Ich habe dich immer Lilo genannt, nie Ernie. Sollte ich das ändern?
Nicht unbedingt. Ich bin ja auch Lilo. Das passiert automatisch ob mit meiner Agentin oder neulich mit dem Redakteur vom ZDF, der hier ein Porträt gemacht hat. Die Anrede wechselt. Das war früher im Studio auch so. Bei der Stellprobe hieß es noch Herr Reinhardt, und manchmal kam dann schon Lilo. Wenn ich dann blond war, war es eh eindeutig: Ich war nur Lilo. Ich bin eben zwei Personen in einer ohne schizophren zu sein.
Foto: Michael Reh
Ernie Reinhardt ist Lilo Wanders
In deinem Epilog nennst du deine Hochsensibilität eine „zwiespältige Gabe". Hast du darüber schon früher öffentlich gesprochen?
Also, da muss ich ein bisschen ausholen. Seit ein paar Jahren gestalte ich meine Programme so: Im ersten Teil mache ich Kabarettistisches, Lustiges über Liebe, Sex und das Unverständnis zwischen Männern und Frauen. Im zweiten Teil beantworte ich Fragen, die das Publikum in der Pause aufschreibt. Und da kommt es manchmal zur Sprache. Ich sage dann: Ich kriege so viel mit. Aber ich hab es ja auch geschrieben 25.000 bis 30.000 Zuschauer im Jahr auf der Bühne stehen in einem ganz anderen Verhältnis als über eine Million bei einer Fernsehsendung. Wenn ich das öffentlich sage, dann meistens auf der Bühne. Ich trage das nicht vor mir her. Es klingt manchmal so, als ob man das eine Auszeichnung wäre, aber es ist eher eine Bürde.
Das berührt mich, denn ich kenne Ähnliches. Beim Bahnfahren zum Beispiel spüre ich, wie es den Leuten um mich herum geht. Erst eine Therapie hat mir geholfen, das zu verstehen.
Genau das ist es. Jeder fünfte Mensch empfindet so. Man kriegt vieles instinktiv mit das ist toll. Aber es ist auch belastend, wenn die Einflüsse zu stark werden. Möglicherweise ist es auch mit einer Form von ADHS gekoppelt, woran ich früher ja nicht geglaubt habe. Ich dachte immer, die lebhaften Kinder sollen stillgelegt werden. Aber inzwischen muss ich akzeptieren, dass es tatsächlich eine Absonderlichkeit ist, die viele betrifft. Und beides zusammen das ist manchmal wirklich belastend.
Ist Lilo also entstanden, weil du dir als Ernie bestimmte Dinge nicht zugetraut hast?
Ich war ein – das sind jetzt große Worte – gedemütigtes Kind. Und dazu kamen Schicksalsschläge, viele Tote. Ich hatte überhaupt kein Selbstwertgefühl. Ich habe mir sehr früh einen imaginären Zwilling erschaffen, um überhaupt existieren zu können. Inspiriert vom „Guten Menschen von Sezuan“, wo sich die Hauptfigur den bösen Cousin erfindet, um bestehen zu können. Es ist reiner Zufall, dass es Lilo geworden ist, oder vielleicht auch wieder Schicksal. Als Lilo kann ich alles. Das habe ich schon als Jugendlicher erkannt: Wenn ich eine Rolle spiele, kann ich alles, aber der Ernie hinter der Maske musste erst viel lernen. Ich benutze da gerne das Bild: Früher habe ich mich gefühlt wie ein Kind auf einem Dreirad mit Stützrädern – heute fahre ich hin und wieder ein 28er-Rad freihändig. Selbst wenn ich Ernie bin.
War das auch Thema in deiner Therapie?
Ich habe vor über 25 Jahren drei Jahre Therapie gemacht und bin damals aus allen Wolken gefallen, als meine Therapeutin fragte, ob meine ganze Scheu auch mit meiner Homosexualität zu tun haben könnte. Ich bin immer davon ausgegangen, das läge an der Armut meiner Kindheit. Aber da ist mir ein Kronleuchter aufgegangen. Ja, natürlich hat es auch damit zu tun, dass wir richtig ackern mussten, um einen Platz in der Welt zu haben.
Im Epilog bezeichnest du dich als einen der „Kaputten“ und beschreibst eine sehr berührende Szene aus „Six Feet Under“ ...
Ja. Das war ein Augenöffner. Die Mutter sagt da: „Sie kommen zu dir, weil du so heil bist.“ Und ich dachte: Krass, genau das ist es. Ich habe immer gedacht, ich brauche jemanden, der mich rettet. Und dann plötzlich dieser Gedanke: Vielleicht bin ich ja der Halt für andere.
Hat das dein Verhalten in Beziehungen verändert?
Ja, das hat etwas verändert. Ich achte darauf, dass bestimmte Objekte meiner Aufmerksamkeit, meines Verlangens, meines Begehrens nicht mehr infrage kommen dürfen. Und das hat tatsächlich gefruchtet. Ich glaube ja, wir sind hier, um Dinge zu lernen egal ob genetisch, sozialisiert oder durch die Gesellschaft geprägt. Es geht darum, Erkenntnis zu bekommen. Und das ist mir nicht noch einmal passiert. Die suchen mich zwar immer noch aber ich springe nicht mehr darauf an.
Foto: Michael Reh
Lilo Wanders ist Ernie Reinhardt
Du wirst im September 70. Im Epilog zitierst aus Jonathan Frenzens Roman „Die Korrekturen“, eine Satz über die Mutter, die mit 75 noch einiges ändern will. Was möchtest du noch ändern?
Ich hatte das Zitat übrigens erst falsch im Kopf: Ich dachte, sie hätte noch viel vor sich. Aber es heißt ja, sie wollte noch einiges ändern. Und ja da steckt für mich dieser Optimismus drin. Ich sitze gerade an einem neuen Programm mit dem gleichen Titel wie das Buch: „Waren Sie nicht mal Lilo Wanders?“ Ich habe zwar das ganze Material, aber es ist noch mal eine ganz andere Baustelle, das in gesprochene Sprache zu bringen - und auch humoristisch. Das Buch ist ja im ersten Teil sehr ernst. Ich hätte es auch leichtfüßiger schreiben können, aber in meiner Kindheit hatte ich keinen Blick für die Komik, die Absurdität das kommt erst später. Ich habe das Buch so aufgebaut, dass das Bewusstsein wächst, je älter ich werde. Und jetzt versuche ich, das in ein Bühnenprogramm zu übersetzen, in dem ich auch ein paar Songs wieder mit aufnehme. Unter anderem habe ich einen alten Song von mir ausgegraben: „Ich geh niemals mehr zurück in dieses Dorf, aus dem ich einmal kam.“ Ich lasse in diesem Programm die Maske fallen. Lilo habe ich all die Jahre wie ein Schutzschild vor das Leben gehalten und jetzt gehe ich das erste Mal ohne diesen Schutzschild auf die Bühne. Mal sehen, was da passiert.
Das ist sicher eine große Herausforderung.
Ja, weil ich mich dem Publikum auf eine andere Weise zumute. Auch bezogen auf das, was ich vorhin gesagt habe. Und ehrlich gesagt: Ich bin gespannt, wie das wird.
Du besitzt eine riesige Bibliothek. Was bedeutet dir Literatur heute?
Alles. Lesen war meine erste Erlösung. Ich war so schüchtern als Kind - ich habe die Straßenseite gewechselt, um niemanden grüßen zu müssen. Und dann habe ich mir mit vier Jahren, mit Hilfe meiner Mutter, selbst das Lesen beigebracht. Damit habe ich mir die Welt erschlossen. Ich habe tatsächlich das wusste ich erst später eine Lesetechnik entwickelt, die sogar gelehrt wird: nicht Wort für Wort, sondern Absatz für Absatz erfassen. Das heißt, ich lese sehr schnell. Es bedeutet aber auch: Ich nehme nicht alles auf. Und so kann ich Bücher nach ein paar Jahren noch einmal lesen und sie sind wie neu. Das ist auch ein Grund, warum ich diese 6000 Bücher immer noch habe. Ein Teil ist natürlich Fachliteratur, aber das meiste sind Romane. Und was heute als Thriller oder Krimi gilt, war früher einfach ein Gesellschaftsroman das interessiert mich. Nicht das Verbrechen, sondern was es über die Menschen sagt.
So geht es mir bei Filmen.
Genau! Ich will wissen: Warum ist etwas passiert? Was sagt das über die Gesellschaft? Und es gibt fantastische Autorinnen. Meine Lieblingsautorin ist Louise Penny. Eine Kanadierin, die über den Inspektor Gamache schreibt 18 Bände. Im Grunde Philosophie in Krimiform. Ich habe die Reihe zweimal gelesen nicht wegen meiner Lesetechnik, sondern weil sie so toll ist. Da weine ich auch manchmal. Aber jetzt bin ich auch noch mal neugierig. Du hattest im Vorgespräch erzählt, dass du mit einer Frau zusammen lebst? Wie ordnest du dich denn ein?
Ich bin homosexuell, biromantisch und poly und lebe in einer Patchwork-Konstellation mit Frau und (Fast-Ex)-Mann.
... Ist das nicht schön, dass es so eine Vielfalt gibt? Und sie tut ja letzten Endes niemandem weh. Und trotzdem ist das für manche eine fürchterliche Bedrohung. Und das sind dann die Faschisten. Das geht die doch überhaupt nichts an. Aber es ist offensichtlich eine Bedrohung ihrer eigenen Identität. Und deshalb müssen sie so zuschlagen. Sexualität war immer ein Machtinstrument. Durch die Kirche und die Herrschenden. Die Menschen wurden zur Arbeit getrieben, kleingehalten, mit der Strafe nach dem Tod bedroht verhaltet euch so, wie wir es vorschreiben. Eindeutig ein Machtinstrument.
Und doch hat man das Gefühl, er steht wieder vor der Tür.
Ja. Aber ich glaube: Was gedacht wurde, kann nicht ungedacht gemacht werden. Was einmal sichtbar war, kann nicht wieder unsichtbar gemacht werden. Und wenn sie versuchen, uns das wieder zu nehmen dann wird es einen Aufstand geben. Da bin ich sicher.
Danke dir für dieses ehrliche, schöne Gespräch.
Ich danke dir.
Wir sehen uns im Theater.
*Interview: Christian Knuth
Buchinfo und Termine
Ernie Reinhardt, Waren Sie nicht mal Lilo Wanders? Licht und Schatten auf der Bühne meines Lebens
Goldmann, Paperback, Klappenbroschur, 272 Seiten, Illustrationen mit farbigem Bildteil, ISBN 978-3-442-14325-2, Goldmann
Buchvorstellungen:
17.9. Thalia Hamburg
18.9. Stadtbücher - Norderstedt
24.9. Thalia - Stade
6.11. Thalia im River Loft Hotel - Brunsbüttel
Alle weiteren Termine und das Bühnenprogramm: lilowanders.de
