er nach Großbritannien abgeschoben.
Yiannopoulos bestreitet diese Darstellung. Er behauptet, nach seiner Hochzeit einen dauerhaften Aufenthaltsstatus erhalten zu haben, der später ohne sein Wissen aufgehoben worden sei. Behördenpost sei an eine alte Adresse gegangen. Belege für diese Vorwürfe legte er bislang nicht vor; er kündigte jedoch an, juristisch gegen seine Abschiebung vorzugehen.
Zugleich hält Yiannopoulos seine Abschiebung für politisch motiviert. Er bringt sie damit in Verbindung, dass er sich in jüngerer Zeit von Trump abgewandt und sich mit prominenten Kritiker*innen des Präsidenten umgeben habe. Dabei sieht er sich als Teil eines größeren Zerwürfnisses innerhalb der MAGA-Bewegung, in der sich Trump mit mehreren früheren Unterstützer*innen überworfen hat. Zusätzliche Brisanz erhält Yiannopoulos’ Verdacht dadurch, dass die Trump-nahe rechte Influencerin Laura Loomer nach seiner Festnahme öffentlich behauptete, sie habe ihn bei ICE und FBI gemeldet. Belegt ist ein Zusammenhang mit seiner Abschiebung allerdings nicht.
Besonders pikant: Jahrelang vertrat Yiannopoulos selbst eine äußerst harte Abschiebepolitik, forderte knallharte Massenabschiebungen – bis hin zu ICE-Kontrollen in Supermärkten und an Tankstellen. Nun traf es den MAGA-Propagandisten plötzlich selbst. Im Interview mit Piers Morgan gab er sich geläutert und erklärte sogar, er schäme sich heute für seine frühere Unterstützung für Donald Trump. Als Morgan ihn mit seinen früheren Äußerungen konfrontierte, blieb dem einstigen Rhetorik-Wunderkind ein einziges müdes Statement: „You got me.“