Foto: Ina Fassbender / AFP
Alice Schwarzer
Alice Schwarzer sorgt mit ihren Positionen zur Trans- und Queer-Thematik seit Jahren für hitzige gesellschaftliche Diskussionen. In einem ausführlichen Live-Interview bei Deutschlandfunk Kultur im Berliner Humboldt Forum nutzte sie die Bühne nun erneut für eine scharfe Abrechnung: Sie warf Teilen der queeren Bewegung einen „Realitätsverlust“ vor, bekräftigte ihre biologisch-essenzialistische Haltung und kritisiert die Queer-Politik der Bundesregierung. Aber wie stichhaltig sind Schwarzers Thesen auf Basis aktueller medizinischer, psychologischer und soziologischer Forschung noch?
„Realitätsverlusts“ und die Biologie
In der Auseinandersetzung um Geschlechtsidentitäten wirft Alice Schwarzer Teilen der queeren Bewegung vor, Fakten auszublenden. Sie diagnostiziert einen „Realitätsverlust“ und kritisiert: „Es gibt jetzt Menschen, die möchten, dass das, was sie sich wünschen, Realität ist“. Für Schwarzer ist die Zweigeschlechtlichkeit eine unumstößliche Tatsache: „Gibt es die Behauptung, es gäbe mehr als zwei biologische Geschlechter? Nein, es gibt nur zwei“. Dies sei keine Meinungs-, sondern eine Wissenschaftsfrage. Gleichzeitig erkennt sie an, dass es jenseits der Biologie „sehr viele kulturelle Geschlechter“ und „Geschlechterrollen“ gebe.
Schwarzers strikte Trennung zwischen unveränderlicher Biologie (Sex) und sozialer Rolle (Gender) entspricht dem feministischen Stand der 1970er Jahre, greift nach heutigem wissenschaftlichen Konsens aber zu kurz. Die moderne Medizin und Biologie weisen darauf hin, dass die rein körperliche Zweigeschlechtlichkeit nicht absolut ist. Intergeschlechtliche Menschen werden mit Chromosomen-, Hormon- oder anatomischen Mustern geboren, die nicht eindeutig in das binäre Raster von „männlich“ oder „weiblich“ passen. Führende Fachgesellschaften (wie die World Professional Association for Transgender Health, WPATH, oder die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, DGPPN) definieren dazu die Geschlechtsidentität als ein tief verwurzeltes, inneres Wissen um das eigene Geschlecht. Diese Identität kann von den körperlichen Merkmalen bei der Geburt abweichen und wird heute als natürliche Variation der menschlichen Entwicklung verstanden, nicht als „Wunschdenken“ oder psychische Störung.
Die Queer-Beauftragte und Debattenkultur
Schwarzer kritisierte einen Social-Media-Beitrag der Queer-Beauftragten der Bundesregierung, in dem sie mit der Autorin J.K. Rowling und dem US-Politiker Donald Trump gleichgesetzt wurde. Schwarzer bezeichnete dies als „Unerhörtheit“ und kritisierte, dass solche Diffamierungen „sozusagen im Namen der Regierung“ stattfinden. Sie sieht darin ein Symptom einer Debattenkultur, in der Menschen mit abweichenden Meinungen mundtot gemacht würden: „In dem Moment, wo man eine andere Meinung hat [...] wird man diffamiert“.
Modetrend oder Enttabuisierung? Die „Verführungsthese“
Obwohl im unmittelbaren Interviewauszug nicht explizit im Detail ausgeführt, gehört zu Schwarzers Kernargumentation der Vorwurf, der Anstieg von transgeschlechtlichen Jugendlichen sei ein „Modetrend“, bei dem junge Mädchen durch soziale Medien und unkritische Beratungseinrichtungen zur Transition „verführt“ würden. Sie spricht oft von Zehntausenden Betroffenen, denen eine nur verschwindend geringe Zahl an „echten“ trans Personen gegenüberstehe.
Die empirische Forschung widerspricht der These einer massenhaften psychologischen Ansteckung (oft als Rapid Onset Gender Dysphoria bezeichnet, ein Begriff, der von den meisten Fachgesellschaften abgelehnt wird). Soziologen und Mediziner erklären den rasanten Anstieg an Coming-outs bei Jugendlichen nicht mit einer Verführung, sondern mit dem Abbau von Stigmata. Ähnlich wie bei der Entkriminalisierung von Homosexualität oder der Akzeptanz von Linkshändern führt eine sicherere gesellschaftliche Umgebung dazu, dass sich mehr Menschen trauen, ihre wahre Identität offen zu leben. Die Sorge, Jugendliche würden massenhaft übereilte Körpermodifikationen vornehmen und diese später bereuen, wird durch Längsschnittstudien nicht gestützt. Die Detransitionsrate liegt weltweit stabil bei nur etwa 1 bis 5 Prozent. Mehr als 80 Prozent der Abbrüche erfolgen zudem nicht, weil die Betroffenen feststellen, doch nicht trans zu sein, sondern aufgrund massiven gesellschaftlichen Drucks, fehlender finanzieller Mittel oder familiärer Ablehnung.
*Quellen: Deutschlandfunk Kultur, Buchpublikation: Alice Schwarzer & Chantal Louis (Hrsg.): Transsexualität. Was ist eine Frau? Was ist ein Mann? Eine Streitschrift (Kiepenheuer & Witsch, 2022), Robert Koch-Institut, WHO, WPATH, DGPPN, USTS, Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism, Pediatrics