Es ist eine Konstellation, die sich kaum besser hätte zuspitzen lassen: Wenn Ägypten und Iran am Freitagabend Ortszeit (in der Nacht zum Samstag, 5 Uhr MESZ) im Lumen Field gegeneinander antreten, fällt das Gruppe-G-Spiel mitten in Seattles Pride-Wochenende. Beide Länder gehören zu den repressivsten der Welt, was queere Menschen angeht. In Iran können einvernehmliche gleichgeschlechtliche Handlungen mit dem Tod bestraft werden; in Ägypten gibt es zwar kein ausdrückliches Verbot, doch LGBTIQ*-Personen werden regelmäßig unter Vorwürfen wie „Unzucht" oder „Ausschweifung" verhaftet und verurteilt.
Dass ausgerechnet diese beiden Teams an diesem Termin spielen, war kein Plan, sondern Zufall: Seattles lokales Organisationskomitee und die seit Jahrzehnten am selben Wochenende stattfindende PrideFest hatten den 26. Juni längst als Teil der Pride-Feierlichkeiten eingeplant – wer im Stadion steht, entschied erst die WM-Auslosung im Dezember.
Ägypten und Iran liefen Sturm – die FIFA blieb hart
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FIFA-Präsident Gianni Infantino (l.) neben Yasser Al-Meshal, Präsident des saudischen Fußballverbands, vor einem Spiel der Frauen-Premier-League in Jeddah, Saudi-Arabien (Dezember 2023)
Beide Fußballverbände protestierten umgehend. Der iranische Verband forderte die FIFA auf, sämtliche „Zeremonien und Aktivitäten" zur Unterstützung der LGBTIQ*-Community rund um und im Stadion zu unterbinden. Ägyptens Verband schickte bereits nach der Auslosung einen Brief, der „jegliche Aktivitäten zur Unterstützung von Homosexualität" während des Spiels kategorisch ablehnte.
Die FIFA gab dem Druck nicht nach – zumindest nicht beim entscheidenden Punkt. Vor dem Anpfiff stellte der Verband klar, dass Fans nicht daran gehindert werden, Regenbogenfahnen ins Stadion mitzubringen. „Allgemeine Aussagen zu Menschenrechten, einschließlich Regenbogenfahnen und anderer Flaggen, die sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität repräsentieren", seien unter dem Stadium Code of Conduct erlaubt, hieß es – solange sie nicht überdimensioniert oder im Sinne der Regeln „politisch" seien.
Das ist bemerkenswert. Bei der WM 2022 in Katar hatte die FIFA Kapitänen, die die „One Love"-Binde tragen wollten, mit Gelben Karten gedroht. In Seattle dreht sich der Wind – ein Stück weit.
Denn vom Label distanziert sich die FIFA trotzdem. „Einen ‚Pride Match' wird es nicht geben", sagte Verbandspräsident Gianni Infantino bereits im Januar der Schweizer Weltwoche. Es gebe „ein WM-Spiel in Seattle, und am selben Tag Veranstaltungen externer Organisationen in der Stadt" – das habe „mit dem Spiel selbst nichts zu tun". Formell hat die FIFA auch nur über Stadien und offizielle Fanzonen Kontrolle; die PrideFest organisiert ein gemeinnütziger Verein unabhängig vom Turnier.
ILGA World: „Wer trägt das Risiko, wenn die Kameras weg sind?"
In diese Gemengelage meldet sich ILGA World zu Wort – der weltgrößte LGBTI-Dachverband mit über 2.300 Mitgliedsorganisationen aus mehr als 170 Ländern. Der Verband organisiert das Spiel nicht, liefert aber den vielleicht wichtigsten Kontext: Sichtbarkeit ist gut, aber sie darf nicht auf dem Rücken derer ausgetragen werden, die danach mit den Konsequenzen leben müssen.
„Ein Pride Match kann eine wichtige Botschaft der Solidarität zwischen Communities sein, und Pride sollte sichtbar sein: LGBTI-Menschen gehören in den Fußball, in Stadien, Fanzonen und in jede Gastgeberstadt. Aber Solidarität und Sichtbarkeit müssen mit Verantwortung, Rechenschaft und einem Ansatz der Schadensbegrenzung einhergehen – gerade gegenüber Communities in Ländern mit feindlicher Gesetzgebung. Wenn dieses Spiel die Sprache von Pride tragen soll, müssen die FIFA und die lokalen Organisator*innen beantworten können: Wer wurde konsultiert, wer ist geschützt, und wer trägt das Risiko, wenn die Kameras weg sind?"
Gurchaten Sandhu, Programmdirektor von ILGA World
Die Frage zielt mitten in den blinden Fleck solcher Inszenierungen. Ein Regenbogen-Moment in einem US-Stadion ist schnell produziert. Doch entscheidend ist, wer die Fahne trägt – und wer das Risiko trägt. Für queere Fans aus Deutschland, aus den USA, aus jedem Land mit Rechtssicherheit ist die Flagge im Stadion purer Gewinn: viel Haltung, null Gefahr. Für ägyptische oder iranische Fans vor Ort, für Menschen aus der Diaspora mit Familie im Heimatland, für Reisende, die zurückkehren, kann schon ein Foto zur realen Bedrohung werden. Repression endet nicht am Stadiontor von Seattle.
Sportlich geht es auch um etwas
Bei aller Symbolik: Auf dem Platz steht ebenfalls etwas auf dem Spiel. Iran kam in der Gruppe G bislang nur zu zwei Unentschieden (2:2 gegen Neuseeland, 0:0 gegen Belgien), für beide Teams ist die Partie um den Achtelfinaleinzug richtungsweisend. Die Wett-Prognosen sehen Ägypten leicht vorn.
Freuen ja – aber richtig
Sollen wir uns also freuen? Ja. Dass die FIFA Regenbogenfahnen zulässt, ist ein kleiner Sieg gegenüber 2022, und Sichtbarkeit gehört in jedes Stadion. Aber der Jubel braucht zwei Fußnoten.
Erstens: Die FIFA ist hier kein Verbündeter, der gefeiert werden müsste. Erlaubte Fahnen sind die Mindestlatte, kein Triumph – derselbe Verband drückt sich um das Wort „Pride Match", hat Katar durchgezogen und vergibt Turniere weiter an Staaten mit übler Rechtslage. Wer jetzt „Seht her, die FIFA lässt uns!" ruft, verschenkt die eigene Glaubwürdigkeit.
Zweitens, und das ist der wichtigere Punkt: Der richtige Aufruf heißt nicht „Alle Fahne raus", sondern Solidarität mit statt Outing von. Wer in Seattle ist und es sicher kann, soll Flagge zeigen – für die, die es nicht können. Die Bilder von Freitagnacht gehören denen gewidmet, die in Kairo oder Teheran nicht einmal daran denken dürfen.
Bleibt die Frage, die sich nicht mit einer Flagge beantworten lässt: Was bleibt von diesem Abend, wenn das Flutlicht ausgeht?