Foto: Instagram / spzh7und8
Das Zürcher Stadtparlament hat Ivo Bieri (SP) mit einer parteiübergreifenden Mehrheit zum neuen Gemeinderatspräsidenten gewählt. Damit bekommt die Limmatstadt einen neuen „höchsten Stadtzürcher“, der offen schwul lebt. Wir werfen einen Blick auf den Mann hinter dem Amt.
Mit 104 von 115 gültigen Stimmen hat der Zürcher Gemeinderat den SP-Politiker Ivo Bieri an die Spitze des Parlaments gewählt. Turnusgemäss übernimmt er damit für das Amtsjahr 2026/2027 den Vorsitz und gilt im traditionellen Sprachspiel der Schweizer Politik ab sofort als „höchster Stadtzürcher“. Bieri löst Christian Huser (FDP) ab, welcher das Parlament im vergangenen Jahr leitete.
Identität als gelebte Normalität
Der 41-jährige sitzt seit Juli 2021 im Gemeinderat, ist verheiratet und beruflich als Mitinhaber einer Kommunikationsagentur tätig. Mit Bieri bekleidet nicht zum ersten Mal ein offen schwuler Mann das dritthöchste Amt der Stadt. Das letzte schwule Ratspräsidium liegt 13 Jahre zurück: 2013 übte Martin Abele (Grüne) das Amt aus. Bieri selbst vertritt die Haltung, dass die sexuelle Orientierung im Jahr 2026 keine Sensation mehr sein sollte, sondern schlicht gesellschaftliche Realität. In seiner Antrittsrede betonte er, dass diese Vielfalt in ein modernes Parlament gehöre und für ihn „nichts Aussergewöhnliches, sondern selbstverständlich“ sei. Zum Abschluss seiner Ausführungen bemühte er das bekannte Zitat des ehemaligen Berliner Bürgermeisters Klaus Wowereit: „Und das ist auch gut so.“
In einem früheren Porträt des Gay-Leadership-Networks „Network“ präzisierte er seinen Blick auf die heutige Gleichstellungspolitik:
„Als Lesben und Schwule haben wir schon sehr vieles erreicht. Darum spreche ich in meinem Engagement nur noch von der queeren Community. Hier gibt es noch sehr viel anzupacken, damit die Akzeptanz und Toleranz von allen queeren Menschen ein höheres Level erreicht – auch in der offenen Stadt Zürich.“
Brückenbauer statt linker Nische
Bieri vertritt die Stadtkreise 7 und 8 (Witikon, Fluntern, Hottingen, Hirslanden und Riesbach). Er politisiert zwar dezidiert links, gilt im Rat aber als pragmatischer Brückenbauer. Seine parlamentarische Akte seit seinem Einzug in den Gemeinderat zeigt einen Fokus auf Wirtschafts-, Gewerbe- und Verwaltungsfragen. So setze er sich unter anderem für die Digitalisierung von amtlichen Publikationen und Erleichterungen in der Boulevardgastronomie ein. Gesellschaftspolitische Vorstösse, wie das vom Rat überwiesene Postulat für ein kommunales Verbot von Konversionstherapien, unterstützte er als Mitunterzeichner im Rahmen breiter, fraktionsübergreifender Allianzen.
Warnung vor dem Rückzug in die eigenen „Bubbles“
In seiner Antrittsrede im Rathaus griff der neue Ratspräsident die zunehmende gesellschaftliche und ideologische Fragmentierung auf und rief zu mehr überparteilichem Dialog auf.
„Wir alle bewegen uns in Bubbles, politisch, sozial und beruflich. Das ist menschlich, aber auch etwas gefährlich. Denn ein Parlament funktioniert nur, wenn man die eigenen Überzeugungen hinterfragt.“
Starre Blockmeinungen führten in einem demokratischen System selten zu nachhaltigen Erfolgen. Bieri sieht seine Hauptaufgabe im kommenden Amtsjahr deshalb darin, als überparteilicher Moderator die parlamentarische Debattenkultur zu stärken. Da er in seiner neuen Funktion seine eigene Parteibrille ablegen und die Sitzungen neutral leiten muss, wird er seine Stimme primär ausserhalb des Ratssaals nutzen, etwa als offizieller Repräsentant der Stadt bei Anlässen wie der Zürich Pride.
Das neue Präsidium
Flankiert wird Ivo Bieri im Amtsjahr 2026/2027 von einem politisch diversen Vizepräsidium, um eine ausgewogene und überparteiliche Ratsleitung zu garantieren. Zum ersten Vizepräsidenten wählte der Gemeinderat Christian Traber von der Partei „Die Mitte“, der ein Resultat von 106 Stimmen erzielte. Das Amt des zweiten Vizepräsidenten übernimmt Sebastian Zopfi von der SVP, auf den 78 Stimmen entfielen. Die traditionelle Eröffnungsrede wurde vereinbarungsgemäß von der jüngsten Ratsabgeordneten gehalten: der 20-jährigen Dentalassistentin Vera Çelik (SP). Çelik, die für eine gerechtere Welt politisiert, ist die erste gewählte Gemeinderätin in Zürich, die im Ratssaal ein Kopftuch trägt.
*Quellen: Gemeinderat Zürich, SWI swissinfo.ch / Keystone-SDA, DISPLAY Magazin, Network (Gay Leadership Network)