Foto: DALL-E
Symbolbild
Manchmal sind es unscheinbare Bauprojekte, die den Blick in Jahrtausende alte Geschichten öffnen. Beim Ausbau der Stromtrasse SuedOstLink in der Nähe von Regensburg stießen Archäolog*innen auf ein Gräberfeld, das Fragen aufwirft, die weit über wissenschaftliche Details hinausgehen. Zwei Männer, vor rund 4.500 Jahren in der Erde gebettet: Waren sie ein Liebespaar? Oder verbindet sie etwas ganz anderes?
Ein spektakulärer Fund
Das Gräberfeld von Sengkofen bei Mintraching gehört zur sogenannten Glockenbecherkultur, die in Europa zwischen 2800 und 2200 vor Christus verbreitet war. Zwanzig Bestattungen wurden bislang dokumentiert, ausgestattet mit Kupferdolchen, Pfeilspitzen und fein gearbeiteter Keramik. Besonders ins Auge fallen jedoch zwei Doppelgräber. In einem davon lagen zwei Männer, Rücken an Rücken, in derselben Grabgrube. Für die leitenden Archäologen eine „wissenschaftliche Sensation“ – denn solche Konstellationen sind ausgesprochen selten.
Die Deutung ist schwierig. Während die Männer offenbar aus der Region stammten, lassen sich bei den Frauen im Gräberfeld Hinweise auf Fremdheit feststellen – vielleicht durch Heiratsmigration oder soziale Netzwerke, die weit über Bayern hinausreichten. Auffällig ist zudem, dass nur etwa ein Drittel der Bestatteten weiblich war. An einem der Skelette wurde außerdem eine Pfeilspitze im Rücken entdeckt. Ob das Rückenmark verletzt war, müssen noch weiterführende Untersuchungen klären – dieser Befund deutet dennoch auf mögliche gewaltsame Umstände hin, etwa Konflikte oder Kriegsgewalt.
Warum die beiden Männer gemeinsam in die Erde gelegt wurden, bleibt offen. War es eine familiäre Bindung, vielleicht Brüder? Waren es Krieger, die im Kampf starben? Oder verband sie ein intimeres Verhältnis, das wir heute als partnerschaftlich deuten würden?
Spuren von Homosexualität in der Geschichte
Interessant ist auch der Bestattungsritus selbst. Ein Mann wurde in Sengkofen auf der linken Seite mit dem Kopf nach Osten beigesetzt – ein Muster, das in dieser Kultur eigentlich Frauen vorbehalten war. Männer hingegen wurden traditionell auf der rechten Seite mit dem Kopf nach Westen bestattet. Solche Abweichungen von der Norm gelten Archäolog*innen als kulturelle Marker und könnten, so die vorsichtige Deutung, auf eine besondere soziale oder persönliche Rolle hindeuten.
Spuren gleichgeschlechtlicher Beziehungen sind in prähistorischen Kulturen selten direkt belegt, doch finden sich deutliche Hinweise in antiken Texten und Mythen. Das um 2500 v. Chr. entstandene Gilgamesch-Epos, die älteste erhaltene Dichtung der Menschheit, beschreibt die tiefe Bindung zwischen Gilgamesch und Enkidu mit einer Intensität, die heute vielfach als Ausdruck romantischer Liebe gedeutet wird. Auch in Mesopotamien und dem alten Ägypten gibt es Darstellungen und Texte, die auf solche Beziehungen verweisen. Später, in der Antike, war Homosexualität bei Kelten – die auch im heutigen Bayern siedelten – ebenso alltäglich wie bei Griechen und Römern. Diese Konstellationen zeigen: Sexualität war im alten Europa kein Tabuthema, sondern Teil des sozialen Geflechts.
Zwischen Wissenschaft und Spekulation
Hier verläuft die Grenze zwischen seriöser Archäologie und medialer Fantasie. Sexuelle Orientierung lässt sich aus Knochen nicht ablesen. Zwar erinnert der Fund an den berühmten „Gay Caveman“ aus Tschechien, bei dem eine von der Norm abweichende Grabstellung für internationale Schlagzeilen sorgte. Doch auch damals wiesen Fachleute darauf hin: Jede Interpretation bleibt hypothetisch, solange keine genetischen oder weiteren kulturellen Belege vorliegen. Wir projizieren moderne Kategorien zurück in eine Epoche, die ganz andere soziale Logiken kannte. Die Diskussion verrät deshalb mehr über unsere eigenen Sehnsüchte nach queerer Geschichtsschreibung als über die tatsächlichen Lebenswelten der Steinzeit. Was die Männer von Sengkofen verbindet, bleibt damit offen – und zugleich faszinierend.
*Quellen: merkur.de, ovb-heimatzeitungen.de, theweek.com, abcnews.go.com, johnwinterblog.wordpress.com