Maximilian Harden (1861 – 1927) veröffentlichte am Samstag, 17. November 1906, in seiner Wochenschrift Die Zukunft einen Text mit dem harmlosen Titel „Praeludium“. Ein Vorspiel also. Wer im Kaiserreich Zeitung las, verstand trotzdem, wer gemeint war: Philipp zu Eulenburg (1847 – 1921), Diplomat, Fürst und seit Jahrzehnten der Vertraute Wilhelms II. Harden deutete eine sexuelle Beziehung zwischen den beiden an, ohne Namen zu nennen. Drei Wochen später schob er nach:
„Wird’s nötig, dann werde ich lauter reden.“
Es wurde nötig.
Ein Harfner am Hof
Eulenburg hatte Einfluss, ohne je an der Spitze zu stehen. Von 1894 bis 1903 war er Botschafter in Wien, 1900 erhob ihn der Kaiser in den Fürstenstand. Laut dem Lebendigen Museum Online des Deutschen Historischen Museums wirkte er am Sturz Bismarcks mit und brachte Bernhard von Bülow ins Amt des Reichskanzlers. 1903 schied er aus gesundheitlichen Gründen aus dem Dienst – Ratgeber des Kaisers blieb er. Um ihn und sein Schloss Liebenberg hatte sich ein Kreis gebildet, den Harden politisch für gefährlich hielt und für den er eine eigene Formel fand:
„homoerotische Tafelrunde politischer Weichlinge“
Fotos: gemeinfrei, Collage: Adam sk, wikimedia
Die Hauptfiguren der Affäre: Maximilian Harden, Philipp zu Eulenburg und Kuno von Moltke.
Am 27. April 1907 wurde der Herausgeber deutlich. Er spielte auf eine Karikatur an, die Eulenburg als Harfenspieler zeigte, und zog General Kuno Graf von Moltke mit hinein. Der Kaiser erfuhr Anfang Mai durch den Kronprinzen davon und verlangte den Rücktritt Moltkes und zweier weiterer Adliger. Den Rest erledigten die Gerichte.
Der Sachverständige rudert zurück
Moltke verklagte Harden wegen Beleidigung. Vom 23. bis 29. Oktober 1907 verhandelte das Schöffengericht in Moabit. Als Sachverständiger trat Magnus Hirschfeld auf – der Arzt, der seit 1897 gegen den Paragrafen 175 kämpfte. Er attestierte dem General eine „ihm selbst nicht bewusste homosexuelle Veranlagung“. Harden wurde freigesprochen. Der bekannteste Sexualforscher des Landes hatte seine Wissenschaft damit in den Dienst eines Outings gestellt.
Karikatur: Gustav Brandt, gemeinfrei, wikimedia
„Zur Anpöbelung Bülows“: Im Kladderadatsch steht Reichskanzler Bülow mit beschmutztem Hosenbein da – sein Pudel Mohrchen war es nicht, gemeint ist Adolf Brand (27. Oktober 1907).
Eine Woche später, am 6. November, stand Adolf Brand vor Gericht, Herausgeber der schwulen Zeitschrift Der Eigene. Er hatte Reichskanzler Bülow in einem Flugblatt in die Affäre gezogen und bekam 18 Monate Haft wegen Verleumdung.
Dann kippte die Sache. Im Dezember 1907 wurde der Moltke-Prozess neu aufgerollt. Eulenburg sagte unter Eid zugunsten des Generals aus, Hirschfeld zog sein Gutachten zurück, und Harden bekam vier Monate Haft. Im April 1908 sagten in München zwei Zeugen aus, sie hätten in den 1880er-Jahren Sex mit Eulenburg gehabt. Gegen den Kaiserfreund wurde wegen Meineids ermittelt. Die Hauptverhandlung begann im Juni 1908 unter Ausschluss der Öffentlichkeit, wurde unterbrochen und im Juli 1909 neu eröffnet. Nach einer Stunde brach der Angeklagte zusammen. Ein Urteil gab es nie.
Grafik: KI-erstellt
Die Eulenburg-Affäre in neun Stationen.
Harden kam in der Revision im April 1909 mit 600 Mark Geldstrafe davon. Aus geheimen Mitteln der Reichskanzlei erhielt er 40.000 Mark – als Ersatz für Unkosten.
Die Geldstrafe: 600 Mark. Die Entschädigung aus der Reichskanzlei: 40.000.
Ein Tutu in Donaueschingen
Am 29. November 1907 forderte Kriegsminister Karl von Einem im Reichstag homosexuelle Offiziere auf, ihren Abschied zu nehmen. Ein Jahr später, am 14. November 1908, tanzte Dietrich von Hülsen-Haeseler, Chef des Militärkabinetts, bei einer Jagdgesellschaft im Schloss Donaueschingen vor dem Kaiser – als Ballerina verkleidet, im Tutu. Er erlitt einen Herzinfarkt und starb. Die Umstände wurden vertuscht.
Für die Homosexuellenbewegung war die Bilanz verheerend. Reformversuche am Paragrafen 175 scheiterten im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, 1935 verschärften ihn die Nationalsozialisten, gestrichen wurde er erst am 11. Juni 1994.
Und der Mann, der die Männlichkeit anderer vor Gericht verhandeln ließ? Harden war als Felix Ernst Witkowski geboren worden, Sohn eines jüdischen Seidenhändlers. 1922, kurz nach dem Mord an Walther Rathenau, überlebte er schwer verletzt einen rechtsextremen Anschlag. Die Zukunft stellte er danach ein.
Eulenburg starb am 17. September 1921 auf Schloss Liebenberg, unverurteilt. Das Denkmal für die erste Homosexuellenbewegung steht übrigens seit 2017 am Magnus-Hirschfeld-Ufer in Berlin.