Genau das ist am 31. März 2026 in den Vereinigten Staaten passiert. Der US Supreme Court hat in dem Fall Chiles v. Salazar mit einer deutlichen Mehrheit von 8 zu 1 Stimmen zugunsten einer Therapeutin entschieden. Das Urteil stuft ein Verbot von sogenannten Konversionstherapien für Minderjährige im Bundesstaat Colorado als „präsumptiv verfassungswidrig“ ein.
Worum ging es bei dem Urteil?
Die Klägerin, Kaley Chiles, bietet Gesprächstherapien an, die von einem christlich-evangelikalen Weltbild geprägt sind. Sie sah sich durch das 2019 in Colorado verabschiedete Gesetz, das Therapien zur Änderung der sexuellen Orientierung oder Geschlechtsidentität bei Minderjährigen verbot, in ihrem Recht auf freie Meinungsäußerung (dem Ersten Verfassungszusatz) verletzt.
Illustration: KI erstellt
Unterstützt wurde sie von der finanzstarken, konservativ-christlichen Rechtsorganisation „Alliance Defending Freedom“ (ADF). Die Argumentation des Gerichts lautete: Wenn der Staat es Therapeuten erlaube, die Identität eines Klienten zu affirmieren, aber verbiete, so zu sprechen, dass sexuelle Anziehungen geändert werden sollen, sei das „Standpunktdiskriminierung“ („Viewpoint Discrimination“). Für die konservative Mehrheit des Gerichts handelte es sich bei der Therapie primär um Sprache, weshalb das Gesetz der strengsten richterlichen Prüfung, der sogenannten „Strict Scrutiny“, unterzogen werden muss.
Die dramatischen Folgen für LGBTIQ-Jugendliche
Das Urteil stellt eine unmittelbare Bedrohung für ähnliche Schutzgesetze in 23 weiteren US-Bundesstaaten und dem District of Columbia dar. Die Konsequenzen für betroffene Jugendliche sind gravierend. Wissenschaftliche Daten belegen:
- Jugendliche, die Konversionspraktiken unterzogen werden, versuchen mit mehr als doppelter Wahrscheinlichkeit, sich das Leben zu nehmen.
- Die Wahrscheinlichkeit von mehrfachen Suizidversuchen innerhalb eines Jahres steigt im Vergleich zu LGBTIQ*-Jugendlichen ohne diese Erfahrungen um den Faktor 2,5.
- Es kommt zu einer massiven Zunahme von klinischer Depression, chronischen Angstzuständen und posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS).
- Zudem führen die Praktiken oft zur Zerstörung sozialer Netzwerke und zu kognitiver Selbstwertzerstörung, da die eigene Identität als „falsch“ oder „sündig“ gebrandmarkt wird.
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Strategische Heuchelei der konservativen Rechten
Besonders brisant an dem Fall ist die ideologische Doppelmoral der beteiligten konservativen Gruppen.
- Nur wenige Wochen vor dem Chiles-Urteil feierten dieselben Netzwerke ein Zivilurteil im Fall Fox Varian, bei dem einer Detransitioniererin 2 Millionen US-Dollar Schadenersatz wegen medizinischen Kunstfehlers zugesprochen wurden.
- Im Fall von geschlechtsaffirmierenden Behandlungen (wie bei Varian) argumentieren sie lautstark, Minderjährige seien zu unreif und müssten zwingend vom Staat vor irreversiblen Schritten geschützt werden.
- Geht es jedoch um Konversionstherapien, betonen sie plötzlich das unantastbare „Selbstbestimmungsrecht“ der Jugendlichen und diffamieren staatlichen Schutz als totalitäre Zensur.
Der deutsche Weg und die internationale Perspektive
Bei uns in Deutschland herrscht zum Glück ein völlig anderes verfassungsrechtliches Verständnis. Seit 2020 sind Konversionstherapien bei Minderjährigen gesetzlich streng verboten. Wer dagegen verstößt, muss mit Freiheitsstrafen von bis zu einem Jahr oder hohen Geldstrafen rechnen. Das deutsche Grundgesetz kennt das Prinzip der Verhältnismäßigkeit. Die Meinungs- und Berufsfreiheit findet ihre Grenzen explizit im Jugendschutz und dem Recht auf körperliche und seelische Unversehrtheit (Art. 5 Abs. 2 und Art. 2 Abs. 2 GG). Da Homosexualität und Transidentität keine Krankheiten sind, überwiegt der Schutz der seelischen Gesundheit der Patienten massiv. Auch auf internationaler Ebene ist der Konsens eindeutig: Die Vereinten Nationen (UNO) fordern seit 2020 ein weltweites Verbot dieser Praktiken. UN-Experten stufen Konversionstherapien als schwere Menschenrechtsverletzungen ein, die in ihrer psychologischen Grausamkeit bis hin zur Folter reichen können. *ck/AFP