Über Dieter Nuhrs Femizid-Nummer in „Nuhr im Ersten XXL" ist viel gestritten worden. Über die Zahlen, die er gegeneinander aufrechnet. Über die Täter-Opfer-Umkehr in seinem Ratschlag, Frauen sollten ihren Partner „vor dem Geschlechtsverkehr vielleicht einfach erst mal kennenlernen". Beides ist berechtigt. Aber das Eigentliche steckt woanders: in dem, was Nuhr über Sex und Begehren denkt – und seit Jahren auf die Bühne bringt.
Illustration: KI erstellt
Schauen wir uns den Satz noch einmal an, aber von einer anderen Seite. Damit der Witz funktioniert, muss das Publikum eine Annahme teilen: dass eine Frau, die schnell mit jemandem schläft, etwas Unvorsichtiges, ein bisschen Anrüchiges tut. Der Sex vor dem Kennenlernen ist die eigentliche Pointe – das vermeintlich Leichtfertige, über das man schmunzeln darf. Nuhr sagt nicht offen, dass weibliche Lust verdächtig ist. Er setzt es voraus. Und das Publikum lacht, weil es die Voraussetzung teilt.
Das ist der Punkt, der mich an dieser Sache wirklich stört. Nicht in erster Linie die kaputte Statistik. Sondern die Selbstverständlichkeit, mit der hier weibliche Sexualität zum Risiko erklärt wird, das frau besser im Griff behält.
Warum eigentlich soll eine Frau nicht einfach Sex haben? Mit wem sie will, wann sie will, wie schnell sie will? In Nuhrs Logik steckt eine uralte Vorstellung: Sex ist etwas, das die Frau gewährt und für das sie geradesteht – nicht etwas, das sie selbstbestimmt genießt. Wer das mitlacht, lacht über eine Frau, die sich nicht ordentlich zurückgehalten hat.
Nuhr selbst sieht das natürlich anders. In einer langen Replik auf Facebook beteuert er, er habe weder Witze über Femizide gemacht noch Victim-Blaming betrieben – der Vorwurf sei „lächerlich". Mag sein. Nur verteidigt er sich damit gegen etwas, das ihm hier gar nicht in erster Linie vorgeworfen wird. Über den eigentlichen Kern verliert er kein Wort: dass in seiner Pointe das schnelle, selbstbestimmte Begehren einer Frau das eigentlich Komische sein soll. Stattdessen empfiehlt er, man könne „bei der Partnerwahl gelassen bleiben". Genau diese Gelassenheit ist das Privileg eines Mannes, der die Angst von Frauen vor Gewalt nie selbst gespürt hat.
Kein Ausrutscher, sondern Methode
Und damit ist Nuhr genau dort, wo er erstaunlich oft landet: bei der Abwertung von Sexualität, die nicht in sein bürgerliches Schema passt. Das ist keine einmalige Entgleisung. 2014, beim „Satiregipfel", tarnte er eine ganze Serie homophober Klischeewitze als Kritik an der russischen Homophobie – von der Seife in der Gemeinschaftsdusche bis zu „Prinzessin Putin". Der Medienkritiker Johannes Kram hat diesen Auftritt in seinem Nollendorfblog damals Stück für Stück auseinandergenommen: Homophobie, getarnt als Kritik an der Homophobie. Über trans* Kinder witzelte Nuhr, ihnen werde eingeredet,
„der Penis sei eigentlich nur eine neugierige Vagina, die gern vorne rauskommt".
Geschlechterforschung kanzelt er als „Bullshit" ab. Es ist immer dieselbe Bewegung: Alles, was Geschlecht und Begehren jenseits der vermeintlichen Normalität verhandelt, wird ins Lächerliche, Eklige, Verdächtige gezogen.
Das Muster ist dabei immer dasselbe, ob es Frauen oder queere Menschen trifft. Die Herabwürdigung selbstbestimmter weiblicher Sexualität und die Verächtlichmachung von schwulem Sex oder von trans* Körpern entspringen derselben Quelle: dem Unbehagen an einer Sexualität, die sich nicht rechtfertigt. Nuhr macht sich zum Anwalt einer Mehrheit, die es als Zumutung empfindet, dass andere Menschen anders begehren, anders lieben, anders Sex haben – und das auch noch ohne schlechtes Gewissen.
Was die Kunstfreiheit nicht beantwortet
Der rbb hat auf die Kritik mit dem üblichen Reflex reagiert: Kunstfreiheit, zugespitzte Formulierung, keine Konsequenzen. Das mag juristisch tragen. Aber es ist keine Antwort auf die eigentliche Frage. Niemand will Nuhr verbieten, schlechte Witze zu machen. Die Frage ist, warum ein öffentlich-rechtlicher Sender – mitfinanziert von genau den Frauen, queeren und trans* Menschen, über die hier gelacht wird – diese Haltung zur besten Sendezeit als wertvolle Satire adelt.
Illustration: KI erstellt
Es geht bei Nuhr nicht um die Fallhöhe einer Pointe. Es geht um ein Weltbild, in dem fremde Lust grundsätzlich erklärungsbedürftig ist. Frauen sollen sich für ihren Sex rechtfertigen, Schwule für ihren, trans* Personen gleich für ihre ganze Existenz. Die befreiende Nachricht, die Nuhr offenbar nie erreicht hat: Niemand muss das. Eine Frau darf einfach Sex haben. Und wir anderen auch. *Christian Knuth