Die Niederlande stehen vor einem historischen Wendepunkt. Mit Rob Jetten, dem 38-jährigen Spitzenkandidaten der linksliberalen Partei Democraten66 (D66), könnte erstmals ein offen schwuler Politiker an die Spitze der Regierung rücken. Sein Sieg über Geert Wilders ist mehr als nur ein politisches Signal – er steht für ein Land, das sich nach Hoffnung, Vernunft und Zugehörigkeit zu Europa sehnt.
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Vom „Robot Jetten“ zum Hoffnungsträger
Der Sohn zweier Lehrer wuchs im südostniederländischen Uden auf, las schon als Kind jeden Morgen zwei Zeitungen und sah die Nachrichten vor der Schule – ein echter Nerd, wie er selbst sagt. Nach seinem Studium der Verwaltungswissenschaften an der Radboud-Universität Nijmegen arbeitete er als Berater für die staatliche Eisenbahnbehörde ProRail.
Mit 30 Jahren zog Jetten ins Parlament ein, nur ein Jahr später wurde er Vorsitzender der D66 – als jüngster Fraktionschef in der Geschichte des Landes. Doch der Start war holprig: Seine überpräzisen Reden und der kontrollierte Auftritt brachten ihm den Spitznamen „Robot Jetten“ ein. Erst später, nach einer Augenoperation und mit einer offeneren, persönlicheren Art, fand er seinen politischen Stil – empathisch, nahbar, und doch analytisch.
„Der beste Rat, den ich bekam, war, meine Geschichte so zu erzählen, als säße ich mit Freunden am Tisch“, sagte er rückblickend.
Ein Nerd mit Charisma
Eine glückliche Fügung des Timings half Jetten zusätzlich: Kurz vor der Wahl lief im Fernsehen das Finale der beliebten Quizshow „The Smartest Person“, in der er selbst teilnahm. Für den belesenen, stets höflichen Kandidaten war das eine perfekte Bühne – und ein Kontrast zum aggressiven Ton vieler seiner Konkurrenten.
Sein öffentliches Image wandelte sich: aus dem politischen Technokraten wurde ein charmanter, intellektueller Hoffnungsträger mit Sinn für Humor. In einer Zeit, in der viele Politiker auf Populismus setzen, wirkte Jettens positive Energie fast schon revolutionär.
Liebe in Zeiten des Wahlkampfs
Privat lebt Rob Jetten das, was die Niederlande politisch ausmacht: Offenheit. Der 38-Jährige ist seit 2022 mit dem argentinischen Hockeyspieler Nicolás Keenan verlobt – und könnte damit den ersten First Gentleman der niederländischen Geschichte an seiner Seite haben.
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Kennengelernt haben sich die beiden zufällig im Supermarkt, während Jetten aufgrund von Bauernprotesten kurzzeitig umziehen musste. „Es war Liebe auf den ersten Blick“, erzählte er später der niederländischen Zeitschrift Linda. Keenan, 28 Jahre alt, war der erste aktive Profi-Hockeyspieler in den Niederlanden, der sich öffentlich als schwul outete – und teilt mit Jetten nicht nur den Mut zur Sichtbarkeit, sondern auch das Engagement für Gleichberechtigung. Das Paar will im kommenden Sommer in Spanien heiraten.
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Koalitionspuzzle mit ungewissem Ausgang
Doch bis dahin liegt noch ein weiter Weg vor Jetten. Zwar hat die D66 mit 26 Sitzen gleichgezogen mit der PVV von Wilders, doch für eine Mehrheit braucht es 76 Stimmen im 150 Sitze zählenden Parlament. Es wird also langwierige Koalitionsverhandlungen geben – ein Ritual der niederländischen Politik, das Monate dauern kann.
Schon früh schloss Jetten eine Zusammenarbeit mit Wilders aus: „Als Demokrat sehe ich keine Möglichkeit, mit ihm eine Koalition einzugehen“, sagte er. Diese klare Haltung unterscheidet ihn von manch anderer Parteiführung in Europa, die aus Machtkalkül Kompromisse mit der extremen Rechten eingeht.
Politikprofessorin Sarah de Lange von der Universität Leiden erwartet, dass die Regierungsbildung „zwischen sechs Monaten und einem Jahr“ dauern könnte. Dennoch: Der Wille zur Einigung ist groß. Viele Parteien betonen, dass das Land nach Jahren des Chaos Stabilität brauche.
Ein neuer Ton in Europa
Ob Rob Jetten tatsächlich der erste offen schwule Premierminister der Niederlande wird, ist noch offen. Aber schon jetzt steht fest: Er hat dem Land einen neuen Ton geschenkt – optimistisch, europäisch und menschlich.
In einer Zeit, in der viele Demokratien an Polarisierung leiden, verkörpert Jetten das Gegenteil: Empathie als Stärke, Offenheit als politisches Programm. Und vielleicht ist genau das das Rezept, das die Niederlande – und Europa – gerade dringend brauchen. *AFP/sah