Die oft wiederholte Behauptung, ein Großteil trans Jugendlicher würde später doch cis leben, hält einer wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Eine neue Meta-Analyse der Virginia Commonwealth University (VCU) zeigt: Die zugrunde liegenden Zahlen sind statistisch nicht belastbar – werden aber dennoch politisch genutzt.
Der Begriff „Desistance“ beschreibt die Annahme, dass Kinder, die sich zunächst als trans identifizieren, später – häufig nach der Pubertät – wieder zu einer cisgeschlechtlichen Identität zurückkehren. Dieses Konzept wird in politischen Debatten häufig genutzt, um Zurückhaltung bei Unterstützung oder medizinischer Begleitung zu begründen.
Eine aktuelle Meta-Studie, die in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Psychology of Sexual Orientation and Gender Diversity“ veröffentlicht wurde, kommt jedoch zu einem klaren Ergebnis: Die Datenlage erlaubt keine verlässliche Aussage. Je nach Auslegung schwanken die „Desistance“-Raten zwischen 0 und 100 Prozent.
Mit anderen Worten: Es gibt keine belastbare Grundlage für die oft zitierte Behauptung, die Mehrheit trans Jugendlicher würde ihre Identität „aufgeben“.
Wie der Mythos entstehen konnte
Ein zentraler Grund liegt in den zugrunde liegenden Studien: Viele stammen aus der Zeit vor 1990 und basieren auf heute als problematisch geltenden Annahmen.
Kinder wurden damals häufig nicht als trans erfasst, sondern aufgrund „geschlechtsuntypischen Verhaltens“. Teilweise zielten die Untersuchungen sogar darauf ab, sie aktiv an ihr zugewiesenes Geschlecht anzupassen – etwa durch Maßnahmen, die heute als Konversionstherapie gelten würden.
Hinzu kommen methodische Schwächen wie kleine Stichproben, unklare Auswertungen und gravierende Verzerrungen. Besonders problematisch: In vielen Fällen wurden Teilnehmende, die aus Studien ausschieden, automatisch als „desisted“ gewertet – eine wissenschaftlich nicht haltbare Annahme.
Veraltete Daten, fragwürdige Schlussfolgerungen
Die Forschenden der Virginia Commonwealth University analysierten 16 Studien, darunter auch die Basis der oft zitierten „60–90 Prozent“-These. Ihr Befund: Die Ergebnisse variieren extrem – je nach Interpretation der Daten. Belastbare Aussagen über tatsächliche „Desistance“-Raten sind so nicht möglich.
Zudem stammt ein Großteil der Daten aus einer Zeit, in der trans Identität noch als psychische Störung galt. In einigen Studien wurden Kinder bereits als „geheilt“ eingestuft, wenn sie einfach nicht mehr teilnahmen – wer nicht mehr auftauchte, galt automatisch als cis.
Statistik als politisches Werkzeug
Trotz dieser Unsicherheiten wurden genau solche Zahlen in politischen und juristischen Kontexten verwendet – etwa zur Rechtfertigung von Einschränkungen geschlechtsangleichender Behandlungen. So spielten sie auch im Zusammenhang mit dem US-Urteil Skrmetti eine Rolle, das staatliche Verbote entsprechender medizinischer Maßnahmen stützt.
Die Forschenden warnen ausdrücklich vor diesem Umgang mit Daten. Wissenschaftliche Unsicherheit dürfe nicht als scheinbare Gewissheit in politische Entscheidungen übersetzt werden.
Neuere Forschung zeigt anderes Bild
Gleichzeitig deutet aktuellere Forschung auf einen klaren Trend hin: Je präziser und moderner die Methoden, desto höher ist die beobachtete Stabilität geschlechtlicher Identität bei Jugendlichen.
Das Fazit der Studie fällt entsprechend deutlich aus: Die Datenlage zu „Desistance“ ist „alles andere als stabil“ – und eignet sich nicht als Grundlage für pauschale Aussagen oder politische Maßnahmen. Zahlen, die zwischen 0 und 100 Prozent schwanken können, taugen nicht als Argument, so die Forschenden.