Es ist der Entwurf, der den Wettbewerb gewonnen hat und trotzdem nicht gebaut werden sollte. Im Juli 2024 gab das Preisgericht den ersten Preis an „Für Capri und Roxi“ von Franziska Opel und Hannah Rath, eine überdimensionierte Luftschlange für den Denk-Ort an der Binnenalster. Zwei Wochen später stimmte die Community im Pride House ab und sprach sich für den zweitplatzierten „Pavillon der Stimmen“ von Studio Other Spaces aus. Die Behörde folgte dem Votum. Am 13. November 2024 beschloss die Bürgerschaft auf Antrag von SPD und Grünen, den verworfenen Siegerentwurf zusätzlich zu realisieren, in reduzierter Form und an einem historischen Ort in Hamburg-Mitte. Dagegen stimmte nur die AfD. Welcher Ort das sein würde, blieb offen – bis jetzt: Auf unsere Anfrage bestätigt die Kulturbehörde den Enckeplatz und den Termin, Sonntag, 11. Oktober, 14 Uhr. Letzte Abstimmungen mit dem Bezirksamt Mitte laufen noch.
INFO: 11.10., Einweihung „Für Capri und Roxi“, Enckeplatz, Hamburg-Mitte. Öffentlich, Eintritt frei. Angekündigt sind Reden, Begegnungen und ein Überraschungsbeitrag aus der Community, 14 Uhr
Eine Projektseite der Stadt zum Kunstwerk war am 15. September kurzzeitig abrufbar und ist derzeit wieder offline. Eine Pressemitteilung der Behörde liegt bislang nicht vor.
Hütten 123 und das Haus gegenüber
Anfang der sechziger Jahre verbot das Bezirksamt Hamburg-Mitte Männern, in einschlägigen Lokalen miteinander zu tanzen. Betroffen waren unter anderem die Capri-Bar und das Roxi, nach denen das Kunstwerk benannt ist. Die Adressen nennt die Behörde auf Nachfrage mit: Die Capri-Bar gab es von Februar 1956 bis Februar 1963 an der Straße Hütten 123, wenige Meter vom künftigen Standort entfernt. Das Roxi bestand von 1949 bis 1968, schräg hinter der katholischen Kirche an der Großen Freiheit, Adresse Kleine Freiheit/Pfeiffers Gang.
Gegenüber, am heutigen Enckeplatz, stand das Polizeigefängnis Hütten. Für Hunderte Männer, die nach Paragraf 175 angeklagt waren, war es Station auf dem Weg ins Gefängnis oder ins Lager. Das Kunstwerk erinnert also nicht irgendwo an ein Tanzverbot. Es steht zwischen der Bar, in der nicht getanzt werden durfte, und dem Gebäude, in dem saß, wer erwischt wurde.
In Bremen durfte getanzt werden, in Hannover auch. In Hamburg nicht.
Das Verbot war keine bundesdeutsche Selbstverständlichkeit, sondern eine Hamburger Spezialität. Dieselben Jahre, dieselben Paare, dieselbe Republik – und eine Behörde, die für ihre Stadt entschied, dass hier eine Ausnahme gilt.
Zwei Töpfe und eine Tafel
Zur Finanzierung kursierten zuletzt zwei Zahlen. Die Behörde löst das auf: Insgesamt sind 150.000 Euro für Produktion und Installation vorgesehen, davon 100.000 Euro aus dem Sanierungsfonds der Bürgerschaft und 50.000 Euro aus Mitteln der Kulturbehörde. Bodenarbeiten und eine Beschilderung kommen hinzu und werden ebenfalls von der Behörde getragen.
Die Beschilderung ist mehr als eine Fußnote. In der Debatte von 2024 war einer der Haupteinwände gegen den Entwurf, dass sich die Anspielung auf das Tanzverbot Passant*innen ohne Erläuterung nicht erschließt. Wer ohne Vorwissen über den Platz geht, sieht eine große bunte Schleife.
Der Pavillon lässt sich Zeit
Illustration: Studio Other Spaces
Illustration: Pavillon der Stimmen, 2024, Studio Other Spaces – Olafur Eliasson und Sebastian Behmann
Der eigentliche Denk-Ort an der Ecke Neuer Jungfernstieg und Lombardsbrücke kommt später. Ursprünglich sollte 2025 gebaut und 2026 fertiggestellt werden. Im Juli wurde bekannt, dass die Arbeiten noch nicht begonnen haben und das Projekt fünf bis zehn Prozent teurer wird. Den neuen Zeitplan bestätigt die Kulturbehörde uns als unverändert: Baubeginn im Frühjahr 2027, Fertigstellung im Frühsommer, rechtzeitig zur Pride Week.
Damit kehrt sich die Reihenfolge um. Der Entwurf, den die Jury auf Platz eins gesetzt hatte und den die Behörde nicht bauen wollte, steht im Oktober. Der Entwurf, für den sich die Community entschieden hat, kommt – voraussichtlich – im Sommer 2027.