15 Jahre Bundesstiftung Magnus Hirschfeld – und statt nur zurückzublicken, stellt die Stiftung gleich die Frage nach ihrer eigenen Zukunft. Den Auftakt einer neuen Online-Textreihe macht am Donnerstag Queerbeauftragte Sophie Koch. Ihre Botschaft: Queere Projekte brauchen endlich verlässliches Geld – sechs bis acht Millionen Euro im Jahr.
Seit 15 Jahren arbeitet die Bundesstiftung Magnus Hirschfeld (BMH) mit Forschung, Bildung und Erinnerungskultur für die Akzeptanz queerer Menschen. Zum „kleinen Jubiläum" verzichtet die Stiftung auf Selbstbeweihräucherung und startet stattdessen die Textreihe „Perspektiven. Für die BMH der Zukunft". Ab dem 4. Juni erscheint dort jeden Donnerstag um 9 Uhr ein neuer Beitrag – von Autor*innen aus Politik, Wissenschaft, Aktivismus und Journalismus, die ihre Sicht auf die kommenden Jahre der Stiftung aufschreiben.
Den Anfang macht eine prominente Stimme: Sophie Koch, Beauftragte der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Unter der Überschrift „Mehr Fördern wagen" – eine bewusste Anspielung auf Willy Brandts „Mehr Demokratie wagen" – legt sie ein Plädoyer für eine grundlegend andere Förderpolitik vor.
Sichtbarkeit allein reicht nicht mehr
Kochs Ausgangspunkt: Während queeres Leben sichtbarer geworden sei, wachse zugleich der Gegenwind. Die Zahl queerfeindlicher Straftaten steige seit Jahren, Beratungsstellen meldeten mehr Anfragen, Schulen mehr Konflikte. Ausgerechnet die Strukturen, die Schutz, Beratung und Prävention leisten, seien dabei oft am fragilsten – getragen von wenigen hauptamtlichen Stellen und viel Ehrenamt, finanziert über befristete Projektförderung, die kaum langfristige Planung erlaubt. Vor allem im ländlichen Raum, so Koch, seien queere Projekte häufig die einzigen erreichbaren Anlaufstellen überhaupt. Fällt dort ein Angebot weg, gehe meist weit mehr verloren als nur ein einzelnes Projekt.
Besonders deutlich werde das beim Bundesprogramm „Demokratie leben!". Rund 3,7 Millionen Euro fließen dort laut Koch jährlich in queere Projekte und Verbände – bei einem Gesamtvolumen von etwa 200 Millionen. Eine Summe, die „angesichts der bestehenden Bedarfe offenkundig nicht auskömmlich ist", schreibt die Queerbeauftragte. Queere Projekte seien „kein gesellschaftlicher Luxus", sondern „demokratische Infrastruktur".
Sechs bis acht Millionen – und eine größere Rolle für die BMH
Ihr konkreter Vorschlag, mit dem sie die Debatte eröffnen will: eine gebündelte Bundesförderung in Höhe von sechs bis acht Millionen Euro im Jahr – möglicherweise stärker unter dem Dach der BMH zusammengeführt oder institutionell enger mit ihr verzahnt. Bislang fördert die Stiftung Projekte nur in einer Größenordnung von rund 60.000 Euro jährlich; ein solcher Auftrag wäre also ein erheblicher Aufwuchs, der politisch gewollt und im Bundeshaushalt abgesichert werden müsste. Entscheiden, das betont Koch selbst, müsse das am Ende nicht die Stiftung, sondern der Haushaltsgesetzgeber.
Koch ist nur der Auftakt
Foto: Philipp Bauer
In den kommenden Wochen folgen unter anderem Bundesjustizministerin und BMH-Kuratoriumsvorsitzende Stefanie Hubig, der Direktor der Bundesstiftung Gleichstellung Arn Sauer sowie Abgeordnete des Bundestags, Hochschullehrerinnen, Aktivistinnen und Journalistinnen.
„Alle Beiträge der neuen Textreihe repräsentieren bewusst die eigenen Meinungen und Forderungen der jeweiligen Autor_innen", erklärt BMH-Vorstand Helmut Metzner – die Reihe solle „konstruktive Debatten auslösen".
👉 Alle Beiträge erscheinen ab dem 4. Juni jeden Donnerstag ab 9 Uhr auf mh-stiftung.de/projekte/perspektiven. Kostenfrei.