Foto: rsb
Mit ihm verliert das queere Berlin einen seiner wichtigsten Zeremonienmeister der Nacht: den Mann, der mit dem „GMF“ eine der prägendsten schwulen Partyreihen der Stadt erfand und die Ausgehkultur des wiedervereinten Berlin mitschrieb wie sonst nur wenige.
Dabei war ihm dieser Weg nicht vorgezeichnet. 1983 kam Young aus Memphis, Tennessee, als BWL-Austauschstudent nach Berlin – Buchhaltung und Kostenrechnung fand er allerdings, wie er einmal trocken sagte, „irgendwie nicht so besonders abendfüllend“. Er jobbte als Kellner, an der Bar, in der Garderobe, wurde Geschäftsführer im Klub „Beehive“ und merkte schnell: Seine Bühne war die Nacht. Seine erste Party arrangierte er im Auftrag des Londoner Kultmagazins „i-D“, 1988 gründete er mit der „Tanzstelle“ eine Wanderparty, die ausrangierte U-Bahnhöfe und stillgelegte Schwimmbäder zum Kochen brachte.
Vier Wochen vor dem Mauerfall, im Oktober 1989, eröffnete Young dann gemeinsam mit Britt Kanja das „90 Grad“ in einer leerstehenden Autowerkstatt in der Schöneberger Dennewitzstraße. Während draußen Ost und West zusammenfanden, wurde drinnen getanzt – bald war das „90 Grad“ der angesagteste Klub der Stadt. Sein bleibendes Vermächtnis aber heißt „GMF“. 1996 als schwules Pendant zu den Partys im legendären WMF („Württembergische Metallwarenfabrik“ in Berlin-Mitte) gegründet – das „G“ stand selbstbewusst für gay –, wurde aus der Sonntagsparty ein queeres Ritual von Sonntag zu Sonntag. Im Café Moskau, im Weekend Club hoch über den Dächern der Stadt und an immer neuen Orten verdichtete sich, was man rückblickend eine sehr Berliner Mischung nennen darf: Glamour ohne Hochglanz, Exzess ohne Pose, Zugehörigkeit im Kollektiv. Und Dragqueens an den Plattentellern!
Das „GMF“ war Bühne, Klub und Sprungbrett zugleich. Dragqueens wie Barbie Breakout, Ades Zabel, Biggy van Blond, Kaspar Kamäleon und Melli Magic machten die Nacht zum Theater, DJs wie WestBam, Paul van Dyk, Boris Dlugosch, Maringo und Divinity lieferten den Soundtrack einer Generation, die sich zwischen Vocal House, Dance und Elektro nicht festlegen lassen wollte. Wer hier feierte, feierte auch ein Versprechen: Seht her, wir sind da – und wir sind viele.
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Young blieb ein Getriebener der guten Idee. Er rief die „Sky Bar“ auf dem Dach des Stilwerks ins Leben, eröffnete die Mitte-Bar „808“, verlegte das „GMF Warehouse“ ins Spindler & Klatt und schickte einmal sogar 80 Gäste auf einer Germanwings-Maschine zur Flugparty nach Mykonos. 2022 stieg die vorerst letzte „GMF“-Party – ein Ende, das sich immer auch wie ein Versprechen auf Wiederkehr anfühlte.
Dieses Versprechen bleibt nun unerfüllt. Was bleibt, ist größer: ein Stück queere Stadtgeschichte, geschrieben in Beats, Blicken und Zugehörigkeit. Berlin verdankt ihm viele seiner schönsten Nächte. Danke, Bob.
