Drei Monate nach der hitzebedingten Absage ist der Paris Pride am Wochenende durch die französische Hauptstadt gezogen. 74.000 Menschen waren laut Polizei dabei, die Veranstalter*innen sprechen sogar von rund 500.000. Im Mittelpunkt stand die Sorge vor einem Rechtsruck.
Mit Regenbogenflaggen, Blumenketten und deutlichen Botschaften gegen die extreme Rechte sind am Samstag Zehntausende Menschen durch Paris gezogen. Die Marche des Fiertés führte am Nachmittag durch die französische Hauptstadt bis zur Place de la Bastille.
Nach Angaben der Polizei beteiligten sich rund 74.000 Menschen. Die organisierende Inter-LGBT sprach dagegen von etwa 500.000 Teilnehmenden. Die enorme Differenz ist nicht neu: Bereits im vergangenen Jahr hatten die Veranstalter*innen eine halbe Million Menschen gezählt, während die Polizei von weniger als 100.000 ausging.
In diesem Jahr bekam die Demonstration eine besondere politische Bedeutung: Sie war die letzte Paris Pride-Parade vor der französischen Präsidentschaftswahl 2027. Inter-LGBT stellte die Veranstaltung entsprechend unter das Motto „2027: Solidarität, Vielfalt, LGBT+ & Verbündete“.
Foto: Djoudi Hamani / Hans Lucas / Hans Lucas via AFP
Ein Teilnehmer hält bei der Paris Pride am 3. Oktober 2026 ein Schild mit einer Botschaft gegen die extreme Rechte hoch. Der Kampf gegen den Rechtsruck prägte die diesjährige Demonstration.
„Unsere Wut muss sich in einen Sieg verwandeln“
Kurz vor dem Start des Demonstrationszuges richtete Inter-LGBT-Co-Präsident Alexandre Schon den Blick ausdrücklich auf die bevorstehende Wahl. „Im Kampf und jetzt auf der Straße – Bürgerinnen und Bürger, an die Wahlurnen!“, rief er laut AFP den Teilnehmenden zu.
„Unsere Wut muss sich in einen Sieg verwandeln“, erklärte Schon weiter. Er begründete den Appell mit zunehmenden Hass- und Diskriminierungsdiskursen gegen trans* Personen, gleichgeschlechtliche Beziehungen und Sexarbeiter*innen.
Die politische Botschaft war auch auf zahlreichen Schildern zu sehen. „Fuck RN“ und „Queers against Fascism" stand dort mit Blick auf den rechtsextremen Rassemblement National, daneben Parolen wie „Weniger RN, mehr Lesben“ oder Wortspiele gegen den Rechtsextremen Éric Zemmour.
Foto: Djoudi Hamani / Hans Lucas / Hans Lucas via AFP
„Widerstand gegen Transfeindlichkeit“: Teilnehmer*innen setzten Schildern ein Zeichen gegen Angriffe auf trans* Personen.
Anaïs Perrin-Prevelle, Präsidentin der trans* Organisation OUTrans, betonte gegenüber AFP ebenfalls die politische Bedeutung der Demonstration. „Es ist wichtig, vor einer Zeit sichtbar zu sein, die für uns schwierig werden wird“, sagte sie. Dabei verwies sie auf die extreme Rechte in Frankreich, Deutschland, England, Spanien und Portugal. Gemeinsam sei diesen Bewegungen, trans Personen anzugreifen und dabei Frauen auf vermeintlich unveränderliche biologische Merkmale zu reduzieren.
Politiker*innen der Linken laufen mit
Auch mehrere prominente Vertreter*innen der französischen Linken beteiligten sich am Pride. Laut AFP wurde unter anderem der sozialistische Pariser Bürgermeister Emmanuel Grégoire, die Abgeordnete Sophia Chikirou von La France insoumise (LFI) und die Grünen-Abgeordnete Sandrine Rousseau gesichtet. Auch LFI-Gründer Jean-Luc Mélenchon nahm an der Demonstration teil.
Die politische Dimension bestimmte allerdings nicht die gesamte Veranstaltung. AFP beschreibt eine friedliche und ausgelassene Atmosphäre. Dragqueens tanzten auf Bühnen, aus Lautsprecherwagen dröhnte Musik.
Auch zahlreiche Menschen, die selbst nicht zu den LGBTIQ*s gehören, demonstrierten mit. Eine Teilnehmerin erklärte AFP, sie sei heterosexuell, wolle aber ihre Unterstützung zeigen. Andere betonten, dass LGBTIQs im Kampf gegen Diskriminierung nicht allein seien.
Eigentlich sollte die Pride bereits im Juni stattfinden
Dass die Paris Pride in diesem Jahr erst im Oktober stattfand, hatte einen außergewöhnlichen Grund. Ursprünglich war die Demonstration für Ende Juni geplant – rund um den Jahrestag der Stonewall-Aufstände von 1969, an den Pride-Veranstaltungen weltweit erinnern.
Wegen einer extremen Hitzewelle wurde die Pariser Demonstration jedoch kurzfristig abgesagt und auf den Herbst verschoben. Damit fand eine der größten LGBTIQ*-Demonstrationen Frankreichs ausnahmsweise mehr als drei Monate später statt.
Der Zug führte schließlich von der Place d’Italie durch Paris bis zur Bastille, wo für den Abend Konzerte geplant waren. Größere Zwischenfälle wurden nicht bekannt.
Foto: Eric Broncard / Hans Lucas / Hans Lucas via AFP
„Ja, Mama, er ist mein Freund“: Demonstrierende beim Paris Pride am 3. Oktober. Der Protestzug gegen Diskriminierung führte von der Place d’Italie bis zur Place de la Bastille.
Fast 5.000 LGBTIQ*-feindliche Straftaten
Dass die Sorge vor einem gesellschaftlichen Rechtsruck nicht allein Wahlkampfrhetorik ist, zeigen aktuelle Zahlen des französischen Innenministeriums.
Polizei und Gendarmerie registrierten 2025 landesweit rund 4.900 LGBTIQ*-feindliche Straftaten – zwei Prozent mehr als im Jahr zuvor. 64 Prozent der registrierten Fälle wurden als Verbrechen oder Vergehen eingestuft; deren Zahl nahm innerhalb eines Jahres um vier Prozent zu.
Die Polizeistatistik bildet dabei nur einen Bruchteil der tatsächlichen Vorfälle ab. Nach Angaben des Innenministeriums zeigen Betroffene diskriminierender Taten nur in rund drei Prozent der Fälle das Erlebte bei der Polizei an.
Mehr als 70 Prozent der registrierten Opfer von LGBTIQ*-feindlichen Verbrechen und Vergehen waren Männer, fast die Hälfte war jünger als 30 Jahre. Zudem konzentrieren sich die registrierten Fälle überdurchschnittlich auf große Städte – insbesondere auf Paris.
So wurde aus der wegen extremer Sommerhitze verschobenen Pride schließlich eine Demonstration, die bereits deutlich im Zeichen der nächsten politischen Auseinandersetzung steht: der Frage, welchen Kurs Frankreich bei der Präsidentschaftswahl 2027 einschlägt. *AFP/sah